Christoph Ruckstuhl / NZZ

Briefmarken

Märkte und Handelsplätze rund um die Welt: Nur rare Briefmarken sind gefragt

von Marco Giordani / 26.07.2016

Der Markt für Briefmarken ist gesättigt. Nur absolute Qualitätsware findet einen Käufer. Das birgt ein grosses Enttäuschungspotenzial für Briefmarkensammler.

Im Saal des „Weissen Windes“ im Zürcher Oberdorf sind knapp zwei Dutzend Briefmarkensammler zugegen. Die Auktion des Philatelisten-Vereins Helvetia steht an. Das erste Los, das Herbert Schwander, Co-Präsident des Vereins, zur Versteigerung ausruft, umfasst zwei Ordner mit rund 160 Schweizer Ersttagsbriefen aus den Jahren 1959 bis 1972. Diese Briefe sind mit Marken frankiert, die am ersten Tag ihrer Gültigkeit abgestempelt worden sind. Das Los geht gerade für 2 Fr. weg – die beiden Alben allein, ohne Inhalt, sind mehr wert.

Unter Druck

Das ist nur auf den ersten Blick erstaunlich. Denn der Markt für Briefmarken steht seit Beginn der neunziger Jahre unter Druck. Das Sammeln von Briefmarken, in früheren Zeiten eines der beliebtesten und am weitesten verbreiteten Hobbys, ist aus der Mode gekommen. Die Jugend von heute ist in ihrer Freizeit eher in der grenzenlosen digitalen Welt unterwegs und hat kaum mehr einen Bezug zu Briefen und Briefmarken. Damit fehlt der Nachwuchs.

Der sinkenden Nachfrage steht ein tendenziell wachsendes Angebot gegenüber. Die Sammler aus den sechziger und siebziger Jahren, der Blütezeit des Briefmarkensammelns, kommen in die Jahre, geben ihr Hobby auf oder werden vom Tod eingeholt. Ihre Sammlungen vergrössern das ohnehin schon reichliche Angebot. Das hat zur Folge, dass Standardware ab 1945 kaum mehr etwas wert ist. Wer von seinem Grossvater eine Sammlung erbt, die nach dem Zumstein-Katalog, der massgebenden Bibel in der Schweizer Briefmarkenwelt, einen Marktwert von 20 000 Fr. hat, wird sie für einen Bruchteil dieser Summe verkaufen können. Kaum ein Händler wird für solche „Grossvaterware“ überhaupt einen Preis bieten.

Die Frage stellt sich: Welchen Wert hat ein Katalog, der auf marktfernen Preisen aufbaut? Christoph Hertsch, der die 1905 gegründete Firma Zumstein in vierter Generation führt, macht zum einen geltend, dass die Katalogpreise für Ware bester Qualität gelten. Zum andern seien diese in den vergangenen Jahren bereits nach unten angepasst worden. Zudem müsse ein Briefmarkenhändler, der einen Laden betreibe, mit einer anderen Kostenstruktur rechnen als ein Online-Anbieter. Sammler nutzen den Zumstein-Katalog primär als Informationsquelle, kaufen und verkaufen Briefmarken immer öfter über das Internet und gehen bei der Preisfestsetzung von 10% bis 20% des Katalogwerts aus. Wertbeständiger als Standardware sind ungestempelte Marken ab dem Jahrgang 1960. Wenigstens lassen sich mit ihnen heute noch Briefe und Karten frankieren.

Fokussierung auf Luxusware

In einem derart gesättigten Markt konzentriert sich das Interesse zusehends auf perfekte Luxusware. Dazu zählen seltene Marken, die keinen Falz haben, mit einem leserlichen Stempel versehen sind, keinerlei Stockflecken aufweisen und perfekt gezahnt sind. Bereits kleinste Mängel führen zu grossen Preisabschlägen. Stimmt hingegen die Qualität, stimmen auch die erzielten Preise.

An der diesjährigen Versteigerung des Auktionshauses Rapp in Wil wechselte etwa ein mit der Kultmarke „Basler Dybli“ frankierter Brief für 87 840 Fr. den Besitzer. In der Auktion von 2014 wurde die gleiche Marke für 85 000 Fr. ersteigert, nach einem Startpreis von 20 000 Fr. Ein mit einem „Basler Dybli“ frankierter Stadtbrief war einem Bieter gar 103 800 Fr. wert. Einen Eintrag ins „Guinness Book“ der Rekorde sicherte sich das Auktionshaus Rapp mit einer äusserst seltenen hellblauen „Rayon I“-Marke: Sie wurde dem Meistbietenden für 324 000 Fr. zugeschlagen und gilt als die teuerste je in der Schweiz verkaufte Briefmarke. Für eine 80 Marken umfassende Altschweiz-Sammlung legte ein Bieter an der diesjährigen Rapp-Auktion 40 260 Fr. auf den Tisch. Neben Rapp zählen Corinphila (Zürich), Feldman (Genf) und Chiani (Gossau) zu den führenden Schweizer Auktionshäusern.

Diese Beispiele zeigen: Für besonders seltene und schöne Marken gibt es immer noch einen Markt. Allerdings sind es weniger klassische Briefmarkensammler als vielmehr in- und ausländische Investoren, die sich diese Raritäten streitig machen. In einem Umfeld stabil niedriger Zinsen, in dem ein Anlagenotstand herrscht, bleiben seltene Briefmarken offenbar attraktiv.

An der Auktion des Philatelisten-Vereins Helvetia wurden keine Höchstpreise erzielt. Die rund 40 Lose generierten einen Auktionserlös von 740 Fr. Den Höchstpreis von 55 Fr. erreichte ein Album mit Briefmarken aus der Schweiz und Liechtenstein – der Kontrast zur „anderen“ Welt, jener der Auktionshäuser, könnte grösser nicht sein.