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Österreich ist kein Land der Zuckerberge

Meinung / von Lukas Sustala / 05.12.2015

45 Milliarden Dollar will Mark Zuckerberg spenden. Das wird in Österreich von viel Kritik begleitet. Sie übertüncht, dass hierzulande ein echtes Problem besteht, das verfügbare Vermögen auch gemeinnützig einzusetzen. Vier Gründe, warum Österreich wohl so bald kein Land der Zuckerberge wird.

Mark Zuckerberg spendet 45 Milliarden Dollar. Man sollte annehmen, dass diese Meldung auch in Österreich und Deutschland zu viel Zustimmung führen sollte. Ein Neureicher, der innerhalb kürzester Zeit zum Multimilliardär aufsteigt, will seine mittlerweile sehr wertvollen Aktien dem gemeinnützigen Zweck widmen.

Doch die Reaktion fällt anders aus. Das ist keine Philanthropie, das sind Almosen derer, die das System zuvor beraubt haben, lautet hierzulande der Tenor. Schön zusammengefasst von Facebook-Kritiker Max Schrems und wiederholt von vielen anderen.

Nun ist Zuckerbergs Spende womöglich auch ein Anlass, um über das furchtbare US-Steuersystem zu streiten, das allerlei Fehlanreize bietet. Aber das ist eine massive Themenverfehlung, denn bei Philanthropie geht es nicht nur um Steuern, sondern um Verantwortung, eine Kultur des Erfolgs und des Scheiterns sowie die Rolle des Staates. Und es gibt vier gute Gründe, warum man in Österreich eher nicht so bald Gefahr läuft, darüber streiten zu müssen, wie man mit der Milliardenspende eines erfolgreichen Gründers umzugehen hat.

Noch kein Gründerland

Damit es einen Mark Zuckerberg gibt, muss es hunderte, wenn nicht tausende begeisterte Gründer geben, die nicht so weit kommen. Nur wenige Unternehmen werden erfolgreich, ganz wenige so erfolgreich wie Facebook oder Paypal, viele gehen unter, werden aufgekauft oder wachsen deutlich langsamer. Doch damit Österreich sich über mehr als ein Runtastic freuen darf, braucht es deutlich mehr Gründergeist.

Die österreichische Formel lautet: Selbstständigkeit ist Risiko, Anstellung ist Sicherheit.

Bei einer „Top Speakers Lounge“, einer Diskussionsreihe, die von der Handelskammer Schweiz-Österreich-Liechtenstein veranstaltet wird, wurde jüngst die Frage diskutiert, wie man junge Unternehmen in Österreich „zum Fliegen“ bekommen könnte. Dafür wurden die Startup-Standorte Österreich und Schweiz mit Unternehmern und Investoren verglichen.

Der milliardenschwere Börsengang von Facebook: In den USA fast Normalität, in Österreich aber liegt die Börse im Dornröschenschlaf.
Credits: imago/UPI Photo

Für den Erfolg der Gründerländer haben sich dabei drei Faktoren herauskristallisiert: Talente, Kapital, Kultur. Talente hat Österreich ohne Zweifel, aber junge Menschen werden in der Schule und an den Universitäten kaum zum Gründen animiert. Gemessen am Unternehmergeist-Index von Amway rangiert Österreich zwischen Bulgarien und der Ukraine an der 38. Stelle von 44 Ländern. Unternehmerisches Risiko sollen bitte andere eingehen. Ali Malodji, selbst Gründer des Startups Watchado, das mittlerweile 40 Mitarbeiter hat, sagte selbst: „Jeder wollte es mir ausreden.“ Ob nun Experten, Familie oder Freunde: Selbstständigkeit ist Risiko, Anstellung ist Sicherheit, lautet die österreichische Formel.

Beim Kapital ist es nicht viel anders: Supersichere Spareinlagen dominieren den österreichischen Finanzmarkt seit Jahr und Tag. Die neuen Versuche des Crowdfunding, bei dem Unternehmen direkt kleine Beträge von Investoren einsammeln können, müssen sich erst bewähren. Die Kapitalmärkte für Unternehmensanleihen und -aktien jedenfalls fristen in Österreich ein Nischendasein. Und genau hier kommen Gründer wie Zuckerberg allerdings zu den Milliardenbeträgen – wenn sich „die Öffentlichkeit“ an ihren Unternehmen beteiligt.

Aber in Sachen Risikokultur und -kapital „ist Österreich noch mindestens ein Jahrzehnt hinterher“, wie es ein Schweizer Gründer und Business Angel auf den Punkt brachte.

Startups und Gründer bekommen ihre Unterstützung bestenfalls von staatlichen Förderstellen, einzelnen Business Angels und ein paar Risikokapitalgebern, während in den USA hunderte Milliarden von Venture-Fonds zur Verfügung stehen, die nur darauf warten, in neue Ideen zu investieren.

Die Mehrheitsmeinung, wie man in Österreich denn reich werden kann, scheint nach wie vor von den literarischen Werken des österreichischen Dramatikers Johann Nepomuk Nestroy geprägt zu sein: Es gibt nur Erbschaft, Mitgift oder den Lotteriegewinn. Dabei schafft nur unternehmerisches Handeln neues Vermögen.

Unternehmer sorgen für Unruhe

Reinhard Mohn, der über knapp drei Jahrzehnte aus Bertelsmann einen globalen Medienkonzern geformt hat, hat einmal gesagt: „Ein Unternehmer ist kein Unternehmer, sondern ein Verwalter, wenn er nicht den Mut hat, Fehler zu machen.“

So stellt man sich einen Minister vor. Er hat keinen Einblick, konstatiert aber eine „Riesensauerei“! Ist das nun Eingebung, der übliche unternehmensfeindliche Reflex oder nur die ganz windelweiche Absicherung?

Doch diese Woche hat sich wieder einmal gezeigt, dass es für unternehmerisches Risiko wenig Verständnis gibt. Die Pleite der Einzelhandelskette Zielpunkt hat wüste Reaktionen auch von Ministern der Bundesregierung gegen die Unternehmensgruppe Pfeiffer nach sich gezogen, die nicht weitere Millionen Euro in die Handelskette investieren wollte. Die vielfach geforderte „Kultur des Scheiterns“ sieht so aus, dass der Erfolg mit Neid begleitet wird und die Niederlage mit wüsten Beschimpfungen über das Versagen. Damit bleibt für einen in der Öffentlichkeit stehenden Unternehmer nur übrig, am besten irgendwo dazwischen herumzulavieren, im guten Mittelmaß – dann wird aber nur wenig riskiert.

Man muss ja nicht gleich 100 Jahre zurückgehen, als der Ökonom Joseph Alois Schumpeter den Unternehmer als Übermenschen stilisierte. Aber dass Erfolg großteils eher Neid erzeugt als Vorbild ist, ist ein kultureller Gendefekt dieser Republik.

Nur Steuergeld stinkt nicht

Gemeinnützige Stiftungen sind in Österreich eher eine Einrichtung mit Seltenheitswert. Nur jede fünfte Stiftung hat einen gemeinnützigen Zweck. In Deutschland hingegen sind 95 Prozent der eingerichteten Stiftungen gemeinnützig.

Man kann mit einem Absatz aus einer Studie von Professor Michael Meyer von der Wirtschaftsuniversität Wien auch sehr schnell festmachen, woran das liegt:

Restriktiv empfundene steuerliche Regelungen, die bisher vernachlässigte mediale Thematisierung, eine geringe Anzahl an Vorzeigebeispielen, mangelnde Transparenz im Stiftungssektor sowie ein Selbstverständnis, dass soziale Agenden vom Staat wahrgenommen werden, sind zentrale Hemmfaktoren.

Tatsächlich verzeichnet Österreich seit Jahren allgemein einen Rückzug von Stiftungen:

Der Staat in Österreich hat bis dato keinen Grund dafür gesehen, gemeinnützige Zwecke von Stiftungen steuerlich zu begünstigen. Die Folge: Gemeinnützige Stiftungen sind in Österreich – im krassen Gegensatz zu anderen Ländern wie Deutschland – im großen Ganzen des Spendenwesens irrelevant. Das neue Stiftungsrecht, das Wirtschaftsstaatssekretär Harald Mahrer stark forciert hat, soll diese Situation zwar ändern, ist aber noch nicht beschlossen.

Allgemein zeigt sich aber, dass in Österreich vor allem ein Grundsatz gilt: Der Staat hat das Gemeinwohl im Auge zu behalten. Und auch dort, wo er damit ganz offensichtlich scheitert (siehe etwa die Lage in Traiskirchen in diesem Jahr), sind die staatlichen Institutionen kaum in der Lage, an Private zu delegieren.

Dein Geld, meine Regeln!

Stiftungen nach der Ausrichtung und Größe eines/einer Bill und Melinda Gates etwa leben vor allem von einem: dem klaren Ziel. Gemäß der Manier der hunderten inspirienden „Ted-Talks“ wollen die meisten Milliardäre, die den neuen „Giving Pledge“ geschworen haben, konkrete Probleme lösen. Spezifische Krankheiten sollen bekämpft, technologische Probleme gelöst oder soziale Brennpunkte entlastet werden.

Es ist das berühmte Mantra von Peter Drucker – “The best way to predict the future is to create it” –, das sich hier fortsetzt. So funktioniert Unternehmertum: Es wird Neues geschaffen, um die Welt zu verändern. Das verträgt sich aber nicht gut mit einem bereits existenten Staat, der sich ja ohnedies um die meisten sozialen Probleme mit seinen bürokratischen Methoden in der einen oder anderen Form kümmert.

Doch ein Unternehmer, der Druckers Spruch ernst nimmt, muss sich darüber ärgern, dass das gestiftete Vermögen erst recht normal besteuert wird. Wenn links und rechts Steuern fällig werden, die dann wieder in den allgemeinen Steuertopf fließen, an dem sich in Österreich Landeshauptleute, Interessensvertreter und die Verwaltung gerne vergreifen, tritt der eigentliche Zweck der Stiftung plötzlich in den Hintergrund.

Zudem kollidieren in Österreich private Initiative und staatliche Stellen immer wieder, etwa wenn Unternehmer Flüchtlingsquartiere schaffen wollen, aber an kleinsten Auflagen scheitern. Hier heißt es schnell, „dein Geld, meine Regeln“. Oder aber es wird vollkommen absurd, wenn etwa die private Finanzierung von der vor dem Ende stehenden Militärmusikkapelle zwar bereitsteht, aber vom jeweiligen Minister dann nicht angenommen wird. Österreich wird zu Absurdistan, wenn die Politik verlangt, dass ausschließlich sie staatliche Aufgaben erledigen darf – selbst wenn sie dafür aktuell kein Geld hat.

Das Potenzial ist da

Dass sich die Reaktionen auf Zuckerbergs Milliardenspende in Österreich vor allem auf den Steueraspekt und die offenbar krasse Ungerechtigkeit in den USA konzentrieren, zeigt leider, dass man hierzulande so schnell kaum auf einen Boom der Gemeinnützigkeit hoffen darf. Tue Gutes und sprich lieber nicht so viel darüber, bleibt daher wohl abseits der Charity-Trampelpfade die Devise. Dabei gäbe es in Österreich viel Potenzial für gemeinnützige Stiftungen, etwa bei Investitionen in Wissenschaft und Forschung oder soziale Einrichtungen.

Österreich könnte nichts Besseres passieren, als dass wir in zehn Jahren darüber zu streiten haben, wie ein neuer Startup-Milliardär seine Milliarden spenden will. Allein, so wie es aktuell aussieht, wird das wohl eher nicht passieren. Und das ist viel schlimmer als Schlupflöcher im US-Steuersystem.