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Stahlmarkt

Maos Traum ist wahr geworden

von Matthias Müller / 23.02.2016

Als die Weltwirtschaft 2008 kollabierte, haben sich Chinas Machthaber mit Konjunkturpaketen dagegengestemmt. Es haben sich in einigen Branchen Kapazitäten angehäuft, die überflüssig und schädlich sind. Der Abbau wird schmerzhaft, wie NZZ-Korrespondent Matthias Müller aus Peking berichtet.

Falls die Wendung „Auf die Größe kommt es an“ auf das Wirtschaftsleben zuträfe, müsste China in Champagnerlaune sein. Im vergangenen Jahr wurde jede zweite Tonne Stahl weltweit in China produziert; im Aluminium-Sektor kommt die Hälfte des Angebots auf dem Weltmarkt aus dem Reich der Mitte, und 57 Prozent der globalen Zement-Produktion stammen aus China. Allein in den beiden Jahren 2011 und 2012 hat das asiatische Land so viel Zement hergestellt wie die Vereinigten Staaten im gesamten 20. Jahrhundert, was jedoch auch die USA in ein schlechtes Bild rückt und Bände spricht für die marode amerikanische Infrastruktur.


Credits: Moody’s, World Steel Association

Vergeudung von Ressourcen

Solche Größe versetzt China jedoch nicht länger in Champagnerlaune, sondern bereitet den Machthabern in Peking Kopfzerbrechen, weil viele Unternehmen nicht profitabel sind. Dieser Befund schadet der chinesischen Binnenwirtschaft, weil Ressourcen vergeudet werden, die an anderer Stelle, wie bei Forschung und Entwicklung, besser eingesetzt werden könnten, und bringt den Rest der Welt in Aufruhr, wie die Diskussionen um billige Stahlimporte in der EU zeigen. Es haben sich in China in einigen Branchen Überkapazitäten angehäuft, die in den kommenden Jahren abgebaut werden müssen. Dieser Weg wird dornenreich, weil Millionen von Arbeitsplätzen verloren gehen werden – oft in Regionen, in denen es für die Beschäftigten kaum Alternativen gibt. Laut der japanischen Großbank Mizuho sind in den unter Überkapazitäten leidenden Branchen 16 Millionen Menschen beschäftigt. Rund die Hälfte der Stellen sei bedroht, schreiben die Ökonomen von Mizuho. Nichts fürchtet die Kommunistische Partei mehr als soziale Unruhen, durch die der Machtanspruch infrage gestellt werden könnte.

Die Europäische Handelskammer in China hat nun nach 2009 ihre Studie „Overcapacity in China“ zum zweiten Mal zusammen mit der Unternehmensberatung Roland Berger aufgelegt und belegt, wie dringend der Handlungsbedarf ist. Neben dem Aluminium-, dem Stahl- und dem Zementsektor nehmen die Autoren die Chemie-, die Raffinerie-, die Glas-, die Schiffsbau- und die Papier-Branche unter die Lupe. In all diesen Zweigen hat sich die Kapazitätsauslastung seit 2008 weiter verschlechtert. Die Vorschläge der ersten Studie hätten an Aktualität nichts verloren, sagte der Präsident der Europäischen Handelskammer, Jörg Wuttke – im Gegenteil, ließe sich noch anfügen.

Exemplarisch steht Chinas Stahlbranche für die Verschwendung knapper Mittel und für das immense Wachstum, welches der Zweig hinter sich hat. Anfang der fünfziger Jahre beliefen sich die Kapazitäten auf 2 Millionrn Tonnen. Es war der Traum Mao Zedongs, dass China im Zuge des „Großen Sprungs nach vorn“ von 1958 bis 1961 Großbritannien bei der Stahlproduktion überholt – mit der Folge, dass Millionen von Menschen verhungerten, weil die Landwirtschaft vernachlässigt worden war. Mao scheiterte mit seinen Plänen kläglich.


Credits: Moody’s, World Steel Association

Die Zeiten haben sich jedoch geändert. Die Rating-Agentur Fitch schätzt, dass China inzwischen 1,17 Milliarden Tonnen Stahl produzieren könnte. Tatsächlich stellten die chinesischen Stahlunternehmen im vergangenen Jahr „nur“ 803,8 Millionen Tonnen her – bei einer weltweiten Produktion von 1622,8 Millionen Tonnen. Damit sind im vergangenen Jahr die Kapazitäten zu rund 68 Prozent ausgelastet gewesen; eine Auslastung zwischen 79 und 83 Prozent gilt als optimal. Positiv ist zumindest zu vermerken, dass China die Kapazitäten in den vergangenen Jahren gesteigert hat, ohne dass wie zu Zeiten Maos Menschen verhungerten. 2000 stellte China gerade einmal 127 Millionen Tonnen Stahl her, der Anteil an der weltweiten Produktion betrug bescheidene 15 Prozent.

Seitdem haben die chinesischen Stahlunternehmen jedoch kräftig zugelegt. Wuchs bis 2015 die globale Stahlproduktion um 91,6 Prozent, belief sich der Zuwachs in China auf 532 Prozent; vor allem zwischen 2008 und 2012, als Chinas Machthaber sich mit Konjunkturpaketen gegen die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise stemmten, explodierten die Kapazitäten – nicht nur in der Stahlbranche. Das rächt sich nun bitter.

Wirtschaftliche Schieflage

Es gibt Schätzungen, wonach China 2030 jährlich nur noch 500 Millionen Tonnen Stahl benötigen wird. Das hat einen einfachen Grund: Annähernd 40 Prozent der Nachfrage nach diesem Werkstoff stammen laut der Rating-Agentur Moody’s aus dem Hochbau. Nach wilden Boomjahren kühlt diese Branche jedoch ab. Zu einstigen Höhenflügen wird sie nicht wieder ansetzen. Das bekommt die Stahlbranche zu spüren. Die Preise für den Werkstoff gingen stark zurück. Die Konkurrenz im Ausland kann ein Lied davon singen.

In welcher wirtschaftlichen Bredouille sich viele chinesische Stahlunternehmen befinden, zeigen die Zahlen der China Chamber of Commerce for Metallurgical Enterprises. Danach schrieben im vergangenen Jahr 70 Prozent der untersuchten 110 chinesischen Stahlproduzenten rote Zahlen. Die China Steel Association kam zum Ergebnis, dass sich von Januar bis Oktober 2015 die Verluste der Stahlfirmen auf 72 Milliarden Yuan (rund 10,9 Milliarden Franken) summierten. In diesem Punkt weist die Untersuchung der Europäischen Handelskammer einen Makel auf, weil eine Analyse betriebswirtschaftlicher Kennziffern unterbleibt. Der alleinige Blick auf die Kapazitätsauslastung ist nur bedingt aussagekräftig. Manchen Firmen gelingt es trotz einer geringen Auslastung immer noch, Löhne zu bezahlen und Schulden zu begleichen; vielen dagegen nicht.


Credits: Moody’s, World Steel Association

Darin liegt jedoch die eigentliche Gefahr für die chinesische Gesamtwirtschaft. Sollte es den oft hochverschuldeten Firmen nicht gelingen, ihre Verbindlichkeiten zu begleichen, sitzen Chinas Banken bald auf einem Berg fauler Kredite. Derzeit werden viele „Zombie“-Firmen noch künstlich am Leben gehalten, obwohl die Insolvenz der einzig vernünftige Wege wäre. Im Zweifelsfall müsste der Steuerzahler einspringen, um die Geschäftsbanken zu rekapitalisieren, wenn sie auf den Krediten sitzenblieben. Je schneller der Kapazitätsabbau geschehe, desto besser sei das für die Gesamtwirtschaft, sagte Wuttke. Eine Reform werde jedoch nicht über Nacht geschehen, sondern benötige wegen der zahlreichen Schritte Zeit und müsse sozial abgefedert werden.

Allerdings dürften die Machthaber in Peking an Grenzen stoßen. Die Regierungen in den Provinzen sind vielfach Eigentümer der – staatseigenen – Unternehmen und haben viel unternommen, diese mit billigem Bauland, günstiger Energie und Krediten am Leben zu erhalten, damit sie Arbeitsplätze schufen und Steuern zahlten. Solange es den Provinzregierungen jedoch an alternativen Einnahmequellen fehlt und es für die von Arbeitslosigkeit bedrohten Beschäftigten keine Perspektive gibt, wird der Anreiz gering sein, die notwendigen Reformen anzugehen. In solchen Fällen ist der lange Arm Pekings dann doch nicht lang genug.

Den wirtschaftlich einzig gangbaren Weg stellt neben der Schließung vieler Standorte eine Privatisierung dieser Konzerne dar. Es gibt kein effizienteres System als die Marktwirtschaft: Wenn Unternehmen an den Bedürfnissen der Kunden vorbeiproduzieren, sind sie nicht lange überlebensfähig und werden damit zu keiner Belastung für die Gesamtwirtschaft.

Exporte ziehen an

Zumindest gibt es jedoch erste Anzeichen für Besserung, auch wenn Pekings Machthaber sich schon einmal dazu bekannt haben, den Marktkräften künftig mehr Platz einräumen zu wollen. In den kommenden fünf Jahren sollen laut der Zentralregierung die Produktionskapazitäten in Chinas Stahlbranche um bis zu 150 Millionen Tonnen sinken. Zudem sollen keine weiteren Produktionsstandorte mehr genehmigt werden. Diese Schritte werden angesichts der immensen Überkapazitäten kaum ausreichen. Schmerzhaftere Reformen sind zwingend geboten.

Unterdessen suchen Chinas Stahlunternehmen zum Unmut der Konkurrenz ihr Heil im Ausland. Während im vergangenen Jahr die weltweite Produktion um 3,2 Prozent zurückging, zogen Chinas Stahlexporte an. 2014 betrugen sie 94 Millionen Tonnen; die Ausfuhren in die EU schnellten um mehr als 50 Prozent in die Höhe. Gegenüber den chinesischen Produktionskapazitäten handelt es sich um eine vernachlässigbare Größe. Setzt man die Zahl jedoch ins Verhältnis zur Produktionsmenge anderer Länder, erscheinen die Exporte in neuem Licht. Sie übertrafen etwa die US-Stahlproduktion um das 1,2-Fache. Nicht nur in der EU wächst die Sorge, dass durch die vom chinesischen Staat aufgepäppelte Konkurrenz viele Arbeitsplätze verloren gehen könnten.