Geldpolitik

Makroprudenzielle Politik: Alter Wein – neue Schläuche

von Thomas Fuster / 01.09.2016

Am Begriff „makroprudenziell“ führt seit einigen Jahren keine wirtschaftspolitische Debatte mehr vorbei. Gar so neu, wie es oft scheint, ist das dahinterliegende Problem aber nicht.

Die Finanzkrise kennt vor allem Verlierer. Es gibt aber auch einige Gewinner. Zu ihnen zählt das Wort „makroprudenziell“. Der sperrige Begriff, der auf etwas gar gradlinige Weise vom Englischen (macroprudential) ins Deutsche übersetzt wurde, ist seit Jahren fester Bestandteil wirtschaftspolitischer Debatten. Der erste Teil des Wortkonstrukts lässt erahnen, dass es sich um etwas Grosses handelt. In der Tat zielt makroprudenzielle Politik auf die Stabilität des Finanzsystems als Ganzes, und zwar mit den Instrumenten der Regulierung und Aufsicht. Sie grenzt sich damit ab von der mikroprudenziellen Politik, die nur einzelne Institute – etwa Banken oder Versicherer – im Visier hat.

Der Begriff ist ein Kind der Finanzkrise. Die Krise hat nämlich manch vermeintliche Gewissheit in ein neues Licht rücken lassen. So zeigte sich, dass die ausreichende Kapitalisierung einzelner Finanzhäuser noch nicht sicherstellt, dass auch der Finanzsektor als Ganzes auf soliden Füssen steht. Anders formuliert: Gesunde Einzelteile gehen noch nicht mit einem gesunden Gesamtsystem einher. Notwendig, so das Fazit der Politik, ist daher ein ganzheitlicher Blick, der die systemischen Risiken berücksichtigt – etwa die Vernetzung der Akteure, deren Risikobereitschaft oder drohende Konsequenzen beim Kollaps eines systemrelevanten Teils.

Völlig neu ist diese Erkenntnis natürlich nicht. Dass solche Risiken existieren, war schon vor der Krise bestens bekannt. Die Präsentation des Themas als neues Politikfeld verwischt denn auch die Fakten. Letztlich verdankt sich die makroprudenzielle Politik nämlich nicht zuletzt der extrem lockeren Geldpolitik, wie sie in den USA schon vor der Krise herrschte. Diese Politik führte zu einer übermässigen Risikoneigung im Finanzsystem und somit zum Aufbau gefährlicher finanzieller Ungleichgewichte. Die beste makroprudenzielle Politik wäre daher eine (weniger expansive) Geldpolitik, die solche Ungleichgewichte gar nicht erst aufkommen lässt. Das tönt – und ist – ziemlich trivial, geht bei der modischen Debatte über makroprudenzielle Interventionen aber allzu oft unter.