REUTERS/Giorgos Moutafis

Flüchtlinge und Schlepperei

Milliardenumsätze mit der Ware Mensch

von Inga Rogg / 13.12.2015

Die Ströme von Flüchtlingen, die seit Monaten nach Europa drängen, bescheren kriminellen Schlepperringen einen ungeahnten Aufschwung. Die mafiös organisierten Banden dürften 2015 gegen 16 Milliarden Euro verdient haben, berichtet Korrespondentin Inga Rogg aus Istanbul.

Bibbernd hält sich Zalmay Pashtu die Arme vor die Brust. Um den Hals hat er einen rot-weißen Schal geschlungen, aber die billige Strickjacke hält den kalten Winterwind nur leidlich ab. Vor drei Wochen ist der Afghane mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn in Istanbul angekommen. Von hier wollen sie weiter nach Griechenland. Zweimal hat es die Familie schon versucht. Mit dem Bus sind sie nach Bodrum und Izmir an der Westküste gefahren. Von dort stechen jeden Abend Schlauchboote in See, um hunderte Flüchtlinge wie die Pashtus auf die griechischen Inseln zu bringen. Doch dem 26-Jährigen war die Überfahrt bisher nicht geheuer. „Die See hat hohe Wellen geschlagen“, sagt er. „Es war viel zu gefährlich.“

Den Schmuggler interessierten die Bedenken von Pashtu offenbar nicht. „Mach dir keine Sorgen, ihr schafft das schon“, habe er gesagt. Pashtu machte trotzdem kehrt. „Ich kenne das Meer, ich weiß, dass wir das nicht überlebt hätten“, sagt er. Jetzt hockt er mit seiner Frau auf einer Bank in dem kleinen Park vor der Murat-Pasa-Moschee in Istanbul.

In der Nähe von Izmir, Bodrum oder Çanakkale legen die Boote ab. Aber hier rund um die Moschee, im schmuddeligen Stadtteil Aksaray unweit der historischen Altstadt von Istanbul, laufen die Fäden der Schmuggler zusammen, die Menschen wie die Pashtus nach Europa bringen. Es ist ein komplexes Geflecht aus Afghanen, Irakern, Syrern, Kurden und Türken, die über Mittelsmänner mit international operierenden Netzwerken verwoben sind.

Laut jüngsten Zahlen der International Organisation for Migration (IOM) kamen in diesem Jahr bisher 924.000 Flüchtlinge nur über das Mittelmeer nach Europa, 3.671 Menschen verloren beim Versuch, die Fluten zu überqueren, ihr Leben. An dem unablässigen Menschenstrom verdienen nicht nur die mafiamäßig organisierten Banden, sondern auch Hotelbesitzer, Makler, Bus- und Taxiunternehmen und Geldwechsler sowie nach Auskunft von Schmugglern auch korrupte türkische Beamte.

Schwimmwesten, die untergehen

Ein syrischer Teenager probiert in Istanbul eine Rettungsweste.
Credits: EMRAH GUREL/AP

Auch die Händler in den kleinen Seitenstraßen um die Murat-Pasa-Moschee haben sich auf die überwiegend syrischen Flüchtlinge eingestellt. Auf Schildern und krakelig geschriebenen Zetteln bieten Makler auf Arabisch Wohnungen und Zimmer an. Vor den Restaurants und Läden versuchen arabisch sprechende Verkäufer, Kunden anzulocken. Statt Klamotten und Schuhen türmen sich in den Auslagen der Ladeninhaber hinter der Metrostation in Aksaray heute Schwimmwesten und Rucksäcke.

Auch Zeki Turhan hat vor seinem Lebensmittel- und Haushaltswarengeschäft die leuchtend orangen Plastikwesten aufgehängt. „Selbst Reishändler sind inzwischen darauf umgestiegen. Es ist eine eigene Industrie“, sagt Turhan. Umgerechnet neun Euro kostet das Stück. Leben retten diese Billigdinger nicht. Das würden nur die Originalwesten, aber diese kosten mehr als das Zehnfache. „Ich warne die Kunden, aber viele sagen: Vielleicht muss ich sie gar nicht benutzen.“ Nicht alle sind so ehrlich wie der Mittfünfziger. Ein paar Häuser weiter reagiert der Verkäufer beleidigt, als wir fragen, ob die Westen denn auch sicher seien. Schräg gegenüber von Turhans Markt offeriert ein Hotel Zimmer für rund 19 Euro pro Nacht. Wer Geld hat, kann sich bei einem Immobilienmakler wenige Meter weiter für knapp 1.400 Euro eine Wohnung mieten, die mit Fernseher, Wasch- und Spülmaschine ausgestattet ist. Für weniger Betuchte gibt es Zimmer in Büros, und wer sich auch das nicht leisten kann, dem vermieten die Wohnungs-Haie für 2,70 Euro pro Tag einen Platz in einem leeren Keller.

Nicht selten sind die Läden und Maklerbüros Teil eines Schmuggelnetzwerkes. Und wie bei den Mieten richtet sich das Angebot nach der Kaufkraft der Kunden. In einem Restaurant treffen wir einen Mann aus dem inneren Kreis der Schattenwelt. Er ist Türke, und weil er nicht mit seinem wirklichen Namen in der Zeitung stehen will, nennen wir ihn Kemal.

Die billigste Route aus der Türkei raus nach Griechenland kostet laut Kemal derzeit nur knapp 280 Euro. Für die Summe gibt es lediglich Hilfe beim Überqueren zweier Flüsse an der türkisch-griechischen Grenze bei Edirne. Die Grenze ist gut bewacht. „Die Leute müssen warten, bis die Grenzwächter Schichtwechsel haben. Dann werden sie mit Autoreifen oder Schlauchbooten übergesetzt.“ Die Kosten für den Transport an die Grenze müssen die Leute selbst übernehmen, auch wie es danach weitergeht, geht den Schlepper nichts mehr an.

Es geht auch bequemer: Am anderen Ende der Skala haben die Schmuggler die „Luxusvariante“ im Angebot: per Flugzeug direkt nach Europa oder die Überfahrt auf einer Jacht nach Griechenland. Das Visum für den Flug besorgen die Schmuggler nach Angaben von Kemal und Flüchtlingen über korrupte Mitarbeiter der Istanbuler Generalkonsulate Polens und Finnlands. Zwischen 14.000 und 16.000 Euro werden dafür fällig.

Allerdings steht Syrern dieser Weg nicht offen, weil sie derzeit nirgends in Europa ein Visum erhalten. Den Wohlhabenden aus dem Bürgerkriegsland bieten die Händler mit der Not stattdessen eine Autofahrt für 14.000 Euro pro Person über den Grenzübergang zwischen der Türkei und Griechenland bei Ipsala an. Gegen entsprechende Bezahlung lassen Grenzpolizisten die Autos passieren. Alternativ dazu bieten die Schmuggler Fahrten für bis zu zehn Personen auf einer Jacht an, die pro Person auf um die 8.000 Euro kommen.

Die meisten Syrer oder Afghanen und Iraker können sich das freilich nicht leisten, deshalb versuchen die meisten ihr Glück auf dem Seeweg. Kostete die Überfahrt per Boot vor einem Jahr noch mehrere tausend Euro, so fielen die Preise nach dem faktischen Wegfall der Grenzen in Zentraleuropa im September auf 1.200 Euro. Inzwischen gibt es ein „Ticket“ für um die 800 Euro, erklärt der türkische Gewährsmann. An der Schmugglerbörse herrscht ein harter Wettbewerb.

Türkischer Staat riegelt ab

„Manche bieten Sonderkonditionen für Familien an, andere verlangen für Kleinkinder gar kein Geld“, sagt Kemal. Und fast alle gäben sich mittlerweile mit der Zahlung nach Erfolg zufrieden. Die Flüchtlinge nennen einen Vertrauensmann, den rufen sie nach ihrer Ankunft an, und er zahlt das Geld in einer bestimmten Wechselstube ein, von wo der Schmuggler dann kassiert. Der Grund für den Preissturz ist das schlechte Wetter, aber auch das schärfere Vorgehen der Sicherheitskräfte.

Um den Flüchtlingsstrom nach Europa zu stoppen, hat sich die EU mit der Türkei auf die Zahlung von drei Milliarden Euro verständigt. Eine Schande, nennt die Menschenrechtsanwältin Gülseren Yoleri das Abkommen. „Die Regierung benutzt die Flüchtlinge als Druckmittel gegenüber der EU.“

Solange es keine Lösung für die Konflikte gibt, vor denen die Menschen fliehen, behandeln alle Maßnahmen nur die Symptome.

Abby Dwommoh, IOM-Sprecherin in Ankara

Seitdem hat die Polizei dutzende Schmuggler dingfest gemacht und tausende Flüchtlingen am Besteigen der Boote an der Westküste gehindert. Busunternehmen droht eine saftige Geldstrafe, wenn sie erwischt werden. Trotzdem schafften es nach Angaben der International Organisation for Migration in den ersten zehn Dezembertagen insgesamt 30.000 Flüchtlinge von der Türkei nach Griechenland. „Solange es keine Lösung für die Konflikte gibt, vor denen die Menschen fliehen, behandeln alle Maßnahmen nur die Symptome“, sagt Abby Dwommoh, IOM-Sprecherin in Ankara. Nötig sei ein Schulterschluss der Staatengemeinschaft, um den Menschen auf legalem Weg die Flucht aus Kriegsgebieten zu ermöglichen.

Es ist Abend geworden. Nach und nach füllt sich der Park vor der Moschee in Aksaray. Mit ihrer Tochter wartet eine Syrerin auf das Signal zur Abfahrt. Vor zwei Jahren floh sie aus Damaskus in den Libanon. Sie selbst wolle nicht nach Europa, sagt sie. „Aber ich muss an die Zukunft meiner Tochter denken.“ Trotz der Angst vor der Überfahrt will auch der Afghane Zalmay Pashtu seine Pläne nicht aufgeben. Er warte bloß auf besseres Wetter, sagt er. „Sobald es sicher ist, fahren wir.“


Schlepperei: Lukrativer als Drogenhandel

Mit den Millionen Menschen, die auf der Flucht sind, sind auch riesige Geldströme in Bewegung geraten. Viele Vertriebene haben ihr letztes Hab und Gut verkauft, um nach Europa zu kommen. Und überall auf dem Weg stehen Schleuser-Netzwerke bereit, ihre Vermögen abzuschöpfen.

Die europäische Polizeibehörde Europol schätzt, dass europaweit etwa 30.000 Menschen in das Schmuggelgeschäft verwickelt sind. Rechnet man grob vereinfacht, dass jeder Flüchtling, der dieses Jahr über das Mittelmeer kam, für die Überfahrt rund 1.000 Euro bezahlt hat, kommt man schon auf eine Milliarde Euro, die die Schlepper nur auf dem Seeweg abschöpfen. Doch sind die Kosten für die Überfahrt nur Teil der Gesamtsumme. Der italienische Staatsanwalt Calogero Ferrara eröffnete letzten April in Palermo ein Verfahren gegen einen Menschenschmugglerring. Im Zuge der Untersuchungen entdeckte die Staatsanwaltschaft ein Netzwerk mit tausenden Telefonnummern, die über Afrika, den Nahen Osten und Europa ein enges Geflecht legen. Die Ermittler erfassten 30.000 Anrufe und kamen zum Schluss, dass mehrere neue, multinationale Verbrechersyndikate in dem Geschäft jährlich umgerechnet rund sieben Milliarden Euro umsetzen. Dem US-Magazin Newsweek nannte Ferrara als Kopf der führenden Organisation einen Äthiopier mit Basis in Libyen, Ermias Ghermay: „Es ist ein völlig risikoloses Geschäft. Wer Drogen schmuggelt und die Ware verliert, verliert das Geld. Wer Menschen schmuggelt und sie ertrinken dabei, hat keinen Verlust. Denn die Flüchtlinge zahlen im Voraus.“

Das Journalistenkollektiv The Migrants’ Files kommt aufgrund einer vertieften Analyse großer Datenmengen zur Schätzung, dass die Flüchtlinge und Migranten in den letzten 15 Jahren rund 16 Mrd. Euro aufgebracht haben, um ihre Reise nach Europa zu bezahlen.

Wie lukrativ das Geschäft mit der lebenden Fracht ist, rechnet Flüchtling Ibrahim S. vor. 1.100 Euro hatte er für eine erste, missglückte Überfahrt in einem völlig überbelegten Boot von Izmir nach Metalini bezahlt, erzählt er vier Monate später in Hamburg. Mit ihnen starteten in jener Nacht zeitgleich drei weitere Gefährte: fast 250 Menschen, die in Summe eine gute Viertelmillion bezahlt hatten.

Flüchtling auf einem Schiff vor Messina, Sizilien
Credits: ANTONIO CALANNI/AP

Es mischen nicht nur große, mafiöse Organisationen mit. Eine Bande, über die der Sender ARD berichtete, verdiente in sechs Monaten sechs Millionen Euro durch das Schleusen von 600 Menschen. Die Köpfe: ein Türke und eine Deutsche, eine ehemalige Verkäuferin. In England verkaufen Iraker ihre Pässe zum Fälschen; in den Niederlanden bot ein 35-jähriger Syrer für 7.000 Euro die Fluchtorganisation via Italien oder Griechenland an, für weitere 1.500 Euro konnten sie sich über sichere Verstecke in Mailand, Athen oder Wien an den Ort ihrer Wahl bringen lassen; ein 24-Jähriger aus der deutschen Ruhrmetropole Essen hatte sich darauf spezialisiert, für 10.000 Euro gefälschte Papiere zu beschaffen, mit denen seine Kunden per Flugzeug einreisen konnten.

Die Schlepper gehen oft nach ähnlichem Muster vor. Agenten größerer, vielteiliger Schleuserringe sprechen die Flüchtlinge an. Diese Mittelsmänner sind oft selbst Vertriebene, die sich so das Geld für einen weiteren Bootstrip nach Europa zusammensparen. Hinter ihnen stehen Schleuserringe, die meistens von einer lokalen Kraft und einer zentralen Person im Zielgebiet gelenkt werden. Auch in der Schweiz sind diese Kräfte etabliert. Familien, die in der Schweiz bar für die Überfahrt Angehöriger bezahlen, sind dokumentiert.

Die Realität des Menschenschmuggels verändert sich so schnell, dass Feststellungen des Präsidenten des deutschen Bundesnachrichtendienstes Gerhard Schindler fast albern anmuten: Bei Analysen habe der deutsche Geheimdienst „eine hochprofessionelle Schleuserstruktur ausgemacht, deren Netzwerk über die Türkei bis nach Griechenland, Italien und Frankreich reicht“. Tatsächlich hat allein die deutsche Polizei bis Ende Oktober über 2.600 Menschenhändler festgenommen.

Jede Fluchtgruppe scheint ihre eigenen Schleuserringe zu kreieren. Für Afrikaner, die den Kontinent verlassen wollten, war eine Zeitlang Libyen die Drehscheibe. Auf Facebook-Seiten priesen Schlepper ihre Route als große Chance an, mitten durch das Chaos eines zerfallenen Landes. 2014 setzten 170.000 Menschen von Küstenstädten wie Zuwara südlich von Tripolis nach Italien über, dieses Jahr bis jetzt 150.000 weitere. Wo kein Gesetz herrscht, verhindert auch kein Polizist die Überfahrt. Der Menschenschmuggel hat in Libyen Tradition. Lange war es nur der Geheimdienst, dessen Personal zu Gaddafis Zeiten daran verdienen durfte. Heute sind es ganze Stämme.

Vor Ort, in Nigeria, Ghana oder im Senegal, werden potenzielle Migranten rekrutiert. Die Auswanderungswilligen sind für die Schleuser wie ein Paket Wertpapiere – jeder verdient an ihnen, jeder zapft ihnen Geld ab. An jeder Etappe dominiert eine andere Gruppe das Geschäft, im südlichen Libyen sind es die Tuareg und Stämme wie die Tebu und die Zway. Die echten Profiteure, die hunderttausende Euro am Tag verdienen, sind Figuren wie der auf Malta lebende Libyer Fathi Slim. Er sei so mächtig, dass er in Teilen des Hafens von Zuwara die absolute Macht habe – und von dort aus ungestört Drogen, Diesel und eben auch Menschen schmuggeln könne, schreibt die Journalistin Ann Marlowe.

Ibrahim S. übrigens, der im ersten Anlauf von der türkischen Küstenwache aus dem Meer gefischt wurde, wagte noch einen zweiten Versuch. Er investierte 2.200 Euro in sein Leben und kaufte sich eine Überfahrt auf einer seetüchtigen Jacht. Es sei schon das fünfte Mal, dass er diese „Tour“ mache, vertraute der syrische Skipper Ibrahim an. Die Jacht selbst gehörte wohl einem türkischen Eigner, der um ihre Verwendung wusste. Als der Motor nicht ansprang, nachdem der Captain die Flüchtlinge sicher in Griechenland abgesetzt hatte, sprang der auch von Bord und überließ das Schiff seinem Schicksal. Er ging nach Europa. (Alexander Bühler)