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Tag der Arbeit

Österreichs schöne neue Arbeitswelt in 4 Grafiken

von Leopold Stefan / 01.05.2016

Die Arbeitslosigkeit ist heute wieder so hoch wie am Anfang der Zweiten Republik. Die Arbeitswelt hat sich jedoch in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Vier Grafiken zeigen, wie Österreichs Arbeitsmarkt an den Ausgangspunkt zurückgekehrt ist, was trotzdem anders läuft und wie es weitergeht.

Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Mit diesem berühmten Satz hatte der amerikanische Philosoph und Schriftsteller George Santayana, entgegen verbreiteter Verwendung, keinen moralisierenden Appell an die Menschheit gerichtet. Stattdessen wollte er veranschaulichen, dass Fortschritt nicht in totaler Veränderung liegen kann, sondern Altbekanntes in einen neuen Kontext stellen muss. Schließlich bedeutet Rekord sich erinnern.

Am 1. Mai lohnt sich daher ein Blick in die Vergangenheit, um zu sehen, dass die österreichische Arbeitswelt wieder dort angelangt ist, wo sie bereits war, und doch alles anders ist.

1. Die Rückkehr der Arbeitslosigkeit

Sechzig Jahre nachdem die Zweite Republik in die Unabhängigkeit entlassen wurde, liegt die Arbeitslosigkeit über ihrem Höchststand aus der Besatzungszeit. Damals kehrten Millionen Soldaten in ihre zerstörte Heimat zurück und weitere Millionen flüchteten angesichts der drohenden Teilung des Kontinents in den Westen – viele Menschen wurden bereits zuvor enteignet und vertrieben.

Gleichzeitig barg der anstehende Wiederaufbau und Friede ein enormes Wachstumspotenzial und somit hohen Bedarf an Arbeitskräften. Doch das Wirtschaftswunder hatte irgendwann ein Ende. Ab den späten siebziger Jahren verdreifachte sich die Arbeitslosenquote in Österreich von unter zwei Prozent binnen eines Jahrzehnts auf beinahe sechs Prozent.

In Folge der Finanzkrise und insbesondere der Eurokrise stieg die Arbeitslosigkeit erneut steil an und erreichte ihren Rekordstand im diesem Januar, als beinahe 500.000 Menschen auf Jobsuche waren. Gleichzeitig ist auch die Beschäftigung, also die Zahl jener Menschen, die arbeiten, auf dem Höchststand. Was ist passiert?

2. Arbeit ist das halbe Erwerbsleben

Die beiden Weltkriege hatten bewirkt, dass Frauen in den Fabriken gebraucht wurden, während die Männer an der Front kämpften. In den goldenen Jahren nach 1960 ermöglichte der Wohlstand vielen Familien, die traditionelle Rollenverteilung wiederaufzunehmen. Dadurch verschwand ein großes Arbeitskräftepotenzial – samt allen gesellschaftlichen Begleiterscheinungen – in die stille Reserve. Bis heute zehrt der Arbeitsmarkt von einer Trendumkehr: Noch immer nimmt die Beschäftigung von Frauen wieder zu, aber im historischen Kontrast heißt es heute für viele: Teilzeit statt Schichtarbeit.

Bis in die neunziger Jahre machten Vollzeitstellen über 90 Prozent der Beschäftigung aus. Seitdem hat sich die Teilzeitquote verdreifacht: Jeder Vierte arbeitet heute in Teilzeit. Die meisten davon sind Frauen.

Fast die Hälfte der beschäftigten Österreicherinnen hat keine Vollzeitstelle, während bei Männern die Teilzeitquote seit Jahren unter zehn Prozent liegt – wenngleich der Trend bei beiden Geschlechtern zunimmt.

Die große Mehrheit gibt an, freiwillig in Teilzeit zu arbeiten. Laut Eurostat hätten sich 1995 etwa acht Prozent der Österreicher gewünscht, mehr Stunden angestellt zu sein – heute sind es rund 12 Prozent.

Dieser Trend zeigt weniger eine neugefundene Vorliebe für mehr Freizeit, sondern im Gegenteil den Drang von Frauen in die Arbeitswelt, deren Mütter noch ganz zu Hause geblieben sind.

Paradoxerweise führt diese höhere weibliche Beteiligung am Arbeitsmarkt durch Teilzeitjobs dazu, dass Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern zutage treten und die durchschnittlichen Reallöhne gebremst werden. Denn Teilzeitarbeit schmälert in der Regel einen Karriereweg, der zu mehr Lohn führt. Für Hausfrauen ist die reale Schere zwar größer, sie bleibt aber vor der Statistik verborgen.

Durch dieselbe statistische Einäugigkeit führen mehr Teilzeitarbeitende zu mehr Arbeitslosen, und zwar dann, wenn eine offene Stelle von jemandem besetzt wird, der zuvor dem Arbeitsmarkt gar nicht zur Verfügung stand, und ein bereits registrierter Arbeitsloser dadurch leer ausgeht.

Doch der Teilzeitboom ist nur ein Grund, warum der Wandel der Arbeitswelt zurück zu hoher Arbeitslogkeit geführt hat.

3. Die Erntehelfer für die Früchte des Zorns

Die heimische Arbeitswelt wird immer internationaler. Heute kommt beinahe jeder fünfte Arbeiter oder Angestellte in Österreich aus dem Ausland. Mitte der achtziger Jahre hatten nur fünf Prozent der Erwerbstätigen keine österreichische Staatsbürgerschaft. Vor allem seit den Neunzigern stagnierte die Zahl der Österreicher im Erwerbsleben, während die Zuwanderung das Arbeitskräftepotenzial aufstockte.

Der Grund für den höheren Ausländeranteil liegt in der Demografie. Einerseits haben Wohlstand, Pillenknick und unterschiedliche Lebensmodelle bei der Generation der Babyboomer dazu geführt, der heimischen Bevölkerungsexpansion ein Ende zu setzten – das schlägt sich wiederum mit zwanzigjähriger Verzögerung am Arbeitsmarkt nieder.

Andererseits expandiert der Anteil ausländischer Arbeitskräfte schneller als die Gesamtbevölkerung, weil nur wenige als Rentner einwandern – in Pension gehen viele dann doch als Österreicher. (Somit wird die Anzahl der zu versorgenden Pensionisten nicht parallel zum Geburtenrückgang sinken.)

Die Öffnung des Arbeitsmarktes, vor allem für die neuen Mitgliedstaaten, hat diesen Trend in den letzten Jahren noch verstärkt. Trotzdem kam im vergangenen Jahr der größte Teil der aktivbeschäftigten Zuwanderer aus Deutschland, mit knapp 15 Prozent, gefolgt von Ungarn (11,5 Prozent) und Türkei (8,7 Prozent).

Für den auf einem Umlageverfahren basierenden österreichischen Sozialstaat ist die Aufstockung des Arbeitskraftpotenzials aus dem Ausland zumindest mittelfristig essenziell. Allerdings trägt die Zuwanderung nicht nur zum absolut gemessenen Höchsttand der Beschäftigung bei, sondern auch zur relativ gemessenen Arbeitslosigkeit.

Im Vorjahr lag die Arbeitslosenquote von Ausländern 4,4 Prozentpunkte über dem gesamtösterreichischen Schnitt. Allerdings sagt das sehr wenig über die Qualifikation der gebürtigen Österreicher aus. Zum einen liegt die Arbeitslosenquote unter Angehörigen mancher Nationalitäten, wie den Ungarn (6,7 Prozent) oder Deutschen (7,5 Prozent) unter jener der Österreicher mit 8,1 Prozent.

Zum anderen haben Einheimische einen großen Vorteil gegenüber den Immigranten. Fast jeder fünfte Österreicher, von gewissen Liftwarten bis zum Volksschullehrer, ist vom Staat angestellt und unterliegt kaum einem Kündigungsdruck nach wirtschaftlichen Überlegungen. Ein Luxus, den Erntehelfer und Pflegekräfte nicht teilen.

Gleichzeitig führen eine zunehmend globale Arbeitsteilung und der technische Fortschritt dazu, dass immer mehr Menschen auch in Österreich zu gering qualifiziert sind. Die Zukunft dürfte diesen Trend noch verstärken.

4. Die Roboter übernehmen

Das Schicksal eines Kerzenmachers oder Fließbandarbeiters in Österrecih könnte in den kommenden Jahrzehnten auch Buchhalter oder Immobilienmakler treffen. Forscher an der Universität Oxford haben für rund 700 Berufsbilder ausgerechnet, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Computer die Aufgabe übernehmen wird.

Berufe, die soziale Interaktion oder Kreativität voraussetzen, sind demnach relativ zukunftssicher. Betroffen sind vor allem Jobs mit repetitiven Abläufen, aber auch solche mit der Anwendung von Fachwissen, die keiner komplexen Interpretationsleistung bedürfen. Generell gilt, dass minderqualifizierte Stellen stärker bedroht sind und Akademiker bessere Aussichten haben.

 

Bereits heute sind die meisten Arbeitslosen in Österreich geringqualifiziert. Der Trend zu mehr Automatisierung wird den Druck daher weiter erhöhen. Wie Franz Schellhorn, Direktor der Agenda Austria, in seinem Gastkommentar zum Tag der Arbeit betont hat, muss Bildung im Zentrum der Politik stehen. Die jüngste Evaluierung hat jedoch gravierende Defizite des staatlichen Schulsystems aufgezeigt.

Die neuen Berufsanforderungen werden den Effekt der andauernden Eintritte in die Teilzeitbeschäftigung und der stärker exponierten Immigranten noch verstärken: Auf absehbare Zeit bleibt die Arbeitslosenquote hoch.

George Santayana hat eben eines nicht ausgeschlossen: Auch wer sich an seine Vergangenheit erinnert, kann sie wiederholen. So muss am 1. Mai die Arbeiterbewegung wieder feststellen, dass sich immer mehr Menschen im wahrsten Sinne des Wortes von der Arbeit entfremden.