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Generationengerechtigkeit

„Meine Kinder sollen es einmal besser haben“ – das ist vorbei

von Lukas Sustala / 15.07.2016

Wenn Soziologen nach Leitsprüchen der Nachkriegsgeneration suchen, dann wird oft der folgende hervorgekramt: „Meinen Kindern soll es einmal besser gehen“. Und tatsächlich: Für die Aufstiegsgenerationen nach 1945 erfüllte sich dieses Ziel stets.

Doch eine aktuelle Studie des globalen Beratungsunternehmens McKinsey zeigt, dass das ambitionierte Ziel der steten Verbesserung der Lebensumstände für viele Menschen in den Industrienationen in weite Ferne gerückt ist (→ Studie zum Download). „Im Jahrzehnt von 2005 und 2014 kam dieser Trend zu einem abrupten Halt“, schreibt das Team rund um Richard Dobbs in London. Die Berater und Ökonomen haben sich die Situation von Haushalten systematisch im Zeitverlauf angesehen und kommen zu einem ernüchternden Schluss:

Between 65 and 70 percent of households in 25 advanced economies, the equivalent of 540 million to 580 million people, were in segments of the income distribution whose real market incomes—their wages and income from capital—were at or had fallen in 2014 compared with 2005. This compared with less than 2 percent, or fewer than ten million people, who experienced this phenomenon between 1993 and 2005. Government transfers and lower tax rates reduced the effect on disposable incomes: 20 to 25 percent of households were in segments of the income distribution whose disposable income was at or down between 2005 and 2014, compared with less than 2 percent in 1993–2005.

Zwei Drittel aller Haushalte in 25 analysierten Industrienationen also haben 2014 mit einer schlechteren Einkommenssituation zu kämpfen als 2005. Das wurde durch Maßnahmen der Umverteilung zwar etwas gemildert, doch der Trend war signifikant.

In der vergangenen Dekade sind die Markteinkommen von 65 bis 70 Prozent der Haushalte in Industrienationen gefallen
In der vergangenen Dekade sind die Markteinkommen von 65 bis 70 Prozent der Haushalte in Industrienationen gefallen
Das verfügbare Haushaltseinkommen (disposable income) berücksichtigt Umverteilungsmaßnahmen über das Steuer- und Abgabensystem.
Credits: McKinsey

Die Gründe für den Einkommensverlust sind laut Dobbs:

  1. Wirtschaftliche Entwicklung: Niedriges Wachstum und kaum Beschäftigungszuwachs wurden nach der Finanzkrise zum zentralen Treiber für die Einkommensverluste.
  2. Demografie: Von der Konjunktur unabhängig gibt es aber Gründe für die sinkenden oder stagnierenden Einkommen von Haushalten. So sinkt die Zahl der (Erwerbs-)Personen je Haushalt, insbesondere alleinerziehende Mütter sind häufig in der untersuchten Dekade von Einkommensverlusten betroffen gewesen. In den USA etwa sind 20 mal so viele Alleinerzieherinnen im niedrigen Einkommensdezil als im höchsten.
  3. Arbeitsmarktentwicklungen: Die zunehmende Automatisierung lässt den Anteil der Löhne an der gesamten Wirtschaftsleistung sinken und hat die Nachfrage nach un- und niedrigqualifizierten Arbeitskräften gesenkt.
  4. Kapitaleinkommen: Gerade für die unteren und mittleren Einkommensschichten sind die Einkommen aus Kapital und auch die Selbstständigeneinkünfte gesunken.

Generationengerechtigkeit ade

Es besteht zudem das Risiko, so die Autoren, „dass die heute jüngere Generation am Ende ärmer dasteht als ihre Eltern.“ Denn nicht nur bei schlecht ausgebildeten, jungen Menschen ist der relative Einkommensverlust zu ihren Vorgängern besonders groß.

Mehr noch, die Einkommenssituation hat sich für junge Menschen teilweise unabhängig von ihrem Ausbildungsgrad deutlich verschärft. In Italien etwa sind die Gehälter von jungen Akademikern stärker gefallen als die Einkommen von über 45-Jährigen, die maximal die Mittelschule absolviert haben. Die folgende Grafik zeigt die Einkommenseinbußen in Frankreich, Italien und den USA aufgeschlüsselt nach dem höchsten Bildungsabschluss und dem Alter. Diese Auswertung basiert auf Mikrodaten von immerhin 350.000 Menschen in den drei Fokus-Ländern.

Der Befund deckt sich auch mit österreichischen Daten. Auch hierzulande sind die Einkommen im vergangenen Jahrzehnt kaum gewachsen. Davon waren junge Menschen in besonderem Ausmaß betroffen. (Österreichische Daten sind zwar ebenso in die McKinsey-Studie eingeflossen, werden aber nicht explizit ausgewiesen.)

Das Schuldenproblem zu allem Überdruss

Ein weiteres gravierendes Problem: Während die Einkommen – gerade für Jüngere – in den vergangenen Jahren erstmals gefallen sind, sind die Schulden in den entwickelten Volkswirtschaften auf neue Rekordstände gestiegen.

Damit wird eine Generation nicht nur durch stagnierende Markteinkommen, sondern auch stark steigende Zukunftslasten beansprucht. Tatsächlich zeigt eine Untersuchung von Michael Pearce, einem Ökonomen bei Capital Economics in London, dass die weltweite Schuldenlast nach einem kurzen Rückgang in der Finanzkrise noch stärker als vor der Finanzkrise steigt.

Der globale Schuldenstand
Der globale Schuldenstand
Basierend auf 42 Nationen, die für mehr als 85 Prozent der Wirtschaftsleistung verantwortlich sind.

Zusammengenommen sind die Trends potenziell gefährlich, wenn stagnierende Einkommen und steigende Schuldenlast eines Tages zu höheren Zahlungsausfällen führt. Die extrem niedrigen Zinsen wirken daher kurzfristig wie ein Puffer.

Damit eine Dekade die Ausnahme bleibt

Doch die Politik ist angesichts dieser Mischung aus stagnierenden oder fallenden Einkommen und Rekordschulden trotzdem nicht machtlos, glaubt man beim Beratungsunternehmen McKinsey. Das Versprechen „Unsere Kinder werden es einmal besser haben“ lässt sich aber nur mit weitreichenden Reformen einhalten (zu finden in der Studie ab Seite 69):

Dazu zählen Maßnahmen, um die Beschäftigungsquoten anzuheben, insbesondere auch bei älteren Menschen und Frauen, Förderung von Unternehmertum und Investitionen, die Flexibilisierung von Arbeitsmärkten, die Möglichkeit, Arbeitnehmer stärker am Erfolg von Unternehmen zu beteiligen, Steuerreformen, die zu einer Entlastung der Arbeitseinkommen führen, Investitionen in Bildung und Forschung.

Bis dahin kann der Leitspruch lauten: „Meinen Kindern soll es einmal nicht schlechter gehen.“


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→ Studie zum Download