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Clubabend zum Nachhören

OMV-Chef Seele: „Putin ist alles andere als ein lupenreiner Demokrat“

von Lukas Sustala / 01.03.2016

Das umsatzstärkste Unternehmen Österreichs ist unter Zugzwang. Der Verfall des Ölpreises hat OMV-Chef Rainer Seele dazu veranlasst, sieben Monate nach Amtsantritt eine neue Strategie für das Unternehmen zu verkünden. Beim NZZ.at-Clubabend hat er seine Beweggründe erläutert. Warum er in Russland das Heil des Öl- und Gaskonzerns sieht, obwohl er Putin für keinen „lupenreinen Demokraten“ hält, 2016 gespart werden muss und welche Wachstumsstory er mit der OMV erzählen will.

Die Frage des Clubabends („Wohin geht die OMV?“) war schnell beantwortet. Sie geht nach Russland und in den Mittleren Osten, wo etwa der Aktionär IPIC in den Vereinigten Arabischen Emiraten sitzt. „Öl- und Gas-Mann“ Rainer Seele hat dafür vor allem ein Argument: die Kosten. Denn die sind im Vergleich mit anderen Unternehmen der Branche die höchsten. „Das ist kein nachhaltiges Konzept. Wir müssen eher der Kostenführer sein als die Laterne“, sagt der seit Juni amtierende CEO. Und daher werden – unter anderem – die Investitionen gekürzt.

Wo man aber sehr wohl investieren will, ist Russland. Mit der Gazprom wird gerade über einen Asset-Tausch verhandelt. Die OMV soll 24,98 Prozent am westsibirischen Öl-und Gasfeld Urengoy erhalten. Doch welche Vermögenswerte die OMV dafür hergibt – einen Anteil an der Raffinerie etwa? –, darüber hüllt sich Seele in Schweigen.

Was das Russland-Engagement betrifft, zeigte sich der OMV-General als Realist (ab Zeitpunkt 1:13:10). Der Vorstand habe sehr gute persönliche Kontrakte zu Gazprom. Das politische Risiko sieht aber auch Seele: „Ich habe kein Vertrauen zu Herrn Putin aufgebaut, aber er ist auch nicht derjenige, mit dem ich einen Asset-Tausch verhandle. Ich bin übrigens auch nebenbei gesagt nicht der Meinung, dass Herr Putin ein lupenreiner Demokrat ist, er ist alles andere als das. … In den 48 Jahren haben wir keinen Grund zur Beschwerde über die Zusammenarbeit (mit Gazprom). Wir haben alle Möglichkeiten erlebt, den Kalten Krieg, den Eisernen Vorhang, die Sowjetunion, einen russischen Präsidenten, der mehr Wodka getrunken hat, als dass er im Parlament war. All das haben wir als OMV miterlebt. Und wir haben festgestellt, die Geschäftsbeziehung zwischen unseren beiden Häusern war und ist stabil gewesen.“

Zudem seien die Alternativen zu Russland nicht wirklich attraktiv, argumentiert Seele. Das Gasfeld in Westsibirien erhalte man mit relativ geringem Kapitaleinsatz. In anderen Regionen der Welt hingegen (von Libyen bis zum Jemen) sei das geopolitische Risiko viel höher. Wenn sich die politische Lage hier übrigens beruhige, rechnet der OMV-Chef mit einer „Wachstumsstory“ bei der OMV, denn dann könnte die Produktion der OMV schnell um zehn Prozent auf 330.000 Fass Öl pro Tag steigen. Ob der Iran für die OMV zu einem wirklichen Geschäftsbringer wird, „da muss man abwarten“. Nur bei Russland will Seele nicht warten. Wenn es nach ihm geht, könnte der „Asset-Tausch“ im Sommer unter Dach und Fach sein. Die OMV geht dann nach Russland – auch ohne „lupenreine Demokraten“.