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Update zum Schulbuch

Ökonomen laufen gegen Felber im Schulbuch Sturm

von Lukas Sustala / 07.04.2016

Der Text wurde am Freitag, 8. April, aktualisiert.

Christian Felber als „großer Ökonom“ bringt Volkswirte auf die Barrikaden. Der Attac-Mitbegründer hat selbst als Aktivist oft genug zu einem Protest aufgerufen, jetzt ist er selbst Auslöser eines solchen.

In einem offenen Brief an die Bildungsministerin, der heute Morgen über den Verteiler der Nationalökonomischen Gesellschaft (NOeG) verschickt wurde, fordert Jesús Crespo Cuaresma, Vorstand am Institut für Makroökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien, dass das Buch so nicht mehr an Schulen zum Einsatz kommt. Unterstützt wird das Begehren auch von Ökonomen von WIFO und IHS.

Felber auf eine Stufe mit Nobelpreisträgern wie Milton Friedman oder bedeutsamen Theoretikern wie John Maynard Keynes zu stellen, sei ein schwerer Fehler: „Mit großer Verwunderung haben wir festgestellt, dass in einem Schulbuch Christian Felber als Wirtschaftstheoretiker in eine Riege mit John Maynard Keynes, Karl Marx, Milton Friedman und Friedrich August von Hayek gestellt wird. Die Auswahl einer Person, die über keine ökonomische Ausbildung verfügt und keine wissenschaftlichen Publikationen aufweist, stellt einen Affront für alle (österreichischen) Wirtschaftsforscher dar.“

Per Freitag, 8 Uhr, haben 110 Ökonomen den Brief unterzeichnet. Die Liste liegt NZZ.at vor. Neben mehreren Institutsvorständen an der Wirtschaftsuniversität Wien und der Uni Wien, dem Ökonomen Friedrich Schneider von der Linzer JKU und Bernd Marin, Rektor der Webster University, kritisieren auch Volkswirte der Oesterreichischen Nationalbank, der Bundeswettbewerbsbehörde und der Europäischen Kommission das Schulbuch des Veritas Verlags.

Der Brief im Wortlaut (Hervorhebungen durch NZZ.at):

Sehr geehrte Frau Bundesministerin,

mit großer Verwunderung haben wir festgestellt, dass in einem Schulbuch, das von Ihrem Haus freigegeben wurde, Christian Felber als Wirtschaftstheoretiker in eine Riege mit John Maynard Keynes, Karl Marx, Milton Friedman (nicht „Friedmann“) und Friedrich August von Hayek gestellt wird. Es handelt sich um das Buch Geospots (für die 7. und 8. Klassen der AHS, ISBN: 978-3-7058-8873-9). Auf Seite 89 werden in einer Grafik die Vertreter einflussreicher Wirtschaftstheorien fotografisch dargestellt. Als Vertreter der Gemeinwohlökonomie ist dies eben Christian Felber.

Wir teilen das Ziel, unterschiedliche Wirtschaftstheorien und Fragestellungen der Ökonomie vorzustellen, auch etwa die, in denen es um Gemeinschaftsgüter geht. Eine geeignete Person dafür ist nach den Kriterien einer entsprechenden internationalen Bedeutung sowie weithin anerkannter wissenschaftlicher Arbeit zu wählen. Diese Kriterien würde etwa die Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften Elinor Ostrom erfüllen, die erforscht hat, wie Menschen sich organisieren, um gemeinschaftliche Probleme zu lösen. Da die Frage nach dem Gemeinwohl bzw. den Gemeinschaftsgütern oft im Zusammenhang mit Kritik an der Globalisierung zu sehen ist, wäre es auch möglich, Joseph Stiglitz oder Paul Krugman anzuführen. Wollte man den Akzent auf Verteilungsfragen legen, bieten sich Thomas Piketty oder der aktuelle Nobelpreisträger Angus Deaton an.

Als Ökonomen lehnen wir die Auswahl von Christian Felber, der vorwiegend als politischer Aktivist auftritt, über keine ökonomische Ausbildung verfügt und keine wirtschaftswissenschaftliche Publikation vorweisen kann, daher ab. Die von Felber propagierte Gemeinwohltheorie erfüllt nicht die üblichen Kriterien der Wissenschaftlichkeit.

Die in der Grafik angeführte Pluralität in der Wirtschaftsforschung findet in den textlichen Passagen dann keinerlei Berücksichtigung. Wäre es tatsächlich die Absicht des Verlags, auf die Darstellung unterschiedlicher Sichtweisen zu verzichten, so sollte wenigstens kenntlich gemacht werden, dass der Text lediglich eine von mehreren möglichen Sichtweisen bzw. Meinungen darstellt.

Wir fordern Sie daher auf, dieses Lehrbuch in seiner derzeitigen Form nicht weiter für den Einsatz an österreichischen Schulen zuzulassen.

Mit freundlichen Grüßen

Der offene Brief kann noch unterstützt werden, Jesús Crespo Cuaresma: „Wenn ihr diese Initiative unterstützen wollt, dann bitten wir euch, uns eine einfache Rückmeldung mit Namen/Institut bis Sonntag, 10. April zu geben (Email Adresse: jcrespo@wu.ac.at).

Christian Felber hat in einer Reaktion zu Protokoll gegeben: „Als ich das Bild erstmals sah, musste ich zuerst schmunzeln: Wie bin ich da reingerutscht – ich mache etwas ganz anderes als die dargestellten honorigen Ökonomen. Ich habe weder Ökonomie studiert, noch strebe ich eine wissenschaftliche Karriere an – ich verstehe Ökonomie sehr viel breiter als die klassischen, neoklassischen und zeitgenössichen Mainstream-ÖkonomInnen. Ich fragte mich: Wieso wurde keine Frau ergänzt? Und gebührt der Platz zwischen Keynes, Marx, Hayek und Friedman nicht Adam Smith? Oder … ?“

Beim Bildungsministerium hat man bis dato eher defensiv geantwortet:



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