APA/dpa-Zentralbild/Jens Wolf

Studie

Nirgends ist erben so wichtig wie in Österreich

von Lukas Sustala / 17.10.2016

Eine Studie zu Superreichen zeigt, dass Erben in Österreich deutlich wichtiger ist als anderswo. Die Frage ist: Braucht es deswegen mehr Umverteilung – oder mehr Wettbewerb?

Wie kommt man an die Spitze der Vermögenspyramide? Wann gehört man zu dem berühmten einen Prozent der Reichsten, die ein immer größeres Stück vom Kuchen haben? Die Frage ist nicht nur für die Verkäufer von Ratgeberbüchern eine besonders brennende, sondern scheint auch zunehmend eine Kernfrage für das gesellschaftliche Zusammenleben zu sein.

Was die „Ultrareichen“ eint

In den USA wird gerade eine spannende Studie im Journal Intelligence rauf und runter zitiert und analysiert. Im Kern beschäftigten sich David Lincoln von Wealth-X und Jonathan Wai von der Duke University mit dem rechten Ende der Vermögensverteilung, also „Ultra High Net Worth Individuals“. Als „ultrareich“ gilt, wer mehr als 30 Millionen Dollar Nettovermögen sein eigen nennt. Die Studienautoren gehen der Frage nach, wie Bildungsgrad, kognitive Fähigkeiten, Geschlecht, Führungsstil, gesellschaftliche Netzwerke und viele andere Eigenschaften mit dem Reichtum zusammenhängen. Die Daten von 18.245 Menschen wurden dafür ausgewertet.

In Zeiten von Thomas Pikettys Bestseller Capital und der geradezu obsessiven Auseinandersetzung mit Reichtum kommt so eine Studie natürlich sehr gelegen. Tyler Cowen, ein Ökonom und Blogger, hat die Studie etwa für Bloomberg ausgewertet und sieht darin so etwas wie eine Querschnittsstudie über die unterschiedlichen Hintergründe der High(est) Society: „The study portrays high-net-worth individuals as a more idiosyncratic and diverse group than reductionist cliches about ,the 1 percent‘ might suggest.“

Daraus lassen sich tatsächlich spannende Schlüsse ziehen. Die Studie versucht herauszufinden, in welchen Branchen sich gesellschaftliche Netzwerke am meisten auszahlen, in welchen Ländern der Abschluss einer Eliteuniversität am meisten zählt und aus welchen Branchen die meisten Superreichen kommen.

Auch österreichische Superreiche kommen in der Studie vor. Und zwar mit einem spannenden Datenpunkt: In keinem anderen Land ist der Anteil der Superreichen, die ihr Vermögen geerbt haben, so groß wie in Österreich. Von den 123 Ultrareichen hat fast jeder zweite geerbt.

Die Studie könnte einerseits dazu führen, dass in Österreich wieder die Debatte über eine Erb- und Schenkungssteuer aufflammt. Dabei wird hierzulande ja bereits sehr viel umverteilt.

Warum kaum ein „Selfmade“-Superreicher?

Interessanter ist aber die Frage, wieso denn in Österreich der Anteil der „Selfmade“-Milliardäre und -Superreichen so gering ist.

Der Ökonom und Kapitalismusforscher Edmund Phelps hat in seinem Buch „Mass Affluence“ beschrieben, wieso seiner Meinung nach die Volkswirtschaften in Europa so viel starrer sind als die USA. Altes Vermögen wird auf dem alten Kontinent viel weniger regelmäßig durch die Macht der kreativen Zerstörung umverteilt. Neue, junge Unternehmer, die alteingesessenen Clans und Familien das Leben schwer und die Marktanteile streitig machen, seien in den USA eben deutlich üblicher, argumentiert Phelps in seinem Buch. Die Wealth-X-Studie bietet für diese These auch empirische Daten. In den USA gibt es viele Superreiche, die ihr Geld in „neuen“ Branchen wie Kommunikation oder Technologie gemacht haben, diese Sektoren spielen eine viel wichtigere Rolle als in Europa.

Nestroy darf nicht recht behalten

Hat Johann Nepomuk Nestroy also recht gehabt? Kann man in Österreich nur reich werden, wenn man im Lotto gewinnt, gut heiratet oder eben erbt?

Nein. Die Wirtschaftspolitik hat in der Vergangenheit bloß einiges dazu beigetragen. Das zuletzt ausgerufene „Gründerland“ könnte aber zu einem neuen Boom der Selfmade-Millionäre führen, was sehr positiv wäre. Dazu gehört aber in jedem Fall auch eine Revolution im Risikodenken. Die jüngste Sparstudie der Erste Bank etwa hat wieder einmal gezeigt, dass Sicherheit mehr zählt als sonst etwas. Sparformen vom Sparbuch bis zum Bausparer sind aber nicht der Weg in die finanzielle Unabhängigkeit. An die Spitze der Vermögenspyramide kommt man mit unternehmerischem Denken und Handeln und dem Eingehen von Risiken.

Der Neureiche gilt in Österreich jedenfalls immer noch als suspekt. Dabei sollte es genau andersherum sein. Neue Reiche, die mit Innovationen, im harten Wettbewerb mit etablierten Unternehmen und mit viel eigenem Risiko zu Geld gekommen sind, sind das Zeichen einer funktionierenden Marktwirtschaft. An der Spitze der österreichischen Vermögenspyramide sollte sich also mehr tun, nicht weniger.