Pioneers/ Bild: Christoph Hofbauer

Gründerszene

Gründerszene leidet unter viel staatlichem Ballast

von Matthias Benz / 10.06.2016

In Österreich hat sich eine lebhafte Start-up-Szene entwickelt. Aber man hinkt international hinterher. Das liegt an einem Grundproblem, das den Wirtschaftsstandort generell plagt.

In der imperialen Hofburg, einst Sitz des Kaisers, tummeln sich bärtige Hipster, selbstbewusste Visionäre und ambitionierte Jungunternehmer. Modernität durchflutet die ehrwürdigen Hallen. Manch ein Besucher ist mit einer Virtual-Reality-Brille auf den Augen in eine andere Welt versunken.

Andere lauschen Heroen der internationalen Start-up-Szene oder informieren sich über die neuesten Apps. Zum fünften Mal findet das Wiener Pioneers-Festival statt. 500 ausgewählte Start-ups aus Mittel- und Osteuropa präsentieren sich. Der Ort ist Kontrastprogramm wie Versprechen zugleich: Die Hofburg steht für eine Zeit, als Wien viel Ausstrahlungskraft in Europa besaß.

Lebhaft, aber im Hintertreffen

„In Österreich hat sich eine lebhafte Start-up-Szene etabliert“, sagt Pioneers-Gründer Andreas Tschas, einer der besten Kenner der hiesigen Szene. Man kann auf erfolgreiche Vorbilder wie den Fitness-App-Anbieter Runtastic verweisen, der im letzten Sommer für 220 Millionen Euro an Adidas verkauft wurde. Die Zahl der Start-ups ist deutlich gestiegen, das „Ökosystem“ ist dichter geworden, mit Speedinvest gibt es heute einen heimischen Beteiligungsfonds. Dennoch ist Tschas nicht zufrieden: „Wir hinken international hinterher – und wir drohen links und rechts überholt zu werden.“

Tatsächlich zeigt sich die schwache Stellung Wiens in internationalen Vergleichsstudien. In der jüngsten Ausgabe des „Global Startup Ecosystem Ranking“ schaffte es Wien nicht unter die 20 weltweit wichtigsten Städte. Unter aussichtsreichen Newcomern figurierten etwa Barcelona, Helsinki oder Warschau, aber Wien fand keine Erwähnung. Tschas bestätigt den Eindruck. Für internationale Start-ups befinde sich Wien nicht auf der Landkarte – außer für die drei Tage des Pioneers-Festivals.

Das stellt aus zwei Gründen ein gewichtiges Problem dar. Zum einen herrscht heute eine globale Konkurrenz um die besten Firmengründungen. Zum andern müssen Start-ups vor allem im Internet- und Technologie-Bereich von Beginn an den weltweiten Markt ins Visier nehmen. Entsprechend kann man nicht auf Heimattreue zählen.

Wien und Österreich punkten im internationalen Vergleich durchaus mit einigen Vorteilen. Da ist einmal die hohe Lebensqualität, mit der hiesige Start-ups immer wieder auch Talente von Branchengrößen wie Google anziehen können. Es finden sich auch gut ausgebildete Menschen und eine gute öffentliche Infrastruktur.

Gelobt wird ferner das breite Angebot an finanziellen Förderungen vor allem für die Frühphase einer Gründung. Dem steht jedoch ein gewichtiger Nachteil gegenüber: Man leide unter schwerem staatlichem Ballast, erklären viele Gründer. Damit steht die Suche nach dem Neuen in der Wirtschaft exemplarisch für das Größere in Österreich: Sie trifft auf ähnliche Probleme, wie sie den Standort Österreich seit geraumer Zeit plagen.

Der teure erste Mitarbeiter

Wenn Pioneers-Gründer Tschas zwei Wünsche frei hätte, würde er zum einen eine Senkung der hohen Lohnnebenkosten verlangen. Unter den hiesigen Firmengründern kursiert das geflügelte Wort, die größte Hürde sei die Anstellung des ersten Mitarbeiters. Tatsächlich geht rund die Hälfte der Kosten für einen Angestellten in Form von Sozialabgaben und Steuern direkt an den Staat. Unter den Industrieländern ist der „Steuerkeil“ nur in Belgien noch größer. „Wenn die Lohnnebenkosten geringer wären, hätte ich sicherlich einige Mitarbeiter mehr“, meint Tschas.

Natürlich wäre es das Beste, die Lohnnebenkosten für alle Unternehmen – auch die etablierten – zu senken. Aber wer die Strukturen Österreichs mit seiner verkrusteten Sozialpartnerschaft kennt, weiß, wie groß die Widerstände dagegen sind. Entsprechend fordert die österreichische Start-up-Szene spezielle Entlastungen für Firmengründer. Die Lohnnebenkosten sollten für die ersten drei Mitarbeiter in den ersten drei Jahren um 50 Prozent gesenkt werden.

Hoffnung auf „Start-up-Kanzler“

Zum andern würde sich Tschas einen Beteiligungsfreibetrag für Investoren wünschen. Wenn ähnlich wie in Großbritannien 100.000 Euro einer Privatinvestition zur Gänze steuerlich abgesetzt werden könnten, würde das laut Tschas viel bewegen. In der Startup-Szene wird auch darauf verwiesen, dass in österreichischen Privatstiftungen geschätzte 80 bis 100 Milliarden Euro lägen, die von Gesetzes wegen nicht in Start-ups investiert werden dürfen.

Solches brachliegendes Kapital will man aktivieren. Ferner gilt das österreichische Unternehmensrecht als zu wenig flexibel. Die Gründung einer Aktiengesellschaft oder GmbH ist für angehende Unternehmer häufig sehr aufwendig oder für ihre Bedürfnisse nicht passend. Hier sollte das Unternehmensrecht wie in anderen Ländern dereguliert werden.

In der Wiener Start-up-Szene herrscht seit kurzem große Hoffnung, dass die Politik auf solche Forderungen eingeht. Zwar hatte das Wirtschaftsministerium schon vor über einem Jahr einen 40-Punkte-Plan für ein „Gründerland Österreich“ vorgelegt. Aber in der Regierung fehlte der Wille zur Umsetzung. Der frühere Kanzler Faymann interessierte sich kaum für das Thema. Der neue Kanzler Kern hingegen wählte als Ort für seinen ersten öffentlichen Auftritt just das Pioneers-Festival. Er erklärte dort unter großem Applaus, Österreich brauche mehr Startups und Gründergeist. Seither wurde Kern – womöglich etwas voreilig – als „Start-up-Kanzler“ gefeiert.

Unternehmertum entfesseln

In der Tat gibt es noch viel zu tun, damit das Gründen eines Unternehmens in Österreich einfacher und attraktiver wird. Für ständige Klagen sorgen auch die starre Gewerbeordnung und teilweise absurde arbeitsrechtliche Vorschriften. Wer eine Geschäftstätigkeit aufnehmen will, muss zunächst bei der Wirtschaftskammer als Hüterin der Gewerbeordnung die nötigen Genehmigungen einholen. Alles und jedes ist reguliert.

An Skurrilitäten mangelt es nicht: So braucht es etwa für das Lackieren von Fingernägeln einen Gewerbeschein, für Fußnägel einen anderen. Für jeden Schein (und für jedes Unternehmen) fällt eine jährliche Zwangsgebühr an die Wirtschaftskammer an. Viele Unternehmer beklagen zudem eine Gängelung durch die Arbeitsinspektorate wegen Arbeitshöchstzeiten oder Mindestflächen pro Angestelltem.

Schließlich liegt ein grundlegendes Problem darin, dass privatem Kapital in Österreich ein geringer Stellenwert zugemessen wird. Hierzulande ist sogar das Risikokapital staatlich: Drei Viertel der Private-Equity-Beteiligungen an Jungfirmen stammen von staatlichen Agenturen wie der Förderbank AWS. Das ist viel mehr als im übrigen Europa. Zwar bescheinigen Beobachter, dass diese Agenturen ihre Arbeit ordentlich machten. So werden die zu fördernden Projekte von Fachexperten-Jurys ausgewählt. Dennoch ist fraglich, ob so besonders Startups mit revolutionären Ideen eine Chance haben. Der indisch-amerikanische Gründer Manoj Bhargava meinte etwa auf dem Pioneers-Festival, man solle nicht auf Experten hören. Sie seien die Wächter der Vergangenheit.

Wenn man in Österreich eine erfolgreiche Start-up-Szene will, wird man das zu beherzigen haben. Der Staat muss aus dem Weg gehen und das private Unternehmertum florieren lassen.