Nur Reales ist Wahres

von Christof Leisinger / 01.06.2015

Berichte über Rekordkurse an der Börse machen die Aktie als Anlageform schmackhaft. Interessant ist sie aber nur, wenn Investoren rechtzeitig die richtigen Werte ins Depot legen, wie NZZ-Finanzredakteur Christof Leisinger betont.

Aktien sind nach den enormen Kursgewinnen der vergangenen sechs Jahre gemessen an der Umsatz- und Gewinnentwicklung der Firmen ziemlich teuer geworden. Das hindert die Finanzbranche und die Medien aber nicht daran, angesichts künstlich tief gehaltener Zinsen vermehrt für diese Anlageform zu werben. Privatanleger seien zu ängstlich, hätten nicht genug Papiere in den Depots und sie seien töricht, weil sie nicht an die „überlegene Rendite“ der Vermögensklasse glaubten, heißt es.

Vorsicht, psychologische Falle

Solche Aussagen lassen sich zwar grundsätzlich aus den Ergebnissen der analytischen Untersuchung langfristiger Zeitreihen ableiten, wie sie etwa die Forscher Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton tätigten.

Allerdings ist eine Relativierung nötig. Denn der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Journalisten wie private Anleger zu „prozyklischem Verhalten“ tendieren. Das heißt, sie interessieren sich meist erst dann für Aktienanlagen, wenn es keine vernünftigen Alternativen mehr dazu gibt, oder nach einer Phase, in welcher die Kurse schon spektakulär gestiegen sind. Viele empirische Studien zeigen, dass die meisten Privatanleger kaufen, wenn es an der Börse bergauf geht, und verkaufen, nachdem die Kurse schon stark gefallen und die Wertpapiere günstiger oder gar zu Schnäppchen geworden sind. Alleine das kostet sie zwischen 4 Prozent und 6 Prozent an Rendite pro Jahr und führt dazu, dass diese hinter der Entwicklung eines einfachen Börsenindexes zurückbleibt.

Manche Investoren scheuen das Risiko nach einem einmal erlittenen Verlust so sehr, dass sie überhaupt nicht mehr am Finanzmarkt investieren und alle Chancen verpassen, ein ansprechendes Vermögen aufzubauen oder den Ruhestand finanziell abzusichern. Tatsächlich sind sie in diesem Gemütszustand oft so beratungsresistent geworden, dass nur noch Simulationsmöglichkeiten weiterhelfen. Solche gäben ihnen die Gelegenheit, das wahre Risiko-Ertrags-Profil verschiedener Investitionen „zu erfahren“, ohne durch irrelevante Faktoren abgelenkt zu werden, argumentiert der Mannheimer Finanzprofessor Manfred Weber. Der Abbau von „Verlustängsten“ führe zu konsistenten Anlageentscheidungen und mindere das Risiko, zu wenige langfristig ertragreiche Aktien im Depot zu haben.

Aktien alternativlos

Tatsächlich kommt an ihnen niemand vorbei, der sich am realen Wachstum einer Volkswirtschaft beteiligen und dabei eine ansehnliche Rendite erzielen möchte. In einem Umfeld, in welchem Fachleute eine von den Zentralbanken ausgelöste „Kaufpanik“ auf hohem Niveau nicht ausschließen wollen, fragt sich nur, wann der Zeitpunkt für ein Börsenengagement günstig ist und wie er praktisch zu bewerkstelligen wäre.

Banken und Vermögensverwalter raten in diesem Zusammenhang nicht selten zum Abschluss von „Aktiensparplänen“, in dessen Rahmen sich monatlich selbst kleine Beträge in „günstige Indexfonds“ oder in etwas teurere, aber dafür „smartere Anlagevehikel“ investieren lassen. Diese Methode gleiche Kursschwankungen aus; bei niedrigen Notierungen erhalte man etwas mehr für sein Geld und bei hohen Kursen etwas weniger – langfristig aber zeige der Trend nach oben. Indexfonds seien ohnehin vorteilhaft, weil sie kostengünstig seien und nie schlechter als der Markt abschnitten, heißt es weiter.

Solche Argumente haben zwar etwas für sich, allerdings sind solche „Banksparpläne“ trotz allem oft mit vergleichsweise hohen Transaktions- und Verwaltungsgebühren befrachtet, welche die mögliche Renditeentwicklung beeinträchtigen. Aus diesem Grund tendieren dynamische Anleger in Zeiten disruptiver Geschäftsmodelle immer öfter dazu, die Dienste sogenannter Robo-Adviser in Anspruch zu nehmen, welche mit Anbietern von Indexfonds und Depotbanken äußerst günstige Konditionen ausgehandelt haben, oder sie investieren direkt in Einzelaktien. So legen sie ihre monatlichen Rücklagen zunächst auf die hohe Kante und nutzen schließlich die Dienste ihrer Discount-Broker, um bei günstigen Gelegenheiten die Aktien einzelner Unternehmen zu kaufen.

Fachleute sehen darin gewisse Vorteile. Immerhin zeigt eine Analyse (Thomas Conlon, John Cotter, Ramazan Gençay: „Long-Run International Diversification“), dass sich das Risiko eines Aktienportfolios durch die gezielte Streuung auf wenigstens ein Dutzend Wertpapiere langfristig nicht so stark senken lässt, wie vielfach angenommen wird. Das verringert die Motivation, in einen breit gestreuten Index zu investieren. Indexanlagen mögen zwar grundsätzlich günstig und eine einfache Art des Investierens sein, sie haben aber weitere Nachteile. Sie führen zum Beispiel auch zum Kauf der Aktien von Firmen, welche es bei Betrachtung der Kursentwicklung und der betriebswirtschaftlichen Lage an sich nicht wert sind.

Vorsicht, Bedenken!

Schon der Blick auf die Charts der meisten im Stoxx-Europe-600-Index enthaltenen Banken- und Airline-Aktien etwa zeigt, dass Investoren in den vergangenen Jahren mit solchen im Grunde genommen kein Geld verdienen konnten. Die Kurse sind in Hausse- und Euphoriephasen mit dem Markt gestiegen, aber meist nur auf wenig nachhaltiger Basis und nur weil sie in den Indizes enthalten waren. Das zeigt sich daran, dass sie in Schwächeperioden regelmäßig starke Kursverluste erlitten.

Auch heute bezweifeln viele Analytiker, dass Fluggesellschaften wie die Lufthansa und Air France-KLM angesichts ihrer hohen Kosten und der intensiven Konkurrenz durch die Billiganbieter und durch subventionierte Mitbewerber aus dem arabischen Raum auf Dauer profitabel wachsen können.

Im Finanzbereich gibt es ähnliche Bedenken. In den vergangenen Monaten sind zwar die Aktien vieler Banken auf tiefem Niveau gestiegen und haben eine beachtliche Eigendynamik nach oben entwickelt. Marktbeobachter führen das aber eher darauf zurück, dass sich die Institute aufgrund der von der Europäischen Zentralbank durch Tiefstzinsen bewusst ausgelösten Preisinflation bei Vermögenswerten „gesundstoßen“ können, als auf aussichtsreiche Geschäftsmodelle. Die Skeptiker unter ihnen verweisen auf die zunehmende Regulierungsdichte, auf die bestehenden Überkapazitäten und auf den enormen Personalaufwand im Verhältnis zu den ausgewiesenen Erträgen, zu den eingegangenen Risiken und auch zu den ausgeschütteten Dividenden.

Reale Entwicklung zählt

Dagegen zeichnen sich Unternehmen, deren Aktien sich an der Börse langfristig gut entwickeln, durch niedrige Schulden, einen robusten Cashflow, eine verlässliche Dividendenpolitik und weitere positiv zu bewertende Faktoren aus. Die erfolgreiche Vergangenheit solcher Firmen wie etwa H&M, Bolloré, EMS-Chemie, Mitie Group, BASF, Novartis, L’Oréal, Lindt & Sprüngli oder auch von Nestlé ist zwar keine Garantie für die Zukunft. Wenn jedoch eine Firma seit Jahrzehnten die Dividende real erwirtschaftet und Jahr für Jahr erhöht, kann sie als solide gelten. Das schützt ihre Aktionäre zwar selbst bei einem geschickt gewählten Einstiegszeitpunkt nicht vor Kursrückschlägen, aber die Wahrscheinlichkeit scheint hoch, dass sie zügig aufgeholt werden.