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Kurssturz an den Finanzmärkten

Missratener Start ins neue Jahr

von Matthias Müller / 06.01.2016

Die Nerven zu Jahresbeginn liegen blank. Der Kurssturz an den Finanzmärkten hat indes mannigfache Gründe. Sie sind nicht allein in China, sondern vor allem auch am Persischen Golf und in den USA zu suchen. Matthias Müller aus Peking, Martin Lanz aus Washington und Dominik Feldges aus Zürich mit einer Lagebeurteilung.

Schlechter hätte der Auftakt ins Handelsjahr nicht ausfallen können. Nachdem der Hushen-300-Index, der die zwei chinesischen Börsen in Shanghai und Shenzhen abbildet, um über 7 Prozent eingebrochen war, wurde gegen 13.33 Uhr Ortszeit der Handel ausgesetzt. Der Shanghai-Composite-Index, der chinesische Leitindex, ging mit einem Verlust von 6,9 Prozent aus dem Handel, der Shenzhen-Stock-Exchange-Composite-Index gab 8,2 Prozent nach, und der Chinext, an dem die Valoren von kleinen und mittleren Firmen gehandelt werden, verlor über 8,2 Prozent. Insgesamt lagen die Aktien von 1.280 Unternehmen an den Börsen in Shanghai und Shenzhen mit zehn Prozent im Minus. Mehr kann ein Anteilschein innerhalb eines Tages nicht verlieren, denn bei diesem Verlust wird er automatisch aus dem Handel genommen.

Exporte und Bau schwächeln

Die um Antworten nie verlegenen Analytiker hatten für das Treiben rasch zwei Erklärungen parat: Sie verwiesen neben den geopolitischen Spannungen in Nahost auf den am Montag veröffentlichten Caixin-Einkaufsmanagerindex (PMI) für das produzierende Gewerbe Chinas. Dieser war im Dezember um 0,4 Punkte auf 48,2 Zähler gesunken; ein Wert über 50 Zählern signalisiert Wachstum. Von Bloomberg befragte Analytiker hatten einen Wert von 48,9 Zählern erwartet, weshalb zwar ein Rückgang der Kurse zu erwarten war, allerdings nicht im zu beobachtenden Ausmaß. Zudem hätte der Caixin-PMI nicht wirklich überraschen dürfen, denn das verarbeitende Gewerbe leidet weiter unter dem schwachen Welthandel und bekommt die Auswirkung der anhaltend schlechten Baukonjunktur in China zu spüren.

Inzwischen ziehen in dieser Branche die Verkäufe wieder an, doch die Immobilienentwickler sitzen auf einem solch hohen Bestand noch nicht veräußerter Wohnungen, dass das Verkaufsplus sich nicht in den Büchern des Baugewerbes (und damit auch der Schwerindustrie) bemerkbar macht. Für Chinas Wirtschaft wäre es wünschenswert, wenn sie ihre Abhängigkeit von diesen Branchen verringert. Jedoch wird die Anpassung auch aus sozialpolitischen Überlegungen nicht über Nacht erfolgen, da noch immer viele Arbeitsplätze in diesen Zweigen angesiedelt sind. Eine zu hohe Zahl Erwerbsloser würde die Kommunistische Partei in Bedrängnis bringen.

Ermutigende Signale kommen derweil von Chinas Dienstleistern. Der für den tertiären Sektor ermittelte Einkaufsmanagerindex erreichte im November den höchsten Stand seit 16 Monaten und lag damit deutlich über der Wachstumsmarke von 50 Punkten. Während in der Schwerindustrie die Stromnachfrage als Indikator für die Kapazitätsauslastung weiter rückläufig ist – was für den Kohlendioxidausstoß eine gute Nachricht ist –, zieht diese Kennziffer bei der Leichtindustrie und bei den Dienstleistern an. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen können die monokausalen Erklärungen vieler Analytiker für die oftmals irrational anmutenden Schwankungen an Chinas Börsen nicht wirklich überzeugen.

Ihre Feuertaufe erlebte am Montag eine in China erstmals angewandte Regel namens „Circuit Breaker“. Sie soll Grenzen für turbulente Börsenverläufe setzen. Zunächst wurde gegen 13.13 Uhr Ortszeit der Handel mit den Valoren für 15 Minuten ausgesetzt, weil der Hushen-300-Index bis zu diesem Zeitpunkt 5 Prozent verloren hatte. Allerdings konnten die Händler während der kurzen Auszeit ihre erhitzten Gemüter nicht ausreichend abkühlen, denn nur fünf Minuten nach Wiederaufnahme lag der Index bereits mit 7 Prozent im Minus, was die endgültige Sistierung des Handels zur Folge hatte. Allein diese Nachricht dürfte – ohne genaueren Blick auf die makroökonomischen Daten – den Rest der Börsenwelt in Panik versetzt haben.

Besorgnis wegen Saudi-Arabien

Für Verunsicherung sorgten unter Investoren aber auch die steigenden Spannungen zwischen Saudi-Arabien und Iran. Nachdem bekanntgeworden war, dass Saudi-Arabien den diplomatischen Vertretern Irans ein 48-stündiges Ultimatum zum Verlassen des Landes gesetzt hatte, stieg der Erdölpreis um zeitweise bis zu 6,5 Prozent auf 38,47 Dollar pro Fass. Auch an der Börse von Riad war die Besorgnis deutlich spürbar. Der Tadawul-All-Share-Index fiel um 2,4 Prozent.

Saudi-Arabien und der Iran liegen beide am Persischen Golf. Nirgendwo sonst auf der Welt verkehren mehr Erdöltanker als auf der angrenzenden Straße von Hormuz. Auseinandersetzungen zwischen den beiden Regionalmächten bergen denn auch die Gefahr, dass der Handel mit Erdöl empfindlich gestört wird.

Saudi-Arabien fördert als weltgrößter Exporteur gegen zwölf Millionen Fass Erdöl pro Tag. Im Vergleich dazu ist Irans Produktion mit rund einer Million Fass bescheiden. Sie wurde in den vergangenen Jahren stark durch die Sanktionen beeinträchtigt. Nach der letztjährigen Einigung im Atomstreit äußerten Vertreter der iranischen Erdölindustrie die Hoffnung, die Förderung bis 2020 schrittweise auf rund fünf Millionen Fass pro Tag zu erhöhen. Dieses Ziel scheint durch die jüngsten Vorkommnisse wieder infrage gestellt zu sein.

Saudi-Arabien pflegt mit dem Iran nur marginale Wirtschaftsbeziehungen. Dem Königreich kann es durchaus recht sein, wenn weniger iranisches Erdöl auf die Märkte strömt. Eine bedeutende Ausweitung der Produktion im Iran könnte indes die Erdölpreise und die davon abhängigen saudischen Staatseinnahmen weiter unter Druck setzen. Anders ist die Wahrnehmung in Dubai. In der Stadt, die mehrere tausend Firmen mit iranischen Wurzeln zählt, macht man sich große Hoffnung auf eine Normalisierung der Handelsbeziehungen mit Iran. Dies erklärt auch, wieso die Vereinigten Arabischen Emirate auf kommerzieller Ebene weiter diplomatische Beziehungen mit dem Iran unterhalten wollen.

Schwächezeichen aus den USA

Auch die amerikanische Konjunktur konnte am Montag nicht mit guten Nachrichten aufwarten. Die erste wichtige Konjunkturmeldung des Jahres, der Dezemberwert für den ISM-Einkaufsmanagerindex der US-Industrie, deutet auf eine anhaltende Schwäche im produzierenden Sektor hin. Der Index kam im zweiten Monat in Folge unter 50 Punkte zu liegen, was eine Kontraktion signalisiert. Mit 48,2 Punkten fiel der Index im Dezember so tief aus wie seit mehr als sechs Jahren nicht mehr.

Der Industriesektor macht etwa 10 Prozent der Beschäftigung in der Privatwirtschaft und 12 Prozent der US-Wirtschaftsaktivität aus. Exportorientierte Manufakturen leiden unter der Stärke des Dollars und der globalen Nachfrageschwäche. Wegen des niedrigen Erdölpreises wird kaum noch im Energiesektor investiert, was der Schwerindustrie und deren Zulieferern zu schaffen macht. Die dämpfende Wirkung wird in naher Zukunft kaum nachlassen. Ähnlich wie in China kontrastiert die Schwäche in einigen Industriebereichen mit einer positiven Entwicklung im Dienstleistungssektor. Positive Impulse verleihen auch die starken, von den niedrigen Treibstoffpreisen getriebenen Autoverkäufe. – Insgesamt dominierte am Montag die Unsicherheit, und diese ist Gift für die Finanzmärkte. Das Börsenjahr ist aber noch lang; damit könnten die Lichtblicke später durchaus noch wirken.