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Klima und Finanzen

Milliarden fließen aus dem Geschäft mit Erdöl, Gas und Kohle ab

von Eugen Stamm / 29.11.2015

Großinvestoren verabschieden sich von fossilen Geldanlagen, weil sie die Gefahr von Wertverlusten erkennen. Das sollten auch Private tun, eine Analyse von Finanzjournalist Eugen Stamm für die NZZ am Sonntag.

Am Montag beginnt die Klimakonferenz in Paris. Sie soll ein Abkommen mit Klimazielen hervorbringen, die für Staaten verbindlich sind. Derweil setzen sich mehr und mehr Menschen eigene Ziele: Sie verzichten darauf, in Firmen zu investieren, deren Produkte für die globale Erwärmung verantwortlich sind.

Anders als die Protestmärsche in den Straßen ist diese Divestment-Bewegung (divestment: englisch für Beteiligungsverkauf) zwar nicht sichtbar, dennoch ist sie bereits sehr mächtig. Institutionelle und private Anleger mit einem Vermögen von insgesamt 2.600 Milliarden US-Dollar haben sich selber auferlegt, ihr Geld aus fossilen Brennstoffen abzuziehen, unter ihnen auch der Schauspieler Leonardo DiCaprio.

Die kalifornische Pensionskasse Calpers (300 Milliarden Dollar Anlagevermögen) wurde gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Kohle-Aktien zu verkaufen. Der Präsident des Senates von Kalifornien begründete den Schritt damit, in Kohle zu investieren, sei ein Verlustgeschäft für die Rentner. Aktivisten nehmen die erfolgreiche Divestment-Bewegung gegen das Apartheidregime in Südafrika zum Vorbild – Geld kann die Welt bewegen. Das beste Beispiel dafür, dass ein Umdenken im Gang ist, ist wohl folgendes: John Rockefeller wurde 1916 dank seiner Firma Standard Oil zum ersten Dollarmilliardär der Geschichte. Dieses Jahr haben seine Erben bekanntgegeben, ihre Investments in fossile Brennstoffe restlos zu verkaufen.

Als Idealist will man die Welt aus Überzeugung verbessern. Rationale Anleger hingegen wägen kühl die Risiken ab, die mit fossilen Anlagen verbunden sind. Abgesehen davon, dass es manchen Institutionen auch um ihren Ruf als vorbildliche Investoren geht, stehen Bewertungsrisiken im Vordergrund. Der Wert von Erdölfirmen ruht auf ihren Erdöl- und Gasreserven und auf den Investitionen, die sie getätigt haben, um diese Felder zu erschließen. Jede der größten sieben Firmen wird mit mehr als 100 Milliarden Dollar bewertet. Können sie diese Reserven nicht heben, müssen sie diese Aktiven abschreiben – Wertverluste in Milliardenhöhe wären die Folge. Auf Englisch nennt man dieses Szenario Stranded Assets. Wissenschaftler haben berechnet, dass ein großer Teil der bekannten Reserven im Boden bleiben muss, um das Klimaziel von maximal zwei Grad Erderwärmung nicht zu verfehlen. Handelt die Politik und erlässt griffige Maßnahmen, dann stellt das aus Sicht des Anlegers ein regulatorisches Risiko dar. Ob die Aktienkurse dieses Risiko bereits adäquat vorwegnehmen, ist eine schwierige, aber berechtigte Frage.

Öffentlicher Druck steigt

Handelt die Politik nicht, dann könnte der Wert der Lagerstätten auch aus einem anderen Grund drastisch sinken, wie Analysten der Bank HSBC mahnen. Denn im Zuge des technologischen Fortschritts werden Elektromobilität und erneuerbare Energien günstiger, was den Verbrauch von fossiler Energie senkt.

Nur weil Anleger entscheiden, die Aktien der entsprechenden Firmen zu verkaufen, fällt deren Wert aber noch nicht merklich, folgert eine Studie aus dem Jahr 2013. Machen Großinvestoren ihre Devestitionen publik, steigt aber die Aufmerksamkeit für die Problematik.

In manchen Ländern – Großbritannien und die Niederlande werden genannt – ist der öffentliche Druck auf institutionelle Anleger bereits sehr groß. Er wird durch Nichtregierungsorganisationen wie Fossil Free, 350.org oder Divest-Invest kanalisiert. In der Schweiz wurde kürzlich Mein-geld-ist-sauber.ch lanciert, um die Finanzindustrie wachzurütteln. Die Pensionskasse Publica, mit 37 Milliarden Schweizer Franken eine der größten des Landes, prüft derzeit mögliche Auswirkungen von Stranded Assets auf ihr Portfolio. Der Anlageausschuss werde spätestens Ende März 2016 darüber entscheiden, ob die Publica Maßnahmen treffen will, sagt Stefan Beiner, Leiter Asset Management.

Dividendentitel verschwinden

Es gibt Stimmen, die warnen davor, dass die „Kohlenstoffblase“ eines Tages platzen muss und der Wertzerfall im Energiesektor das Finanzsystem in eine Krise stürzen wird. Zu ihnen gehören Leute, die nicht im Verdacht stehen, Hippies zu sein, etwa Mark Carney, der Gouverneur der Bank of England. Kein Wunder, denn im britischen FTSE-100-Index ist der Ressourcen-Sektor mit 19 Prozent prominent vertreten. Im US-Index S&P 500 machen Erdöl- und Gasfirmen 11 Prozent aus. Skeptiker der Carbon-Bubble-Theorie halten dagegen, dass Unternehmen anpassungsfähig sind. Analysten beachten auf jeden Fall, wie stark etablierte Erdölfirmen in erneuerbare Energien investieren; es könnte ein Merkmal sein, das künftige Gewinner von Verlierern unterscheidet.

Der Verzicht auf fossile Energie hat für Anleger aber Folgen. Der Sektor ist für üppige Dividenden bekannt. Zudem legt er viele Anleihen auf, oft mit hohen Coupons. Schließt man einen ganzen Sektor aus, ist man weniger breit diversifiziert – was allerdings ja gewünscht ist, wenn man von einem Wertzerfall ausgeht. Für Anleger, die auf Einzeltitel setzen, ist es am einfachsten, diese zu verkaufen. Die Auswahl an Fonds und ETF mit Ausschlusskriterien ist begrenzt. Ihre Zahl wird sich nur dann vergrößern, wenn auch die Nachfrage nach ihnen steigt. Es lohnt sich also, den Anlageberater zu fragen: „Wie hoch ist der Anteil fossiler Energie in den Produkten in meinem Depot? Wo sind die Alternativen, bei denen er null ist?“

Anleger sollten auf die Beantwortung solche Fragen drängen. Nach dem Pariser Klimagipfel wäre es bedenklich, wenn ein Banker vorgibt, noch nie etwas vom Kohlenstoff-Risiko im Portfolio gehört zu haben.