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Erdölkartell

OPEC pumpt sich in den Stillstand

von Gerald Hosp / 05.12.2015

Die OPEC hält an der derzeitigen Produktionsmenge fest und gibt keinen offiziellen Förderplafond mehr an. Die Devise der Organisation heißt Abwarten. Ist aber ein Erdölkartell, das keine Fördermengen nennen will, noch ein Erdölkartell?

Die Organisation der erdölexportierenden Staaten (OPEC) ist ein Beispiel für hektische Bewegung im Stillstand. Bei der Sitzung am Freitag in Wien hat die OPEC keine Senkung oder Erhöhung des Förderplafonds bekanntgegeben. Vielmehr gibt sie gar keine konkrete Zahl mehr vor, die gegenwärtige Förderung soll beibehalten werden. Die Mitgliedsländer produzierten laut der Organisation im Oktober knapp 31,4 Millionen Fass Öl pro Tag, was über dem bisher geltenden Förderplafond von 30 Millionen Fass liegt.

„Jeder macht, was er will“

Eine Entscheidung zum Produktionsvolumen hat die OPEC auf das nächste Treffen im Juni vertagt. Dann soll die Lage am Ölmarkt klarer sein. Im Communiqué hieß es, dass im nächsten Jahr mit einem Rückgang des Nicht-OPEC-Angebots und einer Erhöhung der Nachfrage gerechnet werde. Trotzig sagte OPEC-Generalsekretär Abdallah al-Badri, dass die Organisation dadurch stärker sei. Ist aber ein Erdölkartell, das keine Fördermengen nennen will, ein Erdölkartell? Der iranische Ölminister Bijan Namdar Zanganeh sagte laut Bloomberg, dass jeder mache, was er wolle. Die OPEC hatte sich nicht einmal dazu durchgerungen, das Produktionsvolumen des neuen Mitglieds Indonesien in eine bestehende oder angestrebte Fördermenge einzufügen.

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Dass das OPEC-Treffen nicht reibungslos abläuft, verhieß am Freitag schon die lange Sitzungsdauer. Im Vorfeld des Treffens hatte der venezolanische Erdölminister am Freitag eine Pressekonferenz gegeben, was in diesem Rahmen ungewöhnlich ist, und dafür plädiert, weniger zu produzieren. Iran beharrt darauf, im nächsten Jahr bis zu eine Million Fass auf den Markt zu bringen, wenn die Sanktionen gegen das Land aufgehoben werden. Und Medien wussten zu berichten, dass Saudi-Arabien, der wichtigste Akteur innerhalb der OPEC, zu Kürzungen bereit sei, um den Preis zu stützen, wenn auch andere Staaten inner- und außerhalb des Kartells mitziehen würden. Solche Äußerungen gehören aber auch zur Folklore von OPEC-Treffen.

Vor gut einem Jahr hatte die OPEC ebenfalls beschlossen, die Förderung nicht zu drosseln. Damit drückte sie den bereits taumelnden Erdölpreis noch weiter nach unten. Ein Jahr später liegt die Erdölnotiz bei rund 40 US-Dollar je Fass, dem niedrigsten Wert seit gut sechs Jahren. Mit dem Preiszerfall hat die OPEC zwar teilweise ihre Ziele erreicht. Die Organisation verteidigte Marktanteile, und die Förderung der amerikanischen Schieferöl-Produzenten stagniert. Gleichzeitig müssen aber die Mitglieder der Organisation empfindliche Einnahmeneinbußen hinnehmen. Laut dem amerikanischen Energieministerium sollen die Erlöse der OPEC (ohne Iran) in diesem Jahr 380 Milliarden Dollar ausmachen, im vergangenen Jahr hatten sie noch 780 Milliarden betragen.

Strategie der offenen Hähne

Die Anpassung an die Realität beim Fördervolumen ist aber ein Beleg dafür, dass die vor allem von Saudi-Arabien und den Golfstaaten getragene Strategie der offenen Hähne weiterverfolgt wird. Die OPEC will die Nicht-OPEC-Staaten wie Russland oder Mexiko dazu bringen, an möglichen Drosselungen mitzuwirken. Saudi-Arabien, das die größten freien Produktionskapazitäten der Welt hat, war früher auch die Zentralbank des Ölmarktes genannt worden, weil das Land für Ausgleich sorge, um die Preise zu stabilisieren. Abgesehen davon, dass dies schon immer eine verklärte Sicht war, ist das Königreich offenbar nicht mehr gewillt, allein die Kosten zu tragen. Laut der Internationalen Energieagentur betrug die Überversorgung des Marktes im dritten Quartal rund 1,5 Millionen Fass. Auch wenn die saudische Produktion um diese Menge zurückginge, würden die gut gefüllten Lager weiterhin für Angebotsdruck sorgen. Zudem warten die amerikanischen Schieferöl-Produzenten auf höhere Preise, um wieder mehr zu fördern. Und auch Iran und der Irak sind bestrebt, mehr zu pumpen.

Die Zeit soll die Wunden heilen

Die OPEC setzt mit der Verschiebung einer Entscheidung auf Zeit. Laut mehreren Prognosen (vor dem Treffen) dürfte vor allem in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres das Pendel zugunsten der Organisation umschlagen (vgl. Grafik). Die Phase niedriger und volatiler Erdölpreise wird damit vorerst anhalten. Nach der Entscheidung fiel der Preis der Erdölsorte Brent auf weniger als 43 Dollar je Fass und erholte sich danach etwas. Auf mittlere Frist kann sich aber das Risiko eines schnellen Preisanstiegs erhöhen, wenn die Nicht-OPEC-Produktion stärker zurückgefahren wird. Saudi-Arabiens freie Produktionskapazität ist derzeit gering. Ein plötzlicher Angebotsschock, beispielsweise ausgelöst durch einen politischen Konflikt, würde die Preise zum Schwingen bringen.