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Neues Datenleck: Das Doppelleben der Bahamas

von Martin Mayr / 22.09.2016

Die Karibikinsel unweit von Florida ist eine wichtige Drehscheibe für internationale Finanzflüsse. Mindestens Amerikanern dient sie aber kaum als Schlupfloch.

Ja, die 175 000 Gesellschaften, die laut dem Journalistenkonsortium ICIJ auf den Bahamas registriert sind, gibt es tatsächlich. Jedenfalls tauchen in einer Aufstellung der Zentralbank des Inselstaats ebenfalls über 174 000 sogenannte International Business Companies (IBC) auf. Diese Gesellschaften scheinen keinen Bezug zur bahamischen Realwirtschaft, die in erster Linie vom Tourismus abhängt, zu haben. Die Zentralbank ordnet sie wie Anlagefonds und Versicherungsgesellschaften dem sogenannten Nicht-Banken-Finanzsektor zu. Angaben über deren Aktivitäten sucht man aber vergeblich.

Offshore mal anders

Auch andere Publikationen, die sich mit dem bahamischen Finanzsektor auseinandersetzen, gehen nicht auf die IBC ein. Dafür stösst man in Studien des Internationalen Währungsfonds (IMF) auf Angaben zum Bankenwesen, die ähnlich stutzig machen wie die Zehntausenden, von Anwaltskanzleien und Vermögensverwaltern vermittelten Gesellschaften. So erreichten die Aktiven der Banken 2014 das 23-fache (2300%) des bahamischen Bruttoinlandprodukts (BIP). Der Grossteil davon wird auf Offshore-Banken, also grenzüberschreitend tätige Institute, zurückgeführt.

Das ist weltrekordverdächtig. In der Schweiz machten die Bilanzsummen der Banken selbst zu den «besten» Zeiten von UBS und Credit Suisse weniger als das Zehnfache des Schweizer BIP aus.

Wie erklären sich solche Dimensionen? Sind auf den Bahamas also Unsummen von ausländischen Vermögen versteckt? In einem früheren Papier von Anfang 2013, in dem die Offshore-Bankaktiven per Ende 2011 gar auf das 75-fache des BIP geschätzt wurden, wird die disproportionale Grösse des Sektors weitgehend mit konzerninternen Finanzierungsoperationen von global tätigen Banken begründet. Ein Beispiel dafür ist, wenn eine aus steuerlichen Gründen auf den Bahamas domizilierte Filiale einer Grossbank für das Mutterhaus Kapital beschafft. Das würde auch erklären, wieso die Beschäftigung im Offshore-Sektor mit einem Anteil von 0,6% an der bahamischen Gesamtbeschäftigung viel niedriger ist als im Inlandgeschäft (Anteil von 2,1%). Mit anderen Worten wird im Offshore-Geschäft offenbar vor allem Kapital verschoben, während im traditionellen Inlandgeschäft noch damit gearbeitet wird.

Neben diesen sogenannten Treasury- Operationen betreiben die Offshore-Banken aber doch auch ein Vermögensverwaltungsgeschäft. Per März 2012 wird dieses vom IMF auf 29 Mrd. $ geschätzt, was immer noch mehr als dem Dreifachem des bahamischen BIP entspräche. Die Washingtoner Ökonomen schreiben denn auch dazu: «Eine bedeutende Vermögensverwaltungsbranche bedient anspruchsvolle Vermögende und Ultra-Reiche aus aller Welt.» Zum Vergleich: In der Schweiz sind laut Boston Consulting Group rund 2500 Mrd. $, also fast das Hundertfache der Bahamas, an Offshore-Vermögen gebucht. Für die Schweiz entspricht das etwa dem Vierfachen des BIP.

Auch wenn das Journalistenkonsortium Namen von Persönlichkeiten aus aller Welt enthüllt hat, welche die bahamischen Dienstleistungen nachgefragt haben, dürfte die Hauptkundschaft des Inselstaats aus Lateinamerika stammen. Wie schon im Falle der Panama Papiere dürften auch im Rahmen des Bahamas-Lecks nur wenige US-Namen auftauchen. Ein Grund ist, dass Amerikaner in den USA selber Anonymität finden, wenn sie das wollen. Die Sorgfaltspflichten sind aber jüngst verschärft worden, und gerade die Transaktionen von Strohfirmen stehen unter Beobachtung.

Gebrannte Amerikaner

Darüber hinaus hat das US-Justizdepartement mit seinem harten Vorgehen gegen Offshore-Steuersünder abschreckende Wirkung entfaltet. Mehrere US-Bürger, welche etwa die Dienste der UBS auf den Bahamas in Anspruch genommen hatten, wurden strafrechtlich verfolgt. Der bekannteste Fall ist Igor Olenicoff. Seit September 2015 liefern die Bahamas zudem auch Bankdaten an die USA im Rahmen des Foreign Account Tax Compliance Act (Fatca). Auf den Bahamas domizilierte Banken müssen demnach der US-Steuerbehörde IRS Informationen zu Konten von US-Steuerpflichtigen melden, wollen die Finanzinstitute nicht eine «Strafsteuer» von 30% zahlen.