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Globalisierte Globalisierungsgegner

Mit dem iPhone zur Anti-Freihandelsdebatte

Gastkommentar / von Franz Schellhorn / 27.02.2016

Die amerikanische Jugend schwärmt für Bernie Sanders. Die österreichische hat ihr Herz an die Anti-Freihandelsbewegung verloren.

Mut ist bekanntermaßen ja nicht käuflich zu erwerben. Entweder man hat ihn, oder man hat ihn nicht. Cecilia Malmström hat ihn. So sieht es zumindest eine Reihe heimischer Medien, die sich zu Beginn der Woche von der Courage der für Handelsfragen zuständigen EU-Kommissarin angetan zeigten. Sie wagte sich nämlich in die „Höhle der Löwen“ vor und diskutierte in Wien mit Vertretern von AK, ÖGB, Global 2000 und ATTAC über das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA. Also mit Leuten, die kein anderes TTIP wollen. Auch kein besseres. Sondern überhaupt keines.

Widerspruch auf zwei Beinen

Das muss man sich einmal vorstellen: Die am meisten globalisierte Generation in der Geschichte dieses Landes zählt zu den heftigsten Gegnern des globalisierten Handels – das hat schon was.

Nun ist die kategorische Ablehnung des Abkommens durch die erwähnten Institutionen eine Sache. Der erbitterte Widerstand der breiten Mehrheit der österreichischen Bevölkerung eine andere. Besonders auffallend dabei ist die überaus negative Haltung der jüngeren Generation. Es gibt kaum eine öffentliche Veranstaltung, bei der das Publikum jünger wäre als bei einer Anti-TTIP-Debatte. Im Publikum lauter junge Leute, die sich frühmorgens zum Ikea-Kasten geschleppt haben, um sich das frisch gewaschene H&M-Leiberl überzustreifen, in die Zara-Jeans und die coolen Sneakers zu schlüpfen, einen Blick auf das iPhone zu werfen, bei Starbucks einen fair getradeten Espresso zu genießen, um anschließend auf der vom jeweiligen Studentenverband organisierten Diskussion über die zerstörerische Wirkung des Freihandels ordentlich Dampf abzulassen. Das muss man sich einmal vorstellen: Die am meisten globalisierte Generation in der Geschichte dieses Landes zählt zu den heftigsten Gegnern des globalisierten Handels – das hat schon was.

Aber es sind nicht nur die Jungen, die in dumpfen Nationalismus und Protektionismus verfallen. In keinem Land der Europäischen Union ist der Widerstand gegen das verhasste Handelsabkommen so groß wie in Österreich. Das wiederum ist jenes Land, das wie kaum ein anderes von den geöffneten Handelsräumen profitiert hat. Ein Land, dessen Bevölkerung noch immer erhebliche Zweifel daran hat, dass weitgehend freier Handel wohlfahrtsstiftend wirkt. Vielmehr wird hierzulande die steigende Arbeitslosigkeit gerne mit der ins Land strömenden Billigkonkurrenz erklärt – obwohl der breite Wohlstand der heimischen Bevölkerung seit geraumer Zeit hinter den Landesgrenzen erwirtschaftet wird.

Wer hohe Standards will, braucht TTIP

TTIP steht nicht nur für „Transatlantic Trade and Investment Partnership“ – sondern auch für Amerika und freien Handel. Zwei Begriffe, mit denen die österreichische Bevölkerung traditionell nicht rasend viel anzufangen weiß. Und das, obwohl die ganze Sache eine Herzensangelegenheit von Barack Obama ist. Hinzu kommt natürlich die Angst vor dem Verlust der hohen österreichischen Standards. Eine Angst, die von den finanziell schlagkräftigen TTIP-Gegnern geschickt bedient und von großen Medien großflächig propagiert wird.

Wollen die Vereinigten Staaten von Amerika und die Länder der Europäischen Union ihre hohen Qualitätsansprüche halten und selbige in der globalisierten Welt verankern, brauchen sie dieses Handelsabkommen. Und das besser heute als morgen.

Dabei ist klar, dass TTIP volkswirtschaftlich nicht zum großen Heuler werden wird. Dabei zu sein, wird uns Europäern nicht sehr viel bringen. Aber nicht dabei zu sein, wird uns Europäer sehr viel kosten. Das wichtigste Argument für einen erfolgreichen Abschluss des Handelsabkommens ist nämlich der Erhalt jener Standards, die wir Österreicher so toll finden. Oder anders ausgedrückt: Wollen die Vereinigten Staaten von Amerika und die Länder der Europäischen Union ihre hohen Qualitätsansprüche halten und selbige in der globalisierten Welt verankern, brauchen sie dieses Handelsabkommen. Und das besser heute als morgen, denn die beiden Wirtschaftsräume verlieren rapide an Einfluss und Macht.

Kamen die beiden großen Wirtschaftsblöcke zu Beginn des dritten Jahrtausends noch auf knapp 50 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung, waren es 15 Jahre später nur noch 33 Prozent. Wer sich also nicht von den aufstrebenden Volkswirtschaften (allen voran China) in den kommenden Jahren diktieren lassen will, unter welchen Bedingungen produziert und gehandelt werden darf, sollte sich vehement für TTIP aussprechen.

Darauf zu hoffen, dass die ganze Welt aus freien Stücken nach den Vorstellungen österreichischer Biolandwirte und Gewerkschaften produziert, ist natürlich auch eine Variante. Im besten Fall eine sehr mutige. Aber Mut kann man sich bekanntlich nicht kaufen. Wohlstand leider auch nicht.