Neil Hall / Reuters

Finanzmärkte

Nach dem Brexit: Gold vor einem Höhenflug?

von Werner Grundlehner / 30.06.2016

Der Brexit hat einen Trend, der am Laufen war, nur verstärkt. Die Notierung des Edelmetalls dürfte nach Ansicht von „Goldbugs“ vor einem neuen Höhenflug stehen.

Der Tumult an den Finanzmärkten, der durch den Brexit entstanden ist, hat dazu geführt, dass Investoren ihre Vermögenswerte in sichere Häfen wie US-Staatsanleihen und Gold verschoben haben. Doch im derzeitigen Umfeld scheint das Edelmetall gegenüber den festverzinslichen Werten deutliche Vorteile aufzuweisen. So hat die Stimmung an den Bond-Märkten umgeschlagen: Die Marktbeobachter gehen nicht nur davon aus, dass es in diesem Jahr keine weitere Leitzinserhöhung in den USA geben wird, sondern viele rechnen mittlerweile sogar mit einer Senkung als nächstem Schritt. Der Nachteil der „Ertragslosigkeit“ des Goldes fällt so kaum mehr ins Gewicht.

Der Aufschwung des Goldpreises habe auch mit einem rasch schwindenden Vertrauen in die Politik der führenden Notenbanken zu tun, sagt Davis Hall, verantwortlich für das Edelmetallgeschäft bei Indosuez Wealth Management. Deren ultraexpansive Geldpolitik habe nicht, wie erhofft, das Wirtschaftswachstum und die Teuerung angekurbelt, sondern lediglich die Notenbankbilanzen aufgebläht. Als Barack Obama sein Amt als US-Präsident antrat, notierte der Goldpreis unter 900 $ pro Unze. Der damalige Chairman des Federal Reserve, Ben Bernanke, „erfand“ das Quantitative Easing (QE, Aufkauf von festverzinslichen Forderungen durch die Notenbank), das von zahlreichen Ländern kopiert wurde, aber nicht die erhoffte Wirkung zeigte.

Zufälligerweise ist wenige Tage nach dem Brexit-Entscheid auch der vielbeachtete Goldbericht des Liechtensteiner Vermögensverwalters Incrementum publiziert worden. Wenig überraschend finden sich in den 160 Seiten zahlreiche Argumente für eine rosige Zukunft des Edelmetalls. Incrementum rechnet für Juni 2018 mit einem Goldpreis von 2300 $. Die Autoren stellen fest, dass eine wachsende Unsicherheit hinsichtlich wirtschaftlicher sowie politischer Entwicklungen den Goldpreis beflügelt.

Weiterhin pumpten die Bank of Japan und die EZB monatlich über QE einen Betrag in die Finanzmärkte, welcher dem Wert der gesamten Jahresproduktion von Gold entspreche. Der Brexit wirke wachstumshemmend und werde die Unsicherheit vergrössern, dies werde zu weitern Konjunkturprogrammen und Stimuli führen. Aber auch die US-Wirtschaft zeige Anzeichen von Schwäche. Die Zinswende stehe vor dem Scheitern. Da liefert der Brexit gemäss Incrementum eine willkommene Begründung, um weitere Zinserhöhungen abzusagen. Die Erwartungen steigender Zinsen waren der Treiber des Dollarkurses, und bisher sei die Stärke des US-Dollars für den schwachen Goldpreis mitverantwortlich gewesen, schreiben die Analytiker.

Für Hall ist der Anstieg des Goldes um 21% innert 24 Stunden gegenüber dem Pfund nicht die Überraschung, sondern dass der Dollar nach wenigen Tagen gegenüber dem Euro wieder auf 1.11 notiert. Die US-Währung werde nicht mehr als sicherer Hafen angesehen, obwohl die Krise in Europa stattfinde. Der Aufwärtstrend des Dollars sei gebrochen.

Gold ist für Davis Hall mit einem Plus von 28% im laufenden Jahr aber eine „zu offensichtliche“ Alternative geworden. Hall, der Gold bereits vor einem Jahr zum Kauf empfahl, rechnet bis Ende 2016 mit einem Preis von 1390 $ je Unze, was einem Plus von 5% entspricht. Kurzfristig werde der Goldpreis eher nachgeben, weil zu viele Spekulanten engagiert seien, erklärt Hall.

Die Liste der sicheren Häfen ist mit der Zurückstufung von Grossbritannien noch kürzer geworden. Es liege auf der Hand, bei einem Aktienanteil von 40% auch 10% in Gold zu halten. Langfristig sei es angezeigt, den Anteil bis auf 25% zu erhöhen. Denn die historischen Höchststände könnten geprüft werden. Dafür gebe es zahlreiche Gründe. Nach dem Brexit müsse man mit dem nächsten schwarzen Schwan rechnen – und dieser könnte Donald Trump heissen. Der US-Präsidentschaftskandidat sei unberechenbar und schwierig einzuschätzen. Aber auch wenn Hillary Clinton US-Präsidentin werde, könne sie die Rezession nicht verhindern.