Minimales Wachstum und sinkende Investitionen: Japanische Wirtschaft kommt nicht in die Gänge

von Patrick Welter / 16.08.2016

Japans Wirtschaft stagniert. Trotz einem riesigen Konjunkturprogramm kommen der Konsum und die Investitionen nicht in Schwung. Was läuft da schief?

Die Fiskal- und die Geldpolitik haben die japanische Wirtschaft im zweiten Quartal des Jahres angeschoben, aber die privatwirtschaftlichen Wachstumskräfte nicht entfacht. Die Wirtschaft stagnierte im Zeitraum von April bis Juni, nachdem sie am Jahresbeginn noch um 0,5% gegenüber dem Vorquartal gewachsen war.

Das zeigen die vorläufigen Daten zum realen, um die Inflation bereinigten Wirtschaftswachstum, die die Regierung am Montag veröffentlichte. Das Wachstum fiel schwächer aus als von Analytikern erwartet worden war. Das zweite Quartal war durch die schweren Erdbeben auf der südlichen Halbinsel Kyushu überschattet. Diese haben die Produktion offenbar nur kurzfristig gebremst.

Strukturreformen gefordert

Die Regierung hatte Anfang dieses Monats ein weiteres Konjunkturprogramm über 28,1 Bio. Yen (260 Mrd. Fr.) beschlossen. Davon ist aber nur ein Bruchteil «frisches Geld», das in den kommenden Monaten nachfragewirksam wird. Spekuliert wird auch, dass die Bank of Japan bei ihrer Sitzung Ende September die expansive Geldpolitik abermals lockern könnte.

Finanzminister Taro Aso wurde am Montag mit den Worten zitiert, dass die Wirtschaft neben den staatlichen Nachfrageimpulsen auch strukturelle Reformen brauche, um das Wachstum in Gang zu bringen. Manche Analytiker verwiesen darauf, dass das Wachstum im ersten Quartal als Folge des Schaltjahres, das einen Tag mehr im Februar bringt, überzeichnet gewesen sei. Auf das ganze erste Halbjahr betrachtet sei das Wachstum gar nicht so schlecht.

Zweifel an Konjunkturpaket

Als Zeichen des Misstrauens in die Wirtschaftspolitik der Abenomics blieben die wichtigsten privatwirtschaftlichen Wachstumskräfte, der private Konsum und die Investitionen von Unternehmen, schwach und entwickelten keine eigenständige Auftriebskraft. Der private Konsum wuchs um 0,2% zum Vorquartal, nach einem starken Jahresauftakt mit 0,7%.

Das ist auffällig, weil die Entlohnung der Arbeiter um 0,3% zulegte. Doch offenbar sparen die privaten Haushalte lieber als dass sie die Einkommenszuwächse verausgaben. Der japanische Konsum ist nicht schwach, weil die Löhne oder die Beschäftigung nicht steigt, sondern weil die Konsumenten ihre Vorsichtskasse erhöhen, kommentierte Jesper Koll von der Anlageberatung Wisdom Tree Investment in Tokio.

Misstrauensvotum der Konsumenten

Das sei ein klares Misstrauensvotum der Konsumenten. Zum zweiten Mal nacheinander schrumpften zudem die Anlageinvestitionen der Unternehmen und zwar um 0,4%. Anschub von der Aussenwirtschaft gab es nicht. Als Folge des moderateren Wachstums der Weltwirtschaft und der Aufwertung des Yen der Export real im zweiten Quartal um 1,5% nach.

Als treibende Kräfte erwiesen sich im Zeitraum von April bis Juni der Bau von Eigenheimen und die öffentlichen Investitionen. Die Investitionen in Eigenheime stiegen um 5% gegenüber dem Vorquartal, so stark wie zuletzt im Sommer 2011.

Reaktion auf Negativzinsen

Ökonomen vermuten darin eine direkte Reaktion auf den negativen Zinssatz, den die Bank of Japan Ende Januar eingeführt hatte. Der Zinssatz für eine Hypothek mit zehn Jahren Laufzeit hatte sich daraufhin bis Mitte März auf 0,7% halbiert. Der Zuwachs der öffentlichen Investitionen um 2,3% gründet dagegen in der Fiskalpolitik. Ministerpräsident Shinzo Abe hatte noch im Februar angeordnet, Staatsausgaben möglichst vorzuziehen, um die Konjunktur nicht weiter erlahmen zu lassen.