AP Photo/Matthias Schrader

Randnotiz

Warum Sie als Boatengs Nachbar vermutlich unglücklich wären

Meinung / von Lukas Sustala / 01.06.2016

Plötzlich diskutiert ganz Deutschland, ob man gerne in der Nachbarschaft von Bayern-München-Kicker Jérôme Boateng leben will. Ökonomen würden wohl sagen: Lieber nicht. Außer, man kann es sich wirklich leisten.

Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.

Nun wissen wir also, wie viel Gauland in Herr und Frau Österreicher steckt. Mit Zahlen vom „European Value Survey“ zeigt der Politikwissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik, wie die Österreicher zu Menschen mit anderer Hautfarbe als Nachbarn stehen.

Bayern-Kicker Boateng: Zum sportlichen kommt der enorme wirtschaftliche Erfolg.
Credits: REUTERS/Michael Dalder

Kurz zusammengefasst: 18 Prozent wollen keine Menschen anderer Hautfarbe als Nachbarn, wobei andere Personengruppen (etwa Drogenabhängige, Rechts- und Linksextremisten) noch unpopulärer sind.

Doch es gibt auch einen rationalen Grund, Jérôme Boateng nicht als Nachbar haben zu wollen. Und der hat nichts mit seiner Hautfarbe zu tun, sondern mit seinem enorm hohen Einkommen.

Jérôme Boateng ist einer der erfolgreichsten Innenverteidiger im deutschen Fußball, ein Mitglied der Weltmeistermannschaft von 2014, und hat zuletzt offenbar einen Vertrag mit 12 Millionen Euro Jahresgehalt beim FC Bayern München unterschrieben. Dass er nebenbei noch Werbeeinnahmen lukriert, bleibt dabei noch unberücksichtigt. Jedenfalls ist er einer der ganz Großen, wenn es um Fußball und Geld geht. Sein Marktwert liegt immerhin bei 40 Millionen Euro.

Abgesehen davon, dass es sich der Durchschnittsverdiener wohl kaum leisten kann, neben Boatengs Haus in München einzuziehen, schlägt der astronomische finanzielle Erfolg eines Nachbarn auf die Psyche, das haben verhaltensökonomische Studien immer wieder gezeigt.

Die Finanzkrise und die Nachbarschaft

In den USA gibt es schon seit Jahrzehnten ein immer wieder untersuchtes Phänomen namens „Keeping up with the Joneses“. Menschen versuchen demnach in ihrem wirtschaftlichen Verhalten mit ihren Nachbarn mitzuhalten. Ökonomen haben dabei in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Konsummuster untersucht. Der Nachbar kauft ein neues Auto? Plötzlich wirkt das eigene Gefährt untermotorisiert, zu alt, zu klein. Das kann neben Boatengs Audi RS5 wohl auch passieren, zumal der Millionenfußballer daneben noch einen Bentley und einen Porsche hat. In einer Reportage des Magazins GQ wurde auch seine enorme Schuhsammlung von mehr als 650 Paaren thematisiert, die freilich ein eigenes Zimmer brauchen.

Man müsste also fürchten, dass die vielen Menschen, die jetzt gerne Nachbarn von Boateng sein wollen, sich in Unkosten stürzen müssten, um mit ihrem astronomisch gut verdienenden Anrainer mithalten zu können. Der „Keeping up with the Joneses“-Effekt wird tatsächlich auch dafür verantwortlich gemacht, dass vor der Finanzkrise 2008 Konsumkredite so stark zugenommen haben. Die reicheren Nachbarn animieren offenbar zum Konsum auf Pump – vor allem bei größeren, sichtbaren Anschaffungen wie Autos. Wer nicht mit dem Einkommen mithalten kann, versucht das mit neuen Schulden auszugleichen.

Eine Studie der Universität von Warwick fasst den Effekt so zusammen: „Money only makes you happy if it makes you richer than your neighbors.“ Dass Geld oft nicht glücklich macht, liegt daran, dass man in der „relativen“ Verteilung zu seinen Nachbarn, Freunden oder Arbeitskollegen eben trotzdem hinterherhinkt. Und bei einem Nachbarn Boateng ziehen fast 80 Millionen Deutsche den Kürzeren.

Laut Statista verdienten nur 1.400 Menschen in Deutschland 2011 – dem letzten verfügbaren Datenpunkt – mehr als fünf Millionen Euro netto. Rational betrachtet sollten wohl nur sie in die direkte Nachbarschaft von Jérôme Boateng ziehen – um nicht ökonomisch unglücklich zu werden.