Caroline Seidel/dpa

EU-Vergleich

Österreich fehlt die Innovationskraft

von Leopold Stefan / 25.05.2016

Die Produktivität der österreichischen Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren gesunken. Gleichzeitig sind die EU-Länder im Schnitt wettbewerbsfähiger geworden. Für eine kleine, exportorientierte Volkswirtschaft ist der internationale Vergleich besonders wichtig. Vor allem bei der Innovationskraft muss Österreich aufpassen, nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten.

Glaubt man dem britischen Schriftsteller Paul Mason, Star der linken Kapitalismuskritiker, bricht bald das Maschinenzeitalter an, in dem die Produktivität dank Automatisierung so hoch ist, dass die Menschen viel Freizeit für persönliche Entfaltung finden. Eine Momentaufnahme Österreichs, einer der nach wie vor reichsten Volkswirtschaften der Welt, bringt den Betrachter schnell zurück auf den Boden der Realität. Vor allem der technische Fortschritt, für den die totale Faktorproduktivität ein wichtiger Indikator ist, kam im 21. Jahrhundert noch kaum vom Fleck. Das hat eine Analyse des Ökonomen Klaus Weyerstraß vom IHS gezeigt, die am Dienstag im Wirtschaftsministerium präsentiert wurde.

Die totale Faktorproduktivität beschreibt – entgegen ihrem Namen – nur einen Teil der Wachstumskomponenten, die hinter jedem Produktionsprozess stecken. Und zwar jenen Rest, der nicht durch den mengenmäßigen Einsatz von Arbeit und Kapital erklärt wird, sondern der stattdessen auf Innovation und technischen Fortschritt zurückzuführen ist – sehr wohl ist die Qualität der Arbeit, das Qualifikationsniveau, darin enthalten.

Dieser Restbeitrag ist allerdings für hochentwickelte Volkswirtschaften mit hohen Lohnkosten nicht nur ein kleiner Leistungsbonus. Vor der Wirtschaftskrise machte die totale Faktorproduktivität in Österreich den größten Anteil am Wirtschaftswachstum aus.

Grenzen des Lohnwachstums

Durch den steten Rückgang dieser Innovationskraft, der bereits vor der Krise eingesetzt hat, sieht die EU laut ihrem jüngsten Länderbericht die Marktanteile der österreichischen Exportwirtschaft unter Druck. Das Hauptproblem bestehe demnach in den steigenden Lohnkosten. Auch Weyerstraß betont, dass die Löhne auf Dauer nicht stärker als die Inflation und die Produktivität steigen können, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu schmälern.

Die härtere Konkurrenzsituation durch aufstrebende Schwellenländer wie China und Indien hat zwar unter allen etablierten Exportnationen zu Einbußen an Marktanteilen geführt, aber manche Industrieländer haben sich besser geschlagen als andere, wie Harald Oberhofer, Ökonom am Wifo, feststellt.

Im Vergleich zu Österreich haben sich deutsche Gewerkschaften bereits Ende der Neunziger und auch noch während der weltweiten Boomjahre vor der Wirtschaftskrise in freiwilliger Lohnmoderation geübt, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Ein Vergleich der LohnstückkostenDie Lohnstückkosten bezeichnen den Anteil der Lohnkosten an den gesamten Herstellungskosten eines Produkts oder einer Dienstleistung. Höhere Lohnstückkosten bedeuten einen Rückgang der Arbeitsproduktivität oder steigende Lohnkosten. zeigt, dass Deutschland trotz ähnlicher Entwicklungen wie der Rest Europas seit der Finanzkrise immer noch von dieser Zurückhaltung profitiert. In Österreich sind die Lohnstückkosten seit der Jahrtausendwende stärker als im EU-Schnitt angestiegen.

 

Lohnkosten senken und investieren

Um die Effizienz zu verbessern, gibt es immer zwei Möglichkeiten: Entweder die Kosten fallen, oder die Leistung steigt. Ersteres ist kurzfristig leichter zu steuern. Um die Arbeitskosten einzubremsen, müssen etwa keine Lohnrunden unter der Inflationsentwicklung geschultert werden, was zu niedrigeren Reallöhnen und weniger Kaufkraft führen würde. Stattdessen hat Österreich innerhalb der EU beinahe einzigartig viel „Spielraum“, die Lohnnebenkosten zu senken. Denn der Steuerkeil zwischen Brutto- und Nettoeinkommen ist nur noch in Belgien größer.

Weniger Sozialabgaben bedeuten allerdings eine stärkere Belastung des ohnehin strapazierten Pensionssystems. Die EU schlägt daher vor, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem Österreich das Pensionsantrittsalter an die gestiegene Lebenserwartung anpasst. Dadurch würde nicht nur der staatliche Sozialtopf entlastet, sondern auch das extrem hohe Humankapital erfahrener Arbeitnehmer den Firmen länger zur Verfügung stehen. Das steigert wiederum die Arbeitsproduktivität und senkt somit die Lohnstückkosten – vorausgesetzt die zusätzlichen Arbeitsjahre müssen nicht extra hoch entlohnt werden.

Egal, ob man sich um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit einer kleinen Exportnation Sorgen macht, oder die Wochenarbeitszeit stetig zugunsten von Freizeit reduzieren will, bis die Roboter alles übernehmen – die Voraussetzung dafür lautet: höhere Produktivität. Mit Kostensenkung ist aber nur eine Seite der Gleichung berücksichtigt.

Auf Dauer sind Investitionen in Forschung und Bildung notwendig, um die produktive Kraft der Gesellschaft zu erhöhen. Das ist zwar nicht billig, aber zum Vergleich: Mit den zwölf Milliarden Euro für die Hypo-Abbaubank Heta hätte der Bund ein halbes Jahrzehnt das Massachusetts Institute of Technology (MIT) finanzieren können. Immerhin produziert eine Top-Universität nicht nur haufenweise Spin-Off-Unternehmen, sondern auch milliardenschwere Steuerzahler. Investitionen in Produktivität rentieren sich eben – früher oder später.