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Wirtschaftsimpulse

Mit der Vier-Tage-Woche ins große Glück

Gastkommentar / von Franz Schellhorn / 12.11.2015

Österreichs mächtigste Pressure-Group hat ihre Vorschläge konkretisiert, wie die stark steigende Arbeitslosigkeit gebändigt werden soll: die Einführung der Vier-Tage-Woche, eine kräftige Erhöhung der Mindestlöhne, das Auszahlen von Urlaubs- und Weihnachtsgeld an die Bezieher der bedarfsorientierten Mindestsicherung und eine sechste Urlaubswoche sollen Österreich zurück an die Weltspitze führen. Kein Witz.

Der Österreicher wird wohl kein Deutscher mehr, zumindest nicht in diesem Leben. Das hat durchaus seine Vorteile. Etwa jenen, dass wir Österreicher in heiklen Situationen nicht gleich die Nerven wegschmeißen. Während für einen Deutschen eine ernste Situation nicht gleich hoffnungslos ist, ist für uns Österreich eine aussichtslose Lage eben noch lange nicht ernst. Wir analysieren in aller Nüchternheit, was Sache ist, um dann in aller Ruhe nichts zu tun. So arbeiten wir seit vielen Jahren, das hat sich bewährt.

Ganz anders die Deutschen. Als sie vor zehn Jahren fünf Millionen Arbeitslose zählten, erhöhte die SPD-geführte Regierung quasi über Nacht den Druck auf die Arbeitssuchenden, möglichst rasch einen Job anzunehmen. Von derartigen politischen Schnellschüssen hält die österreichische Schwesterpartei wenig. Im zehnmal kleineren Österreich stehen zwar eine halbe Million Arbeitssuchende vor der Tür, aber das ist aus Sicht der Regierung noch lange kein Grund, gleich nervös zu werden. Auch nicht, wenn das WIFO neuerdings vor einem „Stillstand des Aufschwungs“ warnt. Das ist schließlich nur eine Momentaufnahme.

Eine wachsende Zahl der Bürger hält die Abkehr vom ,Fetisch Wachstum‘ ohnehin für einen Segen.

Cool bleiben heißt die Devise, wenn auch etwas mehr Wachstum nicht wirklich schaden würde. Bereits vor dem „Stillstand des Aufschwungs“ zählte Österreich zusammen mit Griechenland und Finnland zu den Ländern mit den schwächsten Wachstumsraten in der EU. Nun hält zwar eine wachsende Zahl der Bürger die Abkehr vom „Fetisch Wachstum“ ohnehin für einen Segen, allerdings wird Österreich mindestens drei Prozent davon brauchen, um die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau zu stabilisieren.

Derart hohe Wachstumsraten sind nicht in Sicht, weshalb die Gewerkschaft energischere Schritte von der Regierung einfordert: Ein generell gültiger Mindestlohn von 1.700 Euro brutto soll zusammen mit der Einführung einer sechsten Urlaubswoche den Konsum ankurbeln. Bezieher der bedarfsorientierten Mindestsicherung sollen künftig auch Urlaubs- und Weihnachtsgeld bekommen. Die Absenkung der Arbeitskosten hält die Gewerkschaft hingegen für überschätzt, zumal die Arbeitskosten 2016 ohnehin um durchschnittlich 30 Euro pro Arbeitsplatz und Jahr sinken. Stattdessen sollte eine Vier-Tage-Woche mit 30 Arbeitsstunden die Arbeit gerechter verteilen. Überstunden mögen zwar für viele Menschen die einzige Möglichkeit sein, sich neben dem teuren Staat auch noch die eine oder andere Annehmlichkeit leisten zu können, aus Sicht der Gewerkschaft sind sie aber ein nicht mehr zu tolerierendes Vergehen an der Solidargemeinschaft.

Nun muss man kein neoliberales Nachtgespenst sein, um zu erkennen, dass einer stark sinkenden Wettbewerbsfähigkeit mit einem forschen Ausbau des Sozialstaates eher schwer beizukommen sein wird. Das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass das ebenfalls stark schwächelnde Finnland ein etwas anderes Reformprogramm vorbereitet. Der Urlaubsanspruch im öffentlichen Dienst soll gekürzt werden, die Lohnkostensteigerungen eingebremst und die Sonn- und Feiertagszuschläge reduziert werden. Stimmen die Gewerkschaften nicht zu, werden die öffentlichen Ausgaben stärker gekürzt als geplant. Womit auch klar ist, dass Finnland im Unterschied zu Österreich nicht von Interessenvertretern regiert wird.

Vergessen scheinen die Zeiten, in denen das ganze Land der Gewerkschaft viel zu verdanken hatte.

Vergessen scheinen jedenfalls die Zeiten, in denen das ganze Land der Gewerkschaft viel zu verdanken hatte. Ohne sie wäre weder der EU-Beitritt noch die Anbindung des weichen Schilling an die harte D-Mark zu machen gewesen. Insbesondere diese kleine Hartwährungsreform war einer der wirtschaftspolitischen Meilensteine der Nachkriegsgeschichte. Unter dem Druck der plötzlich harten Währung wurde Österreichs Wirtschaft dank der vom ÖGB praktizierten Lohnzurückhaltung zu einer der wettbewerbsfähigsten der Welt. Menschen wie Anton Benya wussten, dass das Verteilen nach dem Erwirtschaften kommt.

Heute ist es genau umgekehrt. Das Verteilen wird als Voraussetzung für mehr Wachstum gesehen. Aus uns Österreichern werden keine Deutschen mehr. Zumindest nicht in diesem Leben.