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IMF drängt G20

Mehr Handel gegen die „Niedrigwachstumsfalle“

von Martin Lanz / 02.09.2016

Der Währungsfonds reagiert auf die zunehmend protektionistische Stimmung. Eine Belebung des Handels könne der Weltwirtschaft dringend nötige Wachstumsimpulse verleihen, heisst es in Washington.

2016 wird das fünfte Jahr hintereinander sein, in dem die Weltwirtschaft schwächer als im langjährigen Durchschnitt wächst. Und 2017 dürfte es nicht viel besser werden, sagt der Internationale Währungsfonds (IMF) der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G-20) vor deren Gipfeltreffen warnend. Es drohe eine „Niedrigwachstumsfalle“, wenn nicht Gegensteuer gegeben werde, (Verweis) schrieb IMF-Chefin Christine Lagarde am Donnerstag in einem Blog-Beitrag.

Den Motor neu starten

Worin soll dieses Gegensteuer bestehen? Einerseits wiederholt der IMF seine Empfehlung, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage mittels lockerer Geldpolitik sowie, wo Spielraum besteht, mit höheren Staatsausgaben zu stützen. Andererseits seien ehrgeizige Strukturreformen entschieden umzusetzen. Hier kämen die G-20-Staaten ihren Ankündigungen und Versprechungen bisher bei weitem nicht nach, kritisierte Lagarde. Besonders pointiert fällt aber die Forderung des IMF nach einer Belebung des internationalen Handels aus.

Es sei einfach, den Handel für alle wirtschaftlichen und sozialen Übel verantwortlich zu machen, wie das derzeit vielerorts geschehe. Man riskiere aber damit, einen Motor, der während Jahrzehnten rund um die Welt beispiellose Wohlfahrtsgewinne gebracht habe, abzuwürgen, so Lagarde. Der internationale Austausch von Gütern und Dienstleistungen sei für das Wachstum unter anderem deshalb so wichtig, weil er das Ausspielen von komparativen Vorteilen ermögliche und die Produktivität steigere. In dem Bericht an die G-20 stellt der IMF fest, dass sich von 2012 bis 2015 das Importwachstum in den meisten Ländern verlangsamt hat. Die Importquote der G-20-Länder, also deren Einfuhren in Prozenten des Bruttoinlandprodukts, stagniert deshalb bei etwa 27%. Zwar sei ein Grossteil dieser Verlangsamung auf die allgemeine weltwirtschaftliche Schwäche zurückzuführen. Das abnehmende Tempo bei der Handelsliberalisierung und eine Zunahme von protektionistischen Massnahmen trügen aber einiges zu der Negativdynamik bei, schreibt der Währungsfonds. Der Anteil der von temporären Handelsbarrieren betroffenen Produkte ist laut Daten der Weltbank jüngst stark angestiegen.

Plädoyer für die WTO

Der IMF ist vorsichtig und äussert sich nicht zu den hitzigen Diskussionen über die umstrittenen regionalen Freihandelsabkommen wie das transatlantische (TTIP), das transpazifische (TPP) oder Ceta. Regionale Abkommen könnten insbesondere dazu beitragen, in handelspolitisch noch relativ unerschlossenen Gebieten wie Dienstleistungen, E-Kommerz, regulatorischer Zusammenarbeit oder Investitionen Fortschritte zu erzielen, heisst es dazu allgemein.

Das ideale Forum für eine wachstumsorientierte Handelspolitik sei aber die Welthandelsorganisation WTO. Würden ausserhalb des multilateralen Rahmens erzielte Fortschritte nicht in die WTO hineingetragen, riskiere man ein System, in dem traditionelle Handelsangelegenheiten multilateral, regulatorische und neue Themen aber „wild“ betreut würden, meint der IMF.

Der IMF sieht die G-20 in der Pflicht, für den Freihandel einzustehen und die Öffentlichkeit dafür zu gewinnen. G-20-Länder müssten zeigen, wie Handel für Innovation, höhere Lebensstandards, mehr Beschäftigung und weniger Armut sorge. Handel müsse aber für alle funktionieren: Jene mit Anpassungsproblemen seien deshalb unbedingt zu unterstützen.