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Mickey Mouse will China erobern

von Matthias Müller / 16.06.2016

Wer in China investiert, muss klotzen, nicht kleckern. Sich dessen bewusst, eröffnet Walt Disney an diesem Donnerstag das Shanghaier Disneyland. Manchen Chinesen ist der US-Konzern ein Dorn im Auge.

Die aggressive und patriotische Wortwahl dürfte die Machthaber in Peking gefreut haben. Er wolle die chinesische Kultur in die Welt tragen, hatte jüngst der Chef der Wanda-Gruppe, Wang Jianlin, gesagt. Seine Warnung an den US-Konzern Walt Disney war eindeutig. Die Amerikaner könnten mit Disneyland, das an diesem Donnerstag in Shanghai eröffnet wird, auf dem chinesischen Festland nicht Fuß fassen. Walt Disney sei nicht innovativ, weil die Amerikaner auf Figuren aus der Vergangenheit setzten. Wang gab dem US-Medienkonzern indirekt den Rat, die Segel zu streichen. „Ein Tiger kann es mit einem Rudel Wölfen nicht aufnehmen.“ Er spielte damit auf den Umstand an, dass in den kommenden Jahren viele Vergnügungsparks von Chinesen für Chinesen ihre Tore öffnen werden. Die International Association of Amusement Parks and Attractions (IAAPA), der weltweite Dachverband der Betreiber von Vergnügungsparks, rechnet mit mehr als 50 neuen Anlagen, die bis Ende des Jahrzehnts in China entstehen.

König der Löwen auf Chinesisch

An der Spitze dieser Entwicklung steht die Wanda-Gruppe. Der Konzern hatte sein Geld in seinen Anfangsjahren mit Immobilien verdient. Inzwischen ist er breiter aufgestellt. Und mit Vergnügungsparks setzt Konzernchef Wang auf einen Trend, der von einer wachsenden und vergnügungssüchtigen Mittelschicht profitieren wird. Die erste Anlage hatte Wanda Ende Mai dieses Jahres 15 km außerhalb von Nanchang, Hauptstadt der im Südosten Chinas gelegenen Provinz Jiangxi, eröffnet.

Auf dem 2 km² großen Areal, dessen Bau 21 Milliarden Yuan (Y) – 3,1 Milliarden Franken – gekostet hat, befinden sich neben den obligatorischen Achterbahnen, fünf Hotels, über 50 Restaurants und Imbissstände, 14 Kinokomplexe mit mehr als 3.000 Sitzplätzen sowie ein Aquarium. Experten schätzen, dass jährlich bis zu 10 Millionen Menschen die Anlage besuchen werden. Damit hat Wanda erst den Anfang gemacht. Bis 2020 sollen 15 Vergnügungsparks in China eröffnet werden, drei weitere sind im Ausland geplant – einer davon in Frankreich.

Wanda war Walt Disney zumindest zeitlich einen Schritt voraus. Mit Disneyland in Shanghai eröffnet der US-Konzern den sechsten Vergnügungspark weltweit und nach Paris, Tokio sowie Hongkong den vierten außerhalb der Vereinigten Staaten. Der Bau auf dem 3,9 km² großen Gelände hat 5,5 Milliarden Dollar gekostet und könnte laut Analytikern jährlich zwischen 15 und 30 Millionen Besucher anlocken. Zum Zugpferd dürfte unter anderem das Musical „König der Löwen“ werden, dass erstmals auf Chinesisch aufgeführt wird.

Bei allen abfälligen Bemerkungen des Wanda-Chefs über Walt Disney darf nicht übersehen werden, wie populär die Figuren des US-Konzerns auf dem chinesischen Festland sind. Und laut der Schweizer Großbank UBS benötigen 330 Millionen Menschen gerade einmal drei Fahrstunden, um das Shanghaier Disneyland zu besuchen. Zudem halten die Amerikaner gegenüber ihren chinesischen Konkurrenten einen Trumpf in ihrer Hand: Sie haben ihre erste Anlage 1955 in Los Angeles eröffnet und verfügen angesichts einer solchen Historie über immenses Know-how. Die Frage wird sein, ob es Walt Disney gelingt, die schätzungsweise 10.000 Angestellten im Shanghaier Disneyland zu Dienstleistern zu erziehen. Punkto Service und Freundlichkeit hat das Personal in China immensen Nachholbedarf. Die gute Nachricht für Walt Disney lautet: Die Konkurrenz steht vor einem ähnlich schwierigen Unterfangen.

Gepfefferte Preise

Der US-Konzern muss den Kunden etwas bieten, denn bei den Preisen kann er sich nicht lumpen lassen. Unter der Woche kostet das Billett für einen Erwachsenen 370 Yuan. An Wochenenden und während der Ferien muss ein Besucher gar 499 Yuan auf den Tisch blättern. Stolze Preise, mit denen Disneyland in Shanghai fast doppelt so teuer ist wie Konkurrent Wanda in Nanchang. Wie tief die Unternehmen damit ihren Kunden in die Tasche greifen, zeigen Zahlen der nationalen Statistikbehörde. Im vergangenen Jahr belief sich das durchschnittlich verfügbare Einkommen eines Städters auf etwas mehr als 31.000 Yuan.

Um welch riesigen Markt es sich handelt, belegen Iaapa-Zahlen. Danach haben im Jahr 2014 rund 957 Millionen Personen die Vergnügungsparks weltweit besucht und dort Einnahmen von 40 Milliarden Dollar generiert. In den nächsten Jahren dürfte China dem globalen Markt zu neuer Dynamik verhelfen, auch wenn die Wachstumsverlangsamung auch in dieser Branche ihre Spuren hinterlässt. Für den Zeitraum zwischen 2015 und 2019 sollen die Ausgaben in den chinesischen Vergnügungsparks um jährlich über 14 Prozent auf 6 Milliarden Dollar im Jahr 2019 zulegen, heisst es bei Iaapa. Angesichts solcher Zahlen dürfte der schnell wachsende chinesische Markt sowohl für Wanda als auch für Walt Disney noch genug Platz bieten.