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Digitale Revolution am Arbeitsplatz

Mit den Robotern rennen

Meinung / von Natalie Gratwohl / 30.08.2016

Digitalisierung und Automatisierung verändern die Arbeitswelt grundlegend. Die Arbeit wird deswegen nicht ausgehen. Die Schweiz hat Trümpfe, um die Chancen des Wandels zu nutzen.

Computer unterstützen Chirurgen bei Operationen. Algorithmen durchforsten Gerichtsakten effizienter als Anwälte. Der technische Wandel erfasst zunehmend auch anspruchsvollere Tätigkeiten. Das weckt Ängste. Befürchtet wird, dass nur wenige von der Digitalisierung profitieren werden, gleichzeitig aber etliche Arbeitsplätze verloren gehen. Laut einer vielbeachteten Studie der Universität Oxford ist in den Industrieländern in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren fast jeder zweite Arbeitsplatz automatisierbar. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) prognostiziert, dass knapp ein Zehntel der Stellen von Maschinen übernommen wird.

Wiederkehrende Zukunftsängste

Doch Zweifel sind angebracht. Solche Schätzungen sind nicht nur höchst unsicher, sie zeigen auch nur einen Teil des Bildes. Nicht jede bedrohte Stelle verschwindet tatsächlich. Vielleicht sind die Kosten oder die rechtlichen Hürden zu hoch, oder die Firma entscheidet sich aus anderen Gründen gegen den Einsatz von Maschinen. Vielleicht verändert sich auch nur das Jobprofil. Ein Berater hat mehr Zeit für Kundenwünsche, wenn Prozesse automatisch ablaufen. Aufschlussreich für diese Einschätzung mag der Blick zurück sein. Frühere Technologieschübe steigerten jeweils die Produktivität – und damit die Einkommen. Der wachsende Wohlstand weckte neue Bedürfnisse, zu deren Befriedigung mehr Personal benötigt wurde. Der Strukturwandel liess ganze Branchen verschwinden, aber auch neue Sektoren und Berufe entstehen. Dies sorgte für Zukunftsängste und führte zu schmerzhaften Übergängen, brachte aber auch immer wieder neue Modelle der sozialen Absicherung hervor. Unter dem Strich wurden in den Industrieländern seit Beginn der Industrialisierung mehr und wertschöpfungsintensivere Stellen geschaffen.

Ist dieses Mal alles anders? Die Maschine ersetzt längst nicht mehr nur die Muskelkraft. Sie rückt dem Menschen auf die Pelle, indem sie zunehmend Denkfunktionen übernimmt. 

Ist dieses Mal alles anders? Die Maschine ersetzt längst nicht mehr nur die Muskelkraft. Sie rückt dem Menschen auf die Pelle, indem sie zunehmend Denkfunktionen übernimmt. Werden neue Bedürfnisse bald grösstenteils von Maschinen befriedigt? Oder entstehen gar keine neuen Bedürfnisse mehr, weil die Einkommen der breiten Mittelschicht aufgrund des massiven Stellenverlusts wegbrechen? Fragen dieser Art dominieren die Debatte um das Ende der Arbeit. Letztlich kann man über die Folgen von Digitalisierung und Automatisierung nur mutmassen. Sie werden ohnehin von weiteren Trends wie Migration, Globalisierung und Demografie überlagert, die den Arbeitsmarkt ebenfalls beeinflussen. Es erstaunt daher nicht, dass die technikbegeisterten Japaner, die angesichts der Alterung der Gesellschaft und der kaum zugelassenen Zuwanderung mit einem Fachkräftemangel kämpfen, vor allem die Vorteile des technischen Umbruchs sehen. In den USA, wo es vergleichsweise vielen Erwerbstätigen schwerfällt, den Lebensunterhalt zu verdienen, ist die Skepsis grösser.

Routinetätigkeiten unter Druck

In der Schweiz gerieten in den vergangenen 25 Jahren vor allem Routinetätigkeiten im Büro fortlaufend unter Druck, während sich die Zahl der Akademiker erhöhte. Grundsätzlich ist ein Job umso weniger von den technischen Umwälzungen bedroht, je anspruchsvoller die Aufgaben sind. Zukunft haben auch soziale und kreative Berufe, denn dem Roboter fehlt das menschliche Mitgefühl ebenso wie der intuitive Einfall. Für die Anpassung der Qualifikationen an die neuen Anforderungen spielen Investitionen in Aus- und Weiterbildung eine Schlüsselrolle. Mit der Vermittlung von digitalem Know-how ist es dabei nicht getan. Anstatt Faktenwissen braucht es vermehrt Fähigkeiten wie selbständiges Denken, Sozialkompetenz, Überzeugungskraft, Kreativität und Unternehmergeist. Künftig werden nicht nur Spezialisten, sondern weiterhin auch Generalisten gefragt sein. Die kaufmännische Lehre hat deshalb trotz eingetrübten Perspektiven für Büroangestellte überhaupt nicht ausgedient. Der Abschluss ist jedoch, ebenso wie bei Akademikern, vor allem eine gute Grundlage für das Berufsleben. Gefragt sind nämlich lebenslanges Lernen und die Fähigkeit, sich auf Neues einzustellen. Flexibilität heisst das Zauberwort.

Im Kleinen wie im Grossen zeigt sich: Technologie ist, was
der Mensch daraus macht. Nur wenn die Rahmenbedingungen den technischen
Fortschritt zulassen, kann das Potenzial ausgeschöpft werden.

In der Tat bringt höhere Flexibilität viele Vorteile. Sie schafft Effizienz, bietet Freiräume, begünstigt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und stärkt die Eigenverantwortung. Je nach Ausgestaltung droht sie aber Menschen und Organisationen zu überfordern. Das flexible Arbeiten gehört auch zum Geschäftsmodell von Internetplattform-Anbietern, die sich als Vermittler von Dienstleistungen und nicht als Arbeitgeber verstehen. Die rasch wachsende Zahl und die zunehmende Bedeutung von Unternehmen wie dem Fahrdienst Uber oder Airbnb, wo private Unterkünfte vermietet werden, krempeln die Arbeitswelt zusehends um. In den USA ist die Auflösung fester Beschäftigungsverhältnisse weit fortgeschritten. Mehr als jeder Dritte ist dort haupt- oder nebenberuflich freischaffend. Auch in der Schweiz wird diese Arbeitsform häufiger. Anstatt Angestellte zu beschäftigen, vergeben Firmen vermehrt Aufträge rund um den Globus an Arbeitskräfte, die gerade Zeit haben und das beste Preis-Leistungs-Verhältnis erbringen.

Gefragte Spezialisten erfüllen sich damit ihren Traum von der Selbständigkeit. Daneben gibt es aber Beschäftigte, die im Zuge der wachsenden Konkurrenz häufig nicht genug verdienen, um ausreichend Kapital für die Vorsorge zu sparen. Einige Firmen sind mittlerweile allerdings dazu übergegangen, den Arbeitskräften mehr als das Minimum zu bieten. Sie haben offenbar erkannt, dass Zufriedenheit die Motivation und letztlich die Leistung steigert. Und sie wissen, dass sie auch von den Freiberuflern im Internet kritisch bewertet werden.

Neuartige Arbeitsplätze entstehen

Im Kleinen wie im Grossen zeigt sich: Technologie ist, was der Mensch daraus macht. Nur wenn regulatorische Rahmenbedingungen technischen Fortschritt ermöglichen, kann das Potenzial, das jeder Umbruch freisetzt, ausgeschöpft werden. Mit den Maschinen rennen und nicht gegen sie, lautet die Devise. Wo überall neuartige Arbeitsplätze entstehen werden, weiss man heute noch nicht. Allgemein lassen sich die Folgen der technischen Umwälzungen gegenwärtig nicht abschätzen, weshalb übereilte Staatseingriffe kontraproduktiv sind. Es gibt gute Gründe, die gegen ein Szenario anhaltender Massenarbeitslosigkeit sprechen. Doch einfach darauf zu vertrauen, dass negative Auswirkungen von Digitalisierung und Automatisierung auf dem Arbeitsmarkt ausreichend abgefedert werden, reicht nicht – vor allem mit Blick auf Länder mit rekordhoher Arbeitslosigkeit. Patentrezepte, um den Herausforderungen zu begegnen, gibt es nicht.

Überall gilt es, die Aus- und Weiterbildung den veränderten Qualifikationsanforderungen anzupassen. In vielen Ländern braucht es umfassende, strukturelle Antworten wie etwa flexiblere Arbeitsplatzmodelle. 

Erfolgversprechend scheinen vor allem pragmatische Ansätze, die auf den Erfahrungen im Kleinen aufbauen und den unterschiedlichen Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt Rechnung tragen. Überall gilt es, die Aus- und Weiterbildung den veränderten Qualifikationsanforderungen anzupassen. In vielen Ländern, wo Lohn- und Beschäftigungsverhältnisse in eine Schieflage geraten sind, braucht es umfassende strukturelle Antworten wie etwa flexiblere Arbeitsplatzmodelle.

Die besten Köpfe

Die Schweiz ist mit der robusten Lohnsituation, der hohen Beteiligung am Arbeitsmarkt und dem erheblichen Anteil von Berufen mit hoher Qualifikation im Vergleich mit anderen Industrieländern gut für die Herausforderungen gerüstet. Dank flexiblem Arbeitsmarkt, dualem Bildungssystem, hoher Innovationskraft und einer stabilen sozialen Sicherung wurde der technische Wandel bisher gut gemeistert. Auf den Lorbeeren ausruhen sollte man sich allerdings nicht, auch weil das Erfolgsmodell von verschiedenen Seiten – etwa durch die Einwanderungsinitiative – einer Belastungsprobe ausgesetzt ist. Vielmehr gilt es, die bewährten Trümpfe in der Hand zu behalten. Die Schweiz kann es sich nämlich ebenso wenig leisten, international bei der Spitzenforschung abgehängt zu werden, wie auf ausländische Schlüsselpersonen und innovative Unternehmen zu verzichten. Zukunftsideen entstehen nur, wenn die besten Köpfe daran arbeiten.