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Gesundheitssystem

Nur eine Transplantation kann das Gesundheitssystem retten

Meinung / von Leopold Stefan / 22.03.2016

Das österreichische Gesundheitssystem zählt zu den komplexesten in ganz Europa. Das treibt die Kosten grundlos in die Höhe. Lebenserhaltende Maßnahmen sind nicht genug, um die Probleme unter Kontrolle zu bringen. Nur eine komplette Transplantation schafft Abhilfe.

In Österreich ist die medizinische Versorgung erstklassig: In allen Bereichen kommt hochqualifiziertes Personal zum Einsatz – bis vor kurzem durften sich Patienten sogar in Sicherheit wiegen, dass so minimale Eingriffe wie Blutabnehmen nur von ausgebildeten Medizinern nach sechsjährigem Studium durchgeführt wurden. Im Gegensatz zu Supermärkten sind die Servicecenter, auch Notfallaufnahmen genannt, rund um die Uhr geöffnet. Noch dazu wird jeder Patient de facto kostenlos versorgt.

Nach dem Motto „Einem geschenkten Gaul schaut man nichts ins Maul“ interessieren die meisten Wähler die Kosten des Gesundheitssystems nicht sonderlich. Vielleicht setzt man hierzulande auch lieber die Scheuklappen auf, weil geahnt wird, dass notwendige Rosskuren daran scheitern, dass zu viele Systemverantwortliche die Zügel in der Hand halten. Für einen lahmen Gaul bleibt am Ende aber nur der Gnadentod.

Reform mit der Reißbirne

Ähnlich drastisch beschrieb die Situation der Leiter der AKH-Frauenheilkunde Peter Husslein im Kurier: Man müsste sogar einen der beiden Bettentürme des AKH sprengen, statt neue Spitäler aufzustellen. Der medizinische Fortschritt hat einerseits dazu beigetragen, dass stationäre Aufenthalte weniger werden und kürzer dauern. Andererseits sind die technischen Anforderungen höher und der Zugang zu Fachexperten wird immer wichtiger.

Eigentlich müsste man einen der beiden Bettentürme sprengen

Peter Husslein im Kurier-Interview

Selbst bei gleichbleibenden Ausgaben sollten daher Krankenhäuser zusammengelegt werden und Schwerpunktzentren entstehen. Die Vorgehensweise beim Wiener SMZ Nord geht dabei in die richtige Richtung. Grundlegende Reformen scheitern jedoch am Wirrwarr der Interessen.

Wer zieht den schwarzen Hans Jörg?

Obwohl der Gratis-Zugang zur medizinischen Versorgung bei den Patienten den Eindruck hinterlässt, sie würden mit jedem Beinbruch einen Reibach machen, sind die Gesundheitsausgaben nach den Pensionen der zweitgrößte Budgetposten des Staates. Jedes Jahr wachsen die Kosten für Gesundheit schneller als die Wirtschaft und beanspruchen daher einen immer größeren Anteil des BIP. Mittlerweile leistet sich Österreich eines der teuersten Systeme in der EU.

Wie in keinem anderem Land der Eurozone reden hierzulande so viele unterschiedliche Kostenträger bei der Gesundheitsversorgung mit: Bund, Länder, Gemeinden und sechs Sozialversicherungsträger – hinzu kommt die Rolle der Ärztekammer. Dabei wird der schwarze Peter im Kreis herumgereicht. Kosten werden über Landes- und Gemeindegrenzen ausgelagert oder vom niedergelassenen Bereich der Kassenärzte zu den Landeskrankenhäusern umgeschichtet.

Die aktuelle Etappe der Gesundheitsreform verdeutlicht das Problem: Gegen den Entwurf von Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser zur Ausdehnung der Primärversorgung legt sich die Ärztekammer quer, während der Hauptverband der Sozialversicherungsträger die Umsetzung vorantreibt. Hinter dem Pilotprojekt in Mariahilf stehen wiederum sowohl Kammer, Gebietskrankenkasse als auch die Wiener Landesregierung. Kein Wunder, hat jeder bekommen, was er wollte. Die Finanzierung ist allerdings noch offen. „Man wird kurzfristig sicher mehr Geld brauchen“, sagte das Büro der Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely der APA.

Während die Sozialversicherungsträger zumindest mit den laufenden Abgaben ihrer Mitglieder budgetieren müssen, lachen sich die Regionalpolitiker ins Fäustchen. Sie schicken die Rechnung für ihre Prestigeobjekte von Mödling bis Baden per Finanzausgleich an den Bund. Der schwarze Peter landet also immer beim Finanzminister und somit den Steuerzahlern.

In keinem anderen Bereich wäre daher eine Zentralisierung angebrachter. Schließlich bedeutet eine effiziente Organisation der medizinischen Versorgung nicht nur weitaus geringere Kosten, sondern kann auch Leben retten. Wie der Kaufmann von Venedig darf der Beamte den Eisenbahner oder der Tiroler den Kärntner zu Recht fragen: Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Die notwendigen Transfusionen sollte einer für alle verteilen.