Gerald Lechner

Randnotiz

Operettenland Niederösterreich: Die Landesbank schenkt ihrem Aufseher ein Konzert

Meinung / von Georg Renner / 04.01.2016

Einmal angenommen, ein Staatsbetrieb, sagen wir die ÖBB, würde einen Abend lang auf Unternehmenskosten das Burgtheater anmieten, um Infrastrukturminister Alois Stöger vor versammelter Prominenz aus Wirtschaft und Politik Gelegenheit zu geben, sich als versierter Shakespeare-Laiendarsteller zu inszenieren – was wäre davon zu halten? Ein staatseigener Betrieb, Allgemeingut also, der seinem obersten Eigentümervertreter und Überwacher eine Bühne kauft – und nicht irgendeine, sondern die wichtigste des Landes. Werbung für einen Politiker auf Staatskosten wäre das, also etwas, das der Gesetzgeber mit dem Kopfverbot bei Inseraten inzwischen verboten hat. (Was nicht heißt, dass es nicht geschieht, wie zuletzt im Wien-Wahlkampf zu beobachten war.)

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Noch kritischer würde das ganze, wenn es sich um jenen Politiker handelt, der als Eigentümervertreter zur Verwaltung und Aufsicht über das Unternehmen bestellt ist: Der Personalien entscheidet, Projekte autorisiert, Staatshaftungen geben und nehmen könnte und sich für das Unternehmen medial ins Zeug legt – oder eben nicht. Kurz: Jemand, den man als Manager des Staatsbetriebs immer gerne gnädig stimmen sollte.

Undenkbar, oder?

Der Finanzlandesrat als Musiker

Was im Bund bisher noch nicht vorgekommen ist, ist im Land Niederösterreich gang und gäbe: Wie schon seit acht Jahren in jedem zweiten Jahr hat die – zu hundert Prozent im Landeseigentum stehende – Hypo Niederösterreich am 2. Jänner zu einem Neujahrskonzert in die wichtigste Konzerthalle des Landes geladen, das St. Pöltner Festspielhaus. Es spielte das Waidhofner Kammerorchester, ein ausgezeichneter Laienverband – und nicht unter der Leitung von irgendwem: am Dirigentenpult stand einer der mächtigsten Männer im Machtgefüge Niederösterreichs: Wolfgang Sobotka, Finanzlandesrat, Stellvertreter Erwin Prölls als Landeshauptmann und Obmann des NÖAAB.


Credits: Kammerorchester Waidhofen

Jetzt kann man außer Streit stellen, dass Sobotka qualifiziert ist, das Konzert zu leiten, bei dem unter anderem Stücke aus „Fledermaus“, „Zigeunerbaron“ und „Bettelstudent“ auf dem Programm standen. Der studierte Historiker, Musiklehrer und Cellist hat nicht nur jahrelang die Musikschule in Waidhofen an der Ybbs geleitet, sondern auch am Linzer Brucknerkonservatorium Dirigieren gelernt, musikalisch dürfte das einwandfrei sein.

Was dem von der Hypo als Kunden- und Imageveranstaltung ausgewiesenen Event – die 1.000 Plätze wurden 5.000 Kunden und Stakeholdern angeboten und nach first come, first serve-Prinzip vergeben, erklärt ein Sprecher – aber einen etwas säuerlichen Beigeschmack verleiht, ist, dass Sobotka in der Landesregierung auch zuständig für Verwaltung und Aufsicht über die Beteiligung an der Hypo ist.

Win-Win-Situation

Jetzt kann man natürlich sagen, dass gerade der Oho-Faktor – ein profimäßig dirigierender Politiker, hallo! – die Veranstaltung erst attraktiv macht und nur so das vollgefüllte Festspielhaus garantiert wäre; dass es also im Interesse der Hypo liegt, Sobotka als Dirigenten zu gewinnen. Andererseits gibt die Veranstaltung dem Landesrat aber auch reichlich Gelegenheit zur medialen Inszenierung: In der meistgesehenen Nachrichtensendung des Landes, NÖ heute, konnte er etwa über die Parallelen zwischen musikalischer und politischer Führung philosophieren, auch eine Präsenz in den Gesellschafts- und Kulturseiten der Regionalmedien dürfte ihm sicher sein – nicht zuletzt der Präsenz politischer Prominenz von Innen- und Justizministern abwärts im Publikum wegen – mehr dazu in der Presseaussendung der Hypo.


Credits: Gerald Lechner

Dass die Veranstaltung für Sobotka einen signifikanten Werbewert hat, zeigt sich schon daran, dass er auf seiner neuen Facebook-Seite mit einem Gewinnspiel für Restkarten für die Veranstaltung geworben hat.

Die Idee für ein solches Konzert sei aber nicht aus Sobotkas Büro gekommen, sondern von der Bank selbst: „Die Idee, ein Neujahrskonzert zu organisieren, entwickelte sich vor mehr als 8 Jahren aus der HYPO NOE heraus“, schreibt ein Sprecher auf Anfrage von NZZ.at. Und finanzieren würde die Veranstaltung alleine die Bank, das (ebenfalls im Landeseigentum befindliche) Festspielhaus oder die dahinterstehende Kulturgesellschaft des Landes würde nicht mitzahlen.