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Zukunft der Arbeit

Österreichs Arbeitsplätze hängen am seidenen Breitband

von Leopold Stefan / 23.08.2016

Regelmäßig berichten Medien über kommende Innovationen, die eine ganze Reihe von Jobs ersetzen. Eine neue WIFO-Studie über die Digitalisierung in Österreich versucht den Zukunftspessimisten etwas entgegenzuhalten. Dank eines effektiven Bildungssystems waren Österreichs Arbeitnehmer bisher vor der Automatisierung verschont. Allerdings fehlen die Investitionen in die Zukunft, damit das auch so bleibt.

Die Angst, dass Computer künftig Menschen die Arbeitsplätze streitig machen, verzerrt die Wahrnehmung des Fortschritts genau so wie die euphorische Erwartung neuer Möglichkeiten, erklärt WIFO-Chef Karl Aiginger bei der Präsentation der Studie „Österreich im Wandel der Digitalisierung“. Die Auswirkung von Technologien auf die Gesellschaft werde daher kurzfristig gerne überschätzt, die langfristigen Konsequenzen hingegen unterschätzt.

Mit diesem Vorbehalt, hat ein Forscherteam am WIFO im Auftrag der A1 Telekom Austria versucht, die Auswirkungen der Digitalisierung auf die österreichische Wirtschaft und insbesondere den Arbeitsmarkt abzuschätzen. Das optimistische Ergebnis dürfte den Auftraggeber zufriedenstellen.

Investieren lohnt sich immer

Ganz im Sinne der lange angekündigten und seit Kurzem erstmals ausgeschriebenen Breitbandmilliarde des Infrastrukturministeriums berechnen die Ökonomen, dass Investitionen in Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) von einer Milliarde Euro bis zu 1,2 Milliarden an verbundener Wertschöpfung bringen. Gleichzeitig wären dadurch 14.700 Vollzeitbeschäftigte ausgelastet.

Allerdings dürfen diese Effekte nicht überinterpretiert werden: Jede Investitionstätigkeit schlägt sich ökonomisch messbar nieder und hat Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung und die Beschäftigung. Es handelt sich also keineswegs um zusätzliche Arbeitskräfte und Wertschöpfung, da ein alternativer Einsatz der Mittel ebenfalls positive Wachstumseffekte hätte, wie die Studienautoren schreiben.

Das Beispiel der angekündigten Breitbandmilliarde des Bundes hat jedoch gezeigt, wie wenig im IKT-Bereich weitergeht. Die Initiative hat bereits den vierten Infrastrukturminister überdauert, ohne ein konkretes Projekt hervorgebracht zu haben.

Die wesentliche Frage lautet jedoch: Wie wird sich die Digitalisierung abseits der direkt geförderten Gewinner in der Branche und den Firmen, die diese Innovationen einsetzen, auf die Beschäftigung in Österreich auswirken?

Stärken und Schwächen

Eine Reihe von internationalen Studien in den vergangenen Jahren hat unterschiedlich pessimistische Szenarien kalkuliert, wie viele Arbeitsplätze durch Automatisierung verloren gehen: Die Ergebnisse rangieren von knapp 50 Prozent aller Jobs (in den USA) bis jüngst von der OECD für Österreich angenommene 12 Prozent der Arbeitsplätze, die demnach intelligenten Programmen und Robotern anheimfallen könnten.

Solche Annahmen seien mit zu viel Unsicherheit verbunden, meint Aiginger. Schließlich komme es auf den Netto-Effekt an. Sprich, die Chancen der Digitalisierung, richtig genutzt, könnten mehr neue Jobs bringen, als durch die Automatisierung wergrationalisiert würden.

Österreich steht vor dieser Herausforderung mit einer Stärke und einer Schwäche.

Knoten im Breitband

Weltweit seien die Strategien, im digitalen Wettbewerb voranzukommen, sehr ähnlich. Entscheidend ist die Effizienz und Geschwindigkeit mit der neue Infrastruktur, Bildungsmaßnahmen und Innovationen umgesetzt werden, sagt Michael Peneder, einer der Studienautoren und WIFO-Experte für Innovation und Industrieökonomie. Allerdings ist die heimische Ausgangslage nicht rosig.

Im EU-Vergleich liegt Österreich nicht im Spitzenfeld was Digitalisierung betrifft. Die EU-Kommission bewertet mit dem Sammelindex DESI, wie stark die Konnektivität, das Humankapital, die Internetnutzung und andere Faktoren in den Mitgliedstaaten vorangeschritten sind. Demnach belegt Österreich Rang 13 bei 29 verglichenen Ländern. Innerhalb der EU-15, also ohne die Mitgliedsländer der Osterweiterung, kommt Österreich nur auf Platz 10. Gemessen an der Wirtschaftsleistung investiert Österreich in einem Vergleich von Industriestaaten sogar am wenigsten in den Telekombereich, wie die Studie zeigt. Für das Land mit dem fünfthöchsten Einkommen könne das schlechte Abschneiden nicht lange gutgehen, meint Aiginger.

Mit dualer Bildung gegen die Routine

Abseits der mangelnden Investitionen hat Österreich auch Vorteile im kommenden Verdrängungswettbewerb zwischen Mensch und Maschine: Die duale Ausbildung mit der praxisnahen Lehre und den Berufsschulen für diverse Branchen bringt sehr differenzierte Arbeitnehmer im mittleren Qualifikationsbereich hervor. Internationale Erfahrungen zeigen, dass eigentlich genau diese Arbeitskräfte durch Digitalisierung ihre Stelle einbüßen, wie die sogenannte Polarisierungshypothese besagt. Demnach schaffen es intelligente Roboter und Software weniger leicht, gut qualifizierte sowie manuelle Fachkräfte zu ersetzen. Allerdings ist jede Routinetätigkeit durch den technischen Fortschritt bedroht, sei es ein Buchhalter, der mit Tabellen arbeitet, oder ein Fließbandmonteur, den es schon heute kaum mehr gibt.

Bisher lässt sich diese Polarisierung am österreichischen Arbeitsmarkt noch nicht beobachten. Die theoretisch anfälligen Berufe mit kognitiven Routinearbeiten, wie etwa der erwähnte Buchhalter, werden vor allem durch Abgänger der Berufsbildenden Mittleren Schulen und Höheren Schulen abgedeckt. Die Qualifikationsprofile der BMS- und BHS-Absolventen sowie der Lehrlinge unterscheiden sich daher stark voneinander. Firmen wählen diese Mitarbeiter daher sehr bestimmt aus und setzen sie auf unterschiedlichsten Positionen ein. Auch wenn ein gewisser Tätigkeitsbereich routinemäßig abläuft und zukünftig automatisiert wird, sind die spezifischen Qualifikationen nicht so leicht zu ersetzen.

Daher rechnen die WIFO-Forscher nicht damit, dass bestehende Berufe obsolet werden, sondern sich die Arbeitsinhalte hin zu weniger Routinetätigkeiten verlagern. Dazu seien die Berufsschüler und fertigen Lehrlinge besser in der Lage als Arbeitnehmer mit mittlerer Ausbildung in anderen Ländern.

Die Hoffnung wird zuletzt wegrationalisiert

Diese optimistische Einschätzung teilen freilich nicht alle Experten. Schließlich bedeutet weniger Routinetätigkeit, dass mehr Zeit für andere Aufgaben bleibt. Wenn diese Arbeitszeit von den Unternehmen nicht sinnvoll genutzt werden kann, gehen trotzdem Jobs verloren.

Entscheidend ist daher, dass sich die Produktivität einzelner Bereiche gemeinsam weiterentwickelt. Wenn die Arbeitsproduktivität steigt, muss auch der Material- und Energieeinsatz effizienter werden, meint Aiginger. Dabei ist sich der scheidende WIFO-Chef sicher, dass sich die Digitalisierung lenken lasse.

Angesichts des Martyriums der Breitbandmilliarde schwingt dabei wohl sehr viel Optimismus mit.