Akos Stiller/Bloomberg

Erdölmarkt

Mehr Öl und weniger Geld

von Gerald Hosp / 16.11.2015

Der niedrige Erdölpreis wühlt den Markt auf. Zwei Revolutionen haben den Preis abstürzen lassen, Fracking und effizienterer Verbrauch. Die Frage, ob die niedrigen Preise eine neue Normalität darstellen, entzweit die Branche, wie NZZ-Korrespondent Gerald Hosp aus London berichtet.

Der Erdölbranche bleibt noch der Galgenhumor. Ben van Beurden, der Konzernchef des Energie-Riesen Royal Dutch Shell, versuchte an der Konferenz „Oil & Money“ in London die Zuhörer mit einem Scherz aufzuheitern: Eigentlich müsste die Veranstaltung „Mehr Öl und weniger Geld“ heißen, meinte van Beurden. Damit fasste der Shell-Manager das Malaise der Erdölwirtschaft zusammen: Derzeit herrscht ein Überangebot am schwarzen Gold, und der Preis für die Erdölsorte Brent ist seit Juni 2014 auf weniger als 45 Dollar je Fass gefallen.

Revolution am Bohrloch

Im jüngsten Jahresbericht der Internationalen Energieagentur (IEA), des Energie-Thinktanks der Industrieländer, gibt es nur teilweise Entwarnung für die Branche: Die IEA rechnet in ihrem Hauptszenario erst ab dem Jahr 2020 mit einem dauerhaften Preis von mehr als 80 Dollar je Fass. In einem – weniger wahrscheinlichen – Ausblick würde der Preis gar für längere Zeit auf einem niedrigen Niveau verharren. Manche mögen sich trösten, dass die IEA schon öfter falsch lag. Im Jahresbericht von 2010 hatte die Pariser Organisation für das Jahr 2015 einen Preis von mehr als 100 Dollar vorhergesagt. Die IEA betont aber selber, es handle sich nicht um Prognosen. Wichtig sind aber Annahmen und Argumente.

Die neue Welt am Ölmarkt
Die neue Welt am Ölmarkt

Credits: IEA

Hinter den zwei unterschiedlichen Preisverläufen verbergen sich fundamentale Fragen zum Ölmarkt: Ist der Preiszerfall nur das typische Auf und Ab an den Rohwarenmärkten? In diesem Fall führt der niedrige Preis zu weniger Investitionen und dadurch mit einer längeren Verzögerung zu weniger Angebot und wieder höheren Preisen. Ökonomen nennen dies einen Schweinezyklus. Oder sind die niedrigen Notizen vielmehr ein Zeichen für eine strukturelle Umwälzung von Angebot und Nachfrage? Die zwei Szenarien vermischen Elemente von beidem.

Fracking sorgte für Produktionsboom

Die wichtigste Entwicklung der vergangenen Jahre ist die sogenannte Schieferöl-Revolution in den Vereinigten Staaten. Die Kombination von Horizontalbohrungen und „hydraulic fracturing“, auch Fracking genannt, löste in den USA einen Produktionsboom aus. Amerikanisches Schieferöl macht zwar nur knapp fünf Prozent der weltweiten Förderung aus, die weltweite Angebotserhöhung in den letzten Jahren erfolgte aber vor allem in den USA. Das Besondere am Schieferöl ist zudem, dass die Produzenten schneller auf Preisveränderungen reagieren können, als dies bei der sogenannten konventionellen Förderung möglich ist. Zum einen beträgt die Zeit zwischen der Investitionsentscheidung und dem Beginn der Produktion meist nur Monate und nicht durchschnittlich drei Jahre wie sonst üblich in der Branche. Zum anderen sind die Felder schnell erschöpft, was auch heißt, dass die Fixkosten tief sind. Es muss nicht weiter gefördert werden, nur um diese Kosten zu decken. Je nach Preis kann dann der Erdölhahn, vereinfacht gesagt, auf- oder zugedreht werden.

So wichtig ist das Ölkartell
So wichtig ist das Ölkartell

Credits: IEA

In Reaktion darauf entschied im vergangenen Jahr die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) , ihre Förderung nicht zu drosseln, um Marktanteile zu verteidigen. Dafür nimmt die Opec Einnahmeneinbußen in Kauf. Dadurch wurden die Marktkräfte am Erdölmarkt gestärkt. Die Opec-Strategie zeigt aber Wirkung: Die Investitionen für Förderprojekte in der Öl- und Gasbranche gingen 2015 bereits um gut 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück, was auf die zukünftige Produktion drücken wird. Manche Kommentatoren sagen deshalb bereits einen plötzlichen Preisanstieg wegen Mangelerscheinungen voraus. Insgesamt erhöht sich aber dadurch die Bedeutung der Opec, die derzeit für rund 40 Prozent der weltweiten Förderung verantwortlich ist.

Die Schieferöl-Produzenten, die im Vergleich mit den Opec-Staaten relativ hohe Kosten aufweisen, haben sich aber als widerstandsfähig erwiesen, selbst wenn derzeit eine Abflachung bzw. ein Rückgang der Förderung in den USA spürbar ist. Die Steigerung der Produktivität, die Besinnung auf die besten Felder und Absicherungsgeschäfte gegen einen fallenden Preis haben die Schieferöl-Förderer zunächst so weiterproduzieren lassen wie zuvor.

Die Frage ist nun, wie lange die Produzenten in Texas und North Dakota in einem Umfeld niedriger Preise durchhalten. Zudem ist noch unklar, wie weit die Schieferöl-Reserven tragen und wie schnell die Unternehmen reagieren werden, wenn der Preis wieder steigt. Damit könnten die Kosten, die für die Förderung einer Einheit von Schieferöl notwendig sind, zumindest für eine gewisse Zeit zum bestimmenden Faktor für die Preise werden.

Schwindende Nachfrage

Die Nachfrage sinkt
Die Nachfrage sinkt

Credits: IEA

Derzeit konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf das Angebot. Aber entscheidender dürfte die Entwicklung der Nachfrage werden. Laut dem Chefökonomen des Ölkonzerns BP, Spencer Dale, sind neben dem Schieferöl die Auswirkungen einer möglichen Klimapolitik die zweite große Veränderung am Markt. Dadurch könnte langfristig die Nachfrage entscheidend getroffen werden. Die IEA sieht bereits, vor allem in den Industrieländern, eine Abschwächung der Nachfrage. So hat die Energieintensität, der Ölverbrauch pro Bruttoinlandprodukt, abgenommen. Im Gespräch sagt Fatih Birol, der Exekutivdirektor der IEA, zudem, dass der größte Nachfragesog der vergangenen Jahrzehnte, der Rohstoffhunger Chinas, zu einem Ende komme. Niedrige Ölpreise führen zwar zu einem höheren Konsum, aber nicht mehr zu einem so großen Anstieg wie früher. Ein Faktor ist auch, dass aufgrund von Benzinsubventionen und hohen Steuerabgaben in vielen Ländern die Konsumenten den Preiszerfall wenig spüren.

Öl wird vor allem im Transport verwendet. Sollte es einen Durchbruch im Bereich der massentauglichen Elektro-Mobile geben, dürfte dies die Erdölnachfrage hart treffen. Der technische Fortschritt, wie beim Fracking, lässt zudem das Angebot steigen. Dale kommt deshalb zum Schluss, dass Öl nicht mehr als erschöpfbare Ressource gelten sollte. Damit kann auch nicht mehr angenommen werden, dass langfristig der relative Preis für Öl steigt. Angebot und Nachfrage würden bestimmend sein. Dies könnte auch heißen: Die Nachfrage nach Erdöl könnte früher als das Erdöl selbst ausgehen.