Kristian Helgesen / Bloomberg

Randnotiz

Norwegens rosa Gold

von Rudolf Hermann / 20.01.2016

Während Norwegens Erdölindustrie leidet, boomen Fischerei und Aquakultur. Für die nötige Restrukturierung der norwegischen Wirtschaft weg von fossilen Energieträgern ist das gut.

Erst einige Jahrzehnte ist es her, seit in der westnorwegischen Küstenstadt Stavanger der Verkauf von Ölsardinen das große Ding war. Die Stadt lebte praktisch ausschließlich vom Fischfang und der fischverarbeitenden Industrie. Dann jedoch wurde in der Nordsee Erdöl entdeckt. In Stavanger vergaß man die Sardinen und stieg zur Erdöl- und Erdgas-Hauptstadt des Landes auf. Fisch und Erdöl gingen fortan getrennte Wege, mit dem Erdöl in der Hauptrolle.

Als Folge des dramatischen Zerfalls des Erdölpreises seit 2014 treten nun jedoch plötzlich die Fische wieder mehr in den Vordergrund. In Norwegen gibt es neben dem traditionellen Wildfang auch eine gigantische Aquakultur-Industrie, namentlich für die Lachszucht. Und erstmals war dieser Tage ein Standard-Zuchtlachs von 4,5 kg Gewicht und guter Qualität mehr wert als ein Fass Rohöl. Mit einem Kilopreis von 70 Kronen (7,2 Euro) kommt ein solcher Fisch ab Farm auf etwas über 300 Kronen (33,9 Euro) zu stehen, während ein Fass norwegisches Erdöl derzeit für rund 270 Kronen (30 Euro) zu haben ist.

Der Fischerei im Allgemeinen und der Aquakultur im Besonderen ist von norwegischen Ökonomen eine wichtige Rolle zugedacht beim Prozess, die Wirtschaft in Zukunft weniger vom Sektor der fossilen Energieträger abhängig zu machen. In diesem Sektor wurde in den letzten Monaten mächtig entlassen, und wie lange die mageren Jahre noch anhalten werden, weiß niemand. Der Fischerei-Boom mit rekordhohen Exporten sowohl für Zuchtfische als auch für Wildfang kommt somit gerade zur rechten Zeit. Arbeitssuchende aus der Erdölindustrie mit Offshore-Erfahrung, zum Beispiel Schiffsingenieure oder Navigatoren, sind bei der expandierenden Hochseefischerei zurzeit sehr gerne gesehen. Man müsse jetzt zugreifen, da qualifiziertes Personal vorhanden sei, mahnt ein Branchenkenner. Denn der Erdölindustrie werde es kaum ewig so schlecht gehen wie gerade jetzt.