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Start-up-Jahr 2017

Nach den Pleiten kommt die Professionalisierung

von Elisabeth Oberndorfer / 10.02.2017

Die österreichische Gründerszene bekam in den vergangenen Monaten viel Aufmerksamkeit und Unterstützung. Gleichzeitig gab es 2016 einige Start-up-Krisen – die beste Voraussetzung dafür, dass sich das Ökosystem 2017 vom Hype entfernt und professionalisiert.

Vom Start-up-Kanzler zu Start-up-Pleiten

2016 war das Jahr, in dem Start-ups zum Mainstream wurden. Wir bekamen einen Start-up-Kanzler, der wiederum ein Start-up-Paket in die Regierung mitbrachte. Die Zahl der allgemeinen Neugründungen stieg um 3,5 Prozent auf 39.973 an, der Anstieg der Insolvenzen war mit 1,5 Prozent überschaubar. Und doch waren im vergangenen Jahr immer mehr auch die dunklen Seiten des Start-up-Booms zu spüren.

Fast jede zweite Insolvenz in Österreich betraf 2016 laut dem Jahresbericht des KSV 1870 Unternehmen, die 2010 oder später gegründet wurden. Einige davon waren bekannte Namen im Gründerland. Das Aktionsportal Meinkauf meldete im Sommer 2016 Insolvenz an, nachdem das Start-up einen Verlust in Höhe von 2,5 Millionen Euro ansammelte. Für Gründer Markus Pichler war es das zweite Unternehmen. Das erste, die Gutscheinplattform Dailydeal, verkaufte er 2011 an Google. Die Pleite von Meinkauf sorgte für Kritik, weil sich das Unternehmen mit großen Fördersummen aus öffentlicher Hand finanzierte.

Bei zwei Insolvenzen unter Jungunternehmern kam das Geld ursprünglich von Privatinvestoren durch Crowdfunding. Mit dem Vorhaben, einen verpackungsfreien Lebensmittelmarkt zu etablieren, holte sich Holis aus Linz 170.100 Euro von Unterstützern. Nach nicht einmal einem Jahr musste Gründer Franz Seher Holis im August den Markt schließen. Der Grund für die Pleite sollen ein schlechter Standort und unzureichende Kühlmöglichkeiten für die Waren gewesen sein.

Der deutsch-österreichische E-Bike-Hersteller Freygeist sammelte 2015 über Crowdfunding sogar 1,5 Millionen Euro ein. Im August wurde die Geschäftsführung ausgewechselt, wonach es Berichten zufolge immer weiter bergab ging. Im Januar bestätigte Freygeist schließlich, Insolvenz angemeldet zu haben. Es dürfte die bislang größte Crowdfunding-Pleite im deutschsprachigen Raum sein.

Beinahe unbemerkt verlief die Pleite von KochAbo. Das Startup aus der i5invest-Schmiede wurde bereits 2015 vom Berliner Mitbewerber Marley Spoon übernommen. Im Oktober 2016 meldete KochAbo nach vier Jahren die Insolvenz an.

Als Pleite könnte auch das gescheiterte Start-up-Projekt des ORF bezeichnet werden. Die groß angekündigte Initiative stellte Generaldirektor Alexander Wrabetz Ende des Jahres wieder ein.

Neue Hubs und Millionen-Finanzierungen

Wer schon einmal gescheitert ist, gründet besser, lautet eine Start-up-Weisheit. Damit hat Österreich in den nächsten Monaten die besten Voraussetzungen für Kanzler Christian Kerns Vision, zum international anerkannten Start-up-Hub zu werden. Das Jahr begann zumindest mit Nachrichten, die diese Tendenz bestätigen: Einige heimische Jungunternehmen gaben im Januar Finanzierungsrunden in Millionenhöhe bekannt. Dabei war in den vergangenen Jahren ein sechsstelliges Risikokapital eine außergewöhnliche Summe. Zudem bekommt Wien dieses Jahr gleich zwei große Start-up-Zentren: Der von A1 Telekom Austria unterstützte 5.000 Quadratmeter große Talent Garden und das 8.000 Quadratmeter große Zentrum WeXelerate. Nebenbei haben Start-ups trotz der Unstimmigkeiten in der Regierung noch hohe Priorität.

Einer der ersten großen Exits in der österreichischen Start-up-Szene bringt jetzt eine große Veränderung: Im Herbst 2015 kaufte Schibsted die Flohmarkt-App Shpock, diese Woche gab das Gründerteam die Geschäftsführung endgültig ab. Mit zwei Exit-erfahrenen Gründern könnte sich das heimische Ökosystem stärker professionalisieren. Diese Professionalisierung bedeutet vor allem, dass Start-ups 2017 nicht mehr nur ein Modewort sind, sondern wirklich die nächste Generation des Unternehmertums prägen.

In den nächsten Wochen finden Sie bei NZZ.at übrigens Gespräche mit den Menschen, die die heimische Gründerszene in diesem Jahr vorantreiben wollen.