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Volkswagen nach dem Abgasskandal

Noch halten die Kunden VW die Treue

von Christoph Eisenring / 29.10.2015

Bis September lief es für VW noch gut. Die Firma hat ein gutes Polster, um den Abgas-Skandal zu verdauen. Firmenchef Müller plädiert für mehr Kooperation und Offenheit im Konzern – wohlwissend, dass man diese nicht verordnen kann. NZZ-Korrespondent Christoph Eisenring berichtet.

Volkswagen nennt die Manipulationen bei Abgastests im jüngsten Quartalsbericht „Unregelmäßigkeiten“. Zu solchen Verharmlosungen müssen Firmen offenbar Zuflucht nehmen, um nicht zusätzliche Angriffsflächen für potenzielle Kläger zu bieten. Es ist jetzt sechs Wochen her, dass die amerikanische Umweltbehörde den Skandal um manipulierte Abgastests bei Dieselautos enthüllt hat. Von einem Einbruch der Bestellungen bei VW kann bis anhin trotzdem nicht gesprochen werden. Auf Konzernebene sehe man keinen relevanten negativen Einfluss, hieß es von VW an einer Telefonkonferenz.

Es gibt keine Standardlösung

Einzelne Märkte – laut Medienberichten etwa Großbritannien – und Marken sind zwar betroffen, aber grosso modo halten die Kunden VW die Treue. Befürchtet worden war vom Konzern besonders, dass die Nachfrage nach Dieselautos einbrechen könnte. Doch auch diesen Effekt beobachtet man bei VW nicht – das Verhältnis von verkauften Dieselautos zu Benzinautos sei stabil. Die Momentaufnahme hätte schlimmer ausfallen können.

Der neue Chef, Matthias Müller, nahm an der Telefonkonferenz zum Quartal selber teil, bevor er im Tross von Kanzlerin Merkel nach China aufbrach. Seine erste Priorität sei die Hilfe für die Kunden, sagte er. Hier hat VW noch viel vor sich und gutzumachen. Die Firma muss rund neun Millionen Fahrzeuge umrüsten. Dabei gilt es offenbar, viele verschiedene Lösungen auszuarbeiten, je nach Getriebeart, Marke und Markt. Von den 8,5 Millionen Autos in Europa haben drei Millionen einen 1,6-Liter-Dieselmotor. Bei diesem reicht es nicht aus, eine neue Software aufzuspielen. Hier muss am Fahrzeug selbst gearbeitet werden. Der Einbau eines größeren Katalysators ist aber zeitraubend und kostenintensiv.

Für die Rückrufaktion hat VW 6,7 Milliarden Euro an Rückstellungen gebildet. Müller betonte, dass in diesem Betrag keine Bussen, Rechtskosten oder Schadenersatzleistungen eingeschlossen seien. Diese ließen sich im Moment nicht vernünftig abschätzen.

Die Volkswagen-Aktie bleibt vom Abgasskandal gezeichnet
Die Volkswagen-Aktie bleibt vom Abgasskandal gezeichnet

Credits: Factset

Die Rückstellungen für die Abgas-Affäre haben naturgemäß dem Quartalsabschluss den Stempel aufgedrückt. Ohne diese Belastung hat der Konzern in den ersten neun Monaten ähnlich abgeschnitten wie vor Jahresfrist. Das Gros der Analysten geht davon aus, dass VW der Skandal 20 bis 30 Milliarden Euro kosten dürfte, es gibt vereinzelt aber auch deutlich höhere Schätzungen. VW hat denn auch seinen Liquiditätspuffer verstärkt: Die Firma verfügt jetzt über 27,8 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln, Ende 2014 waren es 17,6 Milliarden Euro gewesen.

Wie gewonnen, so zerronnen

Zu den Ursachen des Skandals sagte Müller nichts Neues. Er versprach, man werde fehlbare Personen „schonungslos bestrafen“. Müller plädierte für eine neue Mentalität im Volkswagen-Konzern, in der Kooperation und Offenheit im Zentrum stehen. Man mag dies als Kritik an seinem Vorgänger Martin Winterkorn deuten. Müller ist sich aber gleichzeitig bewusst, dass sich ein solcher Geist nicht befehlen lässt, sondern vorgelebt werden muss.

Zu diesem Credo passt der geplante Umbau von VW, bei dem die Marken und Regionen mehr Selbständigkeit erhalten sollen. Allerdings fragt man sich, ob in einer Krisenzeit, in der auch gespart werden muss, die Zentrale mehr Autonomie zulassen wird. Müller will jetzt jedes der 300 Modelle auf seine Rentabilität abklopfen. Zudem verkündete er, Größe sei in der Automobilbranche zwar wichtig, Priorität hätten jetzt aber Qualität und Profitabilität. Ob man 100.000 Autos mehr oder weniger verkaufe als ein Konkurrent – gemeint ist offenkundig Toyota –, sei zweitrangig. VW war dieses Jahr kurzzeitig weltgrößter Autobauer. „Wie gewonnen, so zerronnen“, sagt der Volksmund.