Machtkampf: VW und renitente Zulieferer erzielen Einigung

von Michael Rasch / 23.08.2016

Die Mitarbeiter der streitenden Unternehmen sowie nicht involvierte Zulieferer können aufatmen. VW und zwei wichtige Zulieferer haben ihren Zank beendet. Sind damit alle langfristigen Folgen klar?

Im Streit zwischen VW und den beiden in Sachsen domizilierten Zulieferern der bosnischen Prevent-Gruppe ist es am Dienstag zu einer Lösung gekommen. Über die Inhalte der Einigung vereinbarten beide Seiten Stillschweigen. Die Lieferanten wollen offenbar mit der Belieferung von Volkswagen umgehend wieder beginnen, wie ein VW-Sprecher am Dienstag gegenüber Nachrichtenagenturen sagte.

Die betroffenen Standorte würden entsprechend die schrittweise Wiederaufnahme der Produktion vorbereiten. Die Parteien hatten laut Medien-Informationen seit Montagmittag wieder am Verhandlungstisch gesessen. Was die Einigung für das langfristige Verhältnis von VW und Prevent bedeutet und ob VW Schadensersatz von den Zulieferern für die Produktionsstörung verlangt, ist unklar. Juristisch hatte VW vor einem Gericht in Braunschweig jeweils Teilerfolge erzielt.

Fast 30’000 Mitarbeiter betroffen

Die beiden Zulieferern ES Automobilguss (Getriebegussteile) und Car Trim (Sitzbezüge) hatten den weltgrössten Autokonzern seit vergangener Woche nicht mehr mit den nötigen Teilen zur Produktion beliefert, was bei der heutzutage üblichen Echtzeit-Produktion (just-in-time) schnell zu erheblichen Störungen im Betriebsablauf führt. Der Konzern hatte am Montag mitgeteilt, dass von der Eskalation des Streits sechs Werke und insgesamt rund 28’000 Mitarbeiter betroffen seien.

Zum Teil standen die Fliessbänder bereits still, etwa im Werk in Emden, wo der Passat produziert wird und im Stammwerk in Wolfsburg, wo die Produktion des Golf betroffen war. Weitere tangierte Werke waren jene in Zwickau, Baunatal bei Kassel, Salzgitter und Braunschweig. Der Konzern hatte daraufhin Flexibilisierungsmassnahmen bis hin zur Kurzarbeit angekündigt. Vor allem der Rückgriff auf Kurzarbeit stiess dabei auf deutliche Kritik, denn damit versuchte VW, die Kosten des Konflikts auf die Arbeitslosenversicherung auszulagern. Kurzarbeitergeld darf jedoch nur gewährt werden, wenn der Arbeitsausfall konjunkturell bedingt ist oder auf einem unabwendbaren Ereignis fusst. Streit mit einem Zulieferer dürfte wohl nicht unbedingt ein unabwendbares Ereignis sein.

Weiter Ärger für VW möglich

Um was es in dem Konflikt genau geht, blieb weitgehend ungewiss. Dem Vernehmen nach handelt es sich um einen Streit über Schadensersatzzahlungen, weil VW ein gemeinsames Projekt gekündigt hat, für das ein Zulieferer bereits Investitionen getätigt hatte. Im Raum steht eine vom Zulieferer offenbar als zu niedrig empfundene Summe von knapp 60 Mio. €. Es ist nach einem Generationenwechsel in dem wohl grössten bosnischen Konzern, der auch in anderen Bereichen ausserhalb der Automobilzulieferung aktiv ist, nicht der erste heftige Konflikt von VW mit der Prevent-Gruppe. Ärger gab es etwa bereits in Brasilien.

Unterdessen hatte der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) bereits davor gewarnt, dass die Folgen des Streits für die gesamte Wertschöpfungskette inzwischen beträchtlich seien. Aufgrund der stehenden Produktionsbänder könnten andere Zulieferer ihre Teile nicht ausliefern und müssten Bestände aufbauen. Schon allein bei der Herstellung des VW Golf seien rund 500 Lieferanten beteiligt. Durch die Einigung dürfte sich die Lage bei den nicht in den Streit involvierten Zulieferern aber bald entspannen. Wie zudem bekannt wurde, untersucht die deutsche Finanzaufsicht (Bafin) die Kommunikation von VW im Hinblick den Zank mit den Zulieferern. Geprüft werden, ob eine veröffentlichungspflichtige Insider-Tatsache vorgelegen habe, die der Konzern per Adhoc-Mitteilung hätte öffentlich machen müssen.