KEYSTONE/Jean-Christophe Bott

Sharing

Mehr kreative Zerstörung, das wär’s

Meinung / von Lukas Sustala / 04.06.2016

Innovation, das ist kreative Zerstörung, wusste der österreichische Ökonom Alois Schumpeter. Im wirtschaftspolitischen Alltag aber dominiert längst die unkreative Zerstörung. Disruptive Phänomene werden vor allem kritisiert.

Startups spielen hier eine besonders wichtige Rolle, weil dort Dynamik entsteht. Wir müssen ihnen den Rücken stärken, dann wird es auch wieder positive Jobentwicklungen geben.

Innovation ist „in“, könnte man meinen. Bei kaum etwas scheinen sich alle so einig zu sein, wie darüber, dass Österreich mehr Innovation, technischen Fortschritt, mehr Start-ups und ein höheres Bildungsniveau braucht. Der neue Kanzler etwa wird nicht müde, die Bedeutung von Start-ups hervorzustreichen.

Gestern hat sich auch die EU-Kommission schützend vor die „Sharing Economy“ gestellt, die man vor allem mit dem Fahrtdienst Uber und dem Unterkunftsvermittler Airbnb verbindet. Immer öfter kaufen Konsumenten Produkte nicht mehr, sondern nutzen sie nur für eine gewisse Zeit. Das spart Ressourcen (und Geld) und beschert gleichzeitig Vermittlern wie eben Uber ein großes Geschäft. Positiv kann man hier etwa die Stadt Wien mit der jüngsten Präsentation einer Carsharing-Strategie hervorheben.

Österreichs windschiefes Spielfeld

Man könnte also meinen, dass die EU-Kommission für ihre Forcierung eines EU-weiten Umgangs mit der „Sharing Economy“ Applaus erhält, der zu einem echten digitalen Binnenmarkt führen soll.

Allein, wenn es um schnell wachsende Silicon-Valley-Firmen und disruptive Phänomene geht, legt sich die österreichische Begeisterungsfähigkeit für Innovationen. Das zeigen immer wieder die Aussendungen der Sozialpartner und Parteien. Die Wirtschaftskammer warnte nach dem Schritt der Kommission vor „EU-Scheinlösungen“. In einem Positionspapier der Kammer ringt man sich immerhin dazu durch, dass man prinzipiell für wachstumsfördernde Maßnahmen ist. Allerdings müsse es eben ein „level-playing field“ geben. Wenn schon Wettbewerb, dann fair.

Das ist aber insofern ein Problem, als Österreich auf seinem „playing field“ nach sehr vielen, besonders strengen Regeln spielt, die ein internationaler Anbieter aus anderen Ländern kaum kennt. Die OECD etwa empfiehlt Österreich,  das einen der am strengsten regulierten Dienstleistungssektoren Europas aufweist, schon lange, auf Lockerung zu setzen. Sonst wird das wohl nichts mit dem Gründerland. So warnen die Ökonomen: „Regulation and lack of start-up capital inhibit entry of innovative new firms, undermining economic dynamism.“ Zumal es beim Sharing ja nicht nur um Wirtschaftswachstum geht, sondern mit dem Teilen auch Ressourcen gespart werden sollen.

Man möchte also Katarina Pokorny, Vizepräsidentin des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbands Österreich, zustimmen, wenn sie in einer Aussendung schreibt: „Einfach nur zuschauen ist verantwortungslos.“ Wer in einem Umfeld, in dem sich Angebot und Nachfrage durch neue Technologien grundlegend verändern, auf die Gewerbeordnung des vorigen Jahrtausends verlässt, wird wohl den Kürzeren ziehen.

Frau Pokorny hat ihren Satz freilich nicht so gemeint. Das ganze Zitat lautet nämlich: „Einfach nur zuschauen, Airbnb, Taxi Uber und Co. ihren freien Lauf lassen und gleichzeitig heimische EPU und KMU täglich mit neuen gesetzlichen Auflagen zu karnifeln, sehe ich als verantwortungslos.“ Das ist es wohl auch. Deregulierung tut Not. Die Gewerbeordnung steht ja – wieder einmal – auf der wirtschaftspolitischen Agenda, wie man dieser Tage hört. Man kann nur hoffen, dass sie auch in Angriff genommen und das bürokratische Dickicht etwas gelichtet wird.

Langfristig kann Österreich davon nur profitieren. Denn es sollte bei der Regulierung nicht darum gehen, die Pfründe bestehender Anbieter zu verteidigen. Sie sollte Veränderungen in der Gesellschaft anerkennen, wenn lieber geteilt als gekauft wird, Ressourcen geschont und Produkte zweitverwertet werden. Das mag nicht allen gefallen. Aber den Zugang zu diesen neuen Produkten und Dienstleistungen zu verbieten und auf die Gewerbeordnung der Vergangenheit zu bauen, ist der falsche, unkreative Weg. Er steht nicht für das Gründerland und nicht für mehr Wachstum.

Einmischung kostet

Ich möchte in diesem Zusammenhang noch eine Grafik empfehlen, sie stammt von den Hongkonger Analysten bei Gavekal (via Finanz und Wirtschaft). Sie zeigt ganz klar, wie die Finanzkrise vor allem die heftig geregelten Sektoren Europas schwer getroffen hat. In diesen Branchen, in denen administrierte Preise und staatlicher Einfluss dominieren, haben Europas Unternehmen ein erhebliches Profitabilitätsrisiko. Das mag zwar vorerst „nur“ ein Problem für deren Aktionäre sein, ist aber langfristig eines für Wachstum, Investitionen und Fortschritt.

Die Antwort darauf sollte keinesfalls sein, die „freieren“ Sektoren stärker zu belasten. Ebenso wenig wie die Antwort auf innovative Möglichkeiten, Ressourcen in der Sharing Economy effizienter zu nutzen, noch mehr Bürokratie sein sollte – könnte man meinen.