Akintunde Akinleye / Reuters

Ölpreisverfall

Nigeria greift nach dem Rettungsanker

von Markus M. Haefliger / 02.02.2016

Von allen Erdölexporteuren ist Nigeria eines der am meisten von der gegenwärtigen Preisbaisse betroffenen Länder. Nun sollen Entwicklungsbanken wie die Weltbank die Löcher im Staatshaushalt stopfen.

Nigeria verhandelt mit der Weltbank und der Afrikanischen Entwicklungsbank (ADB) über Notkredite von 2,5 Milliarden Dollar und 1 Milliarde Dollar, wie aus einem Bericht der Londoner Financial Times (FT) hervorgeht. Die Kredite sollen helfen, ein für nigerianische Verhältnisse großes Loch von 3.000 Milliarden Naira (15 Milliarden Dollar) oder drei Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) zu stopfen. Finanzministerin Adeosun will außerdem eine Eurobond-Anleihe von einer Milliarde Dollar aufnehmen. Woher die übrigen Mittel zur Defizitdeckung kommen sollen, ist schleierhaft. Der letztes Jahr gewählte Präsident Buhari will korrupte Geldabflüsse unterbinden, aber der immense Fehlbetrag dürfte damit kaum gedeckt werden.

Sturz in die Krise

Die Notkredite, die aus Entwicklungsfonds zur Überwindung kurzfristiger Engpässe stammen, werden zu günstigen Zinsen von unter drei Prozent angeboten. Im Unterschied zu Rettungskrediten des internationalen Weltwährungsfonds (IWF) sind sie nicht an harte Auflagen geknüpft. Buhari, der sich während seiner ersten Amtszeit in den 1980er Jahren mit der Organisation in Washington angelegt hatte, will sich keine Sparmaßnahmen diktieren lassen. Laut der FT müssen die Leitungsgremien von Weltbank und ADB die Kredite noch genehmigen.

Unter den Erdölexporteuren gehört Nigeria zu den von der Preisbaisse am stärksten gebeutelten Ländern. Obwohl andere Wirtschaftszweige wie Dienstleistungen, Industrie und Landwirtschaft wichtiger werden, bestreitet der mengenmäßig stagnierende Energiesektor in Normaljahren weiterhin 70 Prozent der Staatseinnahmen. Seit dem Ölboom der 1970er Jahre haben es Nigerias Regierungen versäumt, die Steuererträge zu erhöhen; sie machen lediglich 12 Prozent des BIP aus.

Vom Erdöl abhängig

Entsprechend anfällig bleibt Nigeria auf Preisschocks. Im letzten Halbjahr sank der Ölpreis um 46 Prozent auf 35 Dollar pro Fass (1 Fass = 159 Liter), im Vergleich zum Juni 2014 (115 Dollar/Fass) sogar um 69 Prozent. Das Staatsdefizit ist auch deshalb hoch, weil die Regierung 30 Prozent der Ausgaben in den Ausbau der Infrastruktur investieren will, um der Verlangsamung der Wirtschaftsleistung entgegenzuwirken.

Der IWF rechnet mit einem Wirtschaftswachstum von unter 3 Prozent im vergangenen und kaum über 3 Prozent für das laufende Jahr. Im letzten Jahrzehnt hatte Nigeria sein Leistungsvolumen noch jährlich um durchschnittlich 7 Prozent steigern können.

Um Preisschocks wie die gegenwärtigen Baisse abzufangen, hatte Nigeria 2004 den Ausgleichsfonds Excess Crude Account (ECA) eingeführt. Die Mittel wurden jedoch in den letzten Jahren dazu verwendet, mengenmäßige Einbußen wettzumachen. Von 22 Milliarden Dollar im Jahr 2009 sanken die Einlagen des ECA auf derzeit noch 2,3 Milliarden Dollar. Auch die Devisenreserven der Notenbank betragen nur noch 28 Milliarden Dollar, wenig mehr als die Hälfte früherer Bestände.

Dazu kommen dirigistische Maßnahmen, die sich kontraproduktiv auswirken. Vergangenes Jahr führte Nigeria Kapitalkontrollen und einen doppelten Wechselkurs ein. Der reale Referenzwert der Landeswährung Naira (N) gegenüber dem Dollar sank innerhalb eines Jahres von 168 Naira auf 300 Naira, was einem Minus von 78 Prozent entspricht. Die Notenbank hält jedoch an einem künstlichen, offiziellen Kurs von 200 Naira pro Dollar fest. Dies hemmt die Wirtschaftsaktivitäten, weil importabhängige Unternehmen auf private Wechselstuben angewiesen sind, wo der Dollar 300 Naira kostet.

Dirigistische Fehler

Eine weitere umstrittene Maßnahme betrifft Eingriffe in den Börsenhandel. Der Index des Nigeria Stock Exchange verlor vergangenes Jahr 18 Prozent an Wert, eine der schlechtesten Entwicklung weltweit. Im Januar führte die Regierung einen automatischen Stopp-Mechanismus ein, der bei Kursverlusten über einer Benchmark wirksam wird. Solche „Circuit-Breakers“ bewähren sich jedoch nicht, wie ein entsprechendes Experiment kürzlich in China zeigte. Stattdessen werden Investoren verunsichert, auf die Nigeria angewiesen ist.