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Zombiebanken

Niemand braucht vor Zombies Angst haben. Außer sie haben eine Banklizenz

von Lukas Sustala / 01.11.2015

Zu Halloween bevölkern die Zombies einen Tag im Jahr die Straßen. Doch in der Bankenwelt treiben sie das ganze Jahr ihr Unwesen. Warum ausgerechnet Österreich die „ultimative Zombiebank“ geschaffen hat.

Europa hat ein Zombieproblem und es ist nirgends so augenscheinlich wie in Österreich.

Und nein, es geht natürlich nicht um hirnfressende Untote, die die Straßen von Europas Hauptstädten bevölkern – abgesehen vom 31. Oktober vielleicht. Es geht um die Zombifizierung der europäischen Wirtschaft, vor allem im Bankenbereich.

Untote Banken sind solche, die eigentlich insolvent sind, aber – etwa durch staatliche Unterstützung oder extrem niedrige Zinsen – weiter vor sich hin arbeiten. Im Gegensatz zu den Zombies der Populärkultur ernähren sich die untoten Banken nicht von Hirnen, sondern in gewisser Weise ernähren sie sich auf Kosten von gesunden Teilen einer Volkswirtschaft.

Untote Firmen bleiben am Leben

Denn Zombiebanken haben im Gegensatz zu gesunden Geldinstituten einen völlig diametralen Risikoansatz: Sie stellen Kredite von schlechten Schuldnern nicht fällig, weil sie sonst fürchten müssen, bei entsprechenden Verlusten selbst auch offiziell insolvent zu werden. Kredite werden also gestundet, so lange wie nur möglich.Damit halten sie ungesunde Teile der Wirtschaft künstlich am Leben und verhindern, dass jüngere, dynamischere Unternehmen wachsen können, die sie auch nicht mit Krediten versorgen können. Zombiebanken sind also ansteckend.

Geprägt wurde der Begriff von den Zombiebanken 1987 von dem Ökonomen Edward J. Kane, der damit die Situation der US-Sparkassen in der großen „S&L“-Krise beschrieb: Diese Banken waren durch Hypothekenverluste de facto alle insolvent, doch die Aufsichtsbehörden ließen sie weiterarbeiten, in der Hoffnung, dass sich der Markt wieder erholt. Zu einem erheblichen Problem wurden Zombie-Institute aber in Japan, das nach dem Platzen der großen Immobilienblase jahrelang wartete, ehe Verluste wirklich realisiert wurden. „Die Zombies führten zu anhaltenden Verzerrungen, etwa der anhaltend geringen Schaffung von Arbeitsplätzen und Produktivität in der Industrie“, lautet eine der angstmachenden Schlussfolgerungen in einem wichtigen Forschungspapier, das Anil Kashyap von der Universität von Chicago zusammen mit zwei Kollegen verfasst hat.

Österreichs Super-Zombie

Und da war es besonders erschreckend, als man solche Meinungen lesen musste:

Denn Österreich hat sich im mehrfachen Sinne einen besonders interessanten Zombie gezüchtet. Vor einem Jahr hat die Hypo Alpe Adria International ihr Leben ausgehaucht. Die Kärntner Bank war schon davor ein Milliardengrab, aber jahrelanges Zögern von Regierung, Zentralbank und Bankenaufsicht haben zu einem medial und monetär unschönem Siechtum geführt. Erst fünf Jahre nach der Verstaatlichung wurde die Bank zu Grabe getragen. Seitdem operiert die Heta als Abwicklungsgesellschaft mit Ablaufdatum.

Damit schien die Bankensaga zu Ende zu sein. Eine Abbaueinheit hat schließlich nur die Aufgabe, die Portfolios langsam abzutragen, um irgendwann zu verschwinden. Doch im März dieses Jahres hat die Finanzmarktaufsicht ein Schuldenmoratorium über die Heta verhängt, was nichts anderes heißt, als dass die Bank keine Zinsen und keine Schulden mehr bedient.

Damit hat sie auch andere Banken in Österreich mit einem ziemlich unschönen Virus angesteckt. Denn die Anleihen vieler anderer Banken wurden von Gläubigern plötzlich gemieden wie das Weihwasser vom Teufel. Anders ausgedrückt: Ähnlich wie die Zombifizierung in Japan hat sich der Vertrauensverlust nach dem Schuldenmoratorium durch den heimischen Finanzsektor gefressen. Wer es nicht glaubt, sollte sich das folgende Chart ansehen. Es zeigt den Preis und den Risikoaufschlag einer Anleihe der Hypo Niederösterreich Gruppe (Laufzeit bis April 2018, ISIN XS0921670385 ), aber das Bild sieht auch bei anderen heimischen Hypothekenbanken ähnlich aus.

Das Schuldenmoratorium ließ den Preis abstürzen und den Risikoaufschlag in die Höhe schnellen. Der Preis der meisten österreichischen Bankanleihen mag sich weitgehend erholt haben, doch die Risikoaufschläge bleiben relativ hoch. Das wird gerade auch damit zu tun haben, dass aktuell mit kreativen Gesetzen versucht wird zu verhindern, dass die Heta-Kosten zu großen Teile beim Bundesland Kärnten und womöglich beim österreichischen Steuerzahler hängen bleiben.

Die Zombiejäger in Frankfurt

Nur in Büchern und Filmen ist es einfach, einen Zombie wie die Hypo Alpe Adria zu töten. Den Kopf abzuschlagen ist nämlich für eine Bank selten eine veritable Strategie. Abbaueinheiten, bei denen der faule, verwesende Teil von der gesunden Bank abgetrennt wird, sind bei Regulatoren besonders beliebt geworden. Doch wer stellt fest, ob bei einer Bank die Gefahr der Zombifizierung besteht?

Darf man der New York Times glauben, dann ist die Europäische Zentralbank die oberste Zombiejägerin im Euroraum. Tatsächlich wird sie als oberste Bankenaufseherin im Rahmen der Bankenunion und mit der neu geschaffenen Abwicklungsbehörde dafür zu sorgen haben, dass nicht de facto insolvente Geldhäuser noch viel länger den Euroraum bevölkern und das wirtschaftliche Leben aus ihm heraussaugen. Und es gibt im Banking genau drei Arten, eine Zombiebank zu töten: 1. Die Pleite. 2. Die Abspaltung der faulen Geschäftsfelder. 3. Deutliche Kapitalerhöhungen, die der Bank wieder Leben einhauchen. Wenn die EZB nun wie versprochen Ernst macht und demnächst die Eigenkapitalvorschriften für besonders riskante Geschäftsmodelle nach oben schraubt, könnten wir von allen drei Varianten künftig mehr sehen – Frankfurt muss den Bankenzombies nur Saures geben.