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Sparen

Mit Sicherheit arm

von Lukas Sustala / 09.08.2016

Das Geld unter dem Kopfpolster, Sparbücher, Immobilien. Die Österreicher halten Sparformen für sicher, die allerlei Gefahren mit sich bringen.

Was ist heutzutage schon sicher?

Fragt man die Herren und Damen Österreicher danach, bei welcher Form der Geldanlage sie sich sicher fühlen, bekommt man ein Bild vermittelt, das nicht viel mit der Realität zu tun hat. Was bekannt ist, gilt als sicher. Unbekanntes ist damit unsicher. Die meisten Österreicher haben etwa mit dem Thema Wohneigentum zu tun, schließlich liegt die Wohneigentumsquote bereits bei knapp 60 Prozent. Also halten sie, einer aktuellen Umfrage zufolge, Immobilien für die sicherste Geldanlage.

Daran kann offenbar auch die Erfahrung der jüngsten Vergangenheit nichts ändern. Die große Finanzkrise 2008/2009 hat schließlich auf den Immobilienmärkten der USA, Spaniens, Irlands und Großbritanniens ihren Ausgang genommen. Kaum eine Anlageform hat in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten so regelmäßig zu systematischen Finanzkrisen geführt wie die Immobilie.

Gleichzeitig löst nur Betongold so viele Emotionen bei Menschen aus und führt, wie Ökonomen und Verhaltenspsychologen immer wieder nachweisen, auch zu den schlimmsten Fehleinschätzungen. Nach einer Phase steigender Preise etwa gewinnen Immobilien immer wieder die Aura des dauerhaften Werterhalts.

Genau so eine Phase hat Österreich gerade hinter sich. Seit 2005 haben sich die Immobilienpreise in Wien etwa verdoppelt.

Sicherheit – vor der Inflation

Noch weiter klaffen aber gefühlte und reale Sicherheit bei anderen beliebten Sparformen in Österreich auseinander. Denn eine ganz zentrale Gefahr fürs Ersparte ist stets die Inflation. Weil die Preise in den meisten Industrieländern seit Jahrzehnten in unterschiedlichem Tempo steigen, sinkt der reale Wert eines Geldscheins oder anderer Wertpapiere sukzessive. Wer 2010 etwa 100 Euro sparte, muss daraus bis 2016 111,9 Euro gemacht haben, um sich dafür dasselbe kaufen zu können. Die Verbraucherpreise sind seit 2005 um 22,5 Prozent gestiegen; aber je nachdem, wie die eigenen Konsumgewohnheiten sind, können sie noch deutlich höher sein, etwa durch die höheren Mieten in den Ballungsräumen.

Das Sparbuch aber wird von vielen immer noch mit einem Investment, einer Anlageform verwechselt. Dabei lieferte es auch langfristig nur ganz selten „reale“ Erträge. In den vergangenen 55 Jahren lag die Teuerung oft höher als die durchschnittliche Verzinsung, wie Daten von der Oesterreichischen Nationalbank zeigen. Ob es eine „sichere“ Anlageform ist, wenn die Geldentwertung den Sparer real ärmer macht?

Für 44,7 Prozent aber gelten Sparbücher als sicher, wie die Umfrage der Marktforscher von Marketagent im Auftrag des Versicherungskonzerns Allianz zeigt. Auch Bargeld gilt vielen als „sicher“, obwohl daran nur sicher ist, dass man damit der Geldentwertung zu hundert Prozent ausgeliefert ist. In dem – in Österreich nicht zu beobachtenden – Fall, dass Deflation herrscht, also alle Preise sukzessive niedriger werden, ist Bargeld wohl tatsächlich eine sinnvolle Anlageform. Doch so weit ist es noch nicht.

Auch hier liegen viele Sparer einem Fehler auf, der Verfügbarkeitsheuristik. Wenn die statistischen Daten nicht bekannt sind, greift der Mensch auf die Faustregel zurück, dass er den Ereignissen, an die er sich besser erinnert, auch eine höhere Wahrscheinlichkeit beimisst. Was im Hirn verfügbar ist, gilt auch als wahrscheinlich. Damit scheinen Bargeldverbot, Hyperinflation wie in Venezuela, Staatspleiten wie in Griechenland als bedrohlicher als die langsame schleichende Inflation oder die hohen Gebühren, die Broker und Banken bei vielen Anlageprodukten verlangen.

Kurzfristig oder langfristig sicher?

Die Finanzkrise etwa hat wohl nachhaltig den Risikoappetit für riskante, schwankungsanfällige Wertpapiere wie Aktien und Fonds geschmälert. Sie rangieren im Sicherheitsansehen der Österreicher ebenso wie in der Vermögensallokation unter der Wahrnehmungsschwelle.

Dabei haben sie, trotz der vielen Horrorjahre zuletzt, ihren schlimmer Ruf nicht unbedingt verdient. Selbst seit dem Jahr 2000 haben europäische Aktien – nicht gerade der beste Aktienmarkt global betrachtet – inklusive Dividenden nicht viel weniger Rendite gebracht als heimische Immobilien in ihrem Boom.

Längerfristig betrachtet schneiden Aktien deutlich besser ab als Immobilien – dank der Gewinnausschüttungen von Unternehmen. Die Beteiligung an den Gewinnen und am Wirtschaftsverlauf ist wohl der wichtigste Grund, wieso Aktien im angelsächsischen Raum und bei vielen Staats- und Stiftungsfonds so einen guten Ruf haben. Langfristige Investoren finden es etwa höchst „unsicher“, in niedrig verzinste Anleihen zu investieren, während kurzfristige freilich die Schwankungsanfälligkeit von Aktien fürchten.

Trügerische Sicherheit

Man könnte eben, leicht abgewandelt vom Abwägen zwischen Freiheit und Sicherheit, sagen: Wer die Rendite aufgibt, um Sicherheit zu erlangen, wird am Ende keines haben. Insofern haben wohl jene elf Prozent der Österreicher recht, die davon ausgehen, dass gar keine Anlageform wirklich sicher ist. Denn Risiken gibt es immer, in allen möglichen Formen und mit allen möglichen Wahrscheinlichkeiten. Man muss sich ihrer nur bewusst sein.