Dimas Ardian / Bloomberg

Wachstumsimpulse

Ostasien trotzt den Unkenrufen

von Manfred Rist / 12.04.2016

China und andere ostasiatische Schwellenländer werden der Weltwirtschaft weiterhin zentrale Impulse verleihen. Instabilität bleibt laut Weltbank ein Thema, aber ihr Ausblick enthält wenig Nahrung für Pessimisten.

Noch schließt die Weltbank in ihrem neusten Konjunkturausblick bis 2018 eine starke Wachstumsabschwächung in China nicht aus; es hätte Konsequenzen für ganz Asien und darüber hinaus. Doch dieses Risiko schätzen die Autoren des Berichts als eher gering ein, und dieser Befund steht durchaus in Übereinstimmung mit jüngst publizierten Daten aus Peking. Und er wird durch die aktive Investitionspolitik der Regierung unterstrichen, die derzeit sichtlich bemüht ist, der mit geringerem Schwung drehenden Wirtschaft zusätzliche Impulse zu verleihen.

Pessimisten in der Pause

Das Wachstum in den Schwellenländern Asiens bleibt gemäß dem aufdatierten East Asia and Pacific Economic Outlook der Weltbank eine treibende Kraft der Weltkonjunktur. Der Befund überrascht nicht, hat heute aber besonderes Gewicht: Brasilien und Russland, beides Länder, die noch vor nicht langer Zeit für Furore sorgten, stecken derzeit in schweren Krisen. Der Elan in den Industrieländern bleibt zudem unter den Erwartungen. Umso wichtiger ist entsprechend die Erwartung, dass China bis 2018 mit BIP-Zuwächsen von über 6 Prozent aufwarten kann und andere Emerging Markets kräftig mitziehen werden.

Es ist in letzter Zeit etwas ruhiger geworden um die Pessimisten, die vor gewaltigen Überkapazitäten im Produktions- und Immobiliensektor in China gewarnt haben. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Grafik, die auf die Verlagerung zum Servicesektor weist. Der Weltbank-Bericht spricht denn auch von einer herausfordernden Neuausrichtung, zeigt sich aber zuversichtlich, dass China den Strukturwandel bewältigt. Diese Herausforderung – mit entsprechenden Chancen – beschränkt sich in der Region im Übrigen nicht auf China: Mit der Transpazifischen Partnerschaft (TPP), die Länder wie Vietnam und Malaysia und demnächst vermutlich weitere Asean-Staaten einschließen wird, seien Weichen gestellt worden, heißt es.

Kleine, aber wichtige Differenz

Konkret muss sich China auf eine moderate Wachstumsverlangsamung von 6,9 Prozent (2015) auf 6,5 Prozent bis 2017 einstellen. Dem stehen aber – das ist die erfreuliche Botschaft – recht robuste Volkswirtschaften in Ostasien (ohne Japan und Südkorea) gegenüber, die im Durchschnitt eher zulegen dürften, nämlich von 4,7 Prozent (2015) auf 4,9 Prozent per 2017. Der Unterschied mag marginal wirken, doch dieses Szenario ist auch auf dem Hintergrund der noch jüngst zirkulierenden Ängste zu sehen, dass eine neue Asienkrise nicht auszuschließen sei. Dass es nicht danach aussieht, ist auch an diversen Prognosen zu erkennen, die gerade den Währungen von Schwellenländern in Asien für dieses Jahr Auftrieb prognostizieren.

Besondere Erwähnung finden die Philippinen und Vietnam. Beide Staaten spielen im pazifischen Raum mittlerweile etwas größere Rollen, sind politisch stabil geblieben, und beide wachsen, derzeit mit gut 6 Prozent, überdurchschnittlich stark. Im Gegensatz dazu muss die neue indonesische Regierung ihr Versprechen für eine ähnliche Entfesselung einlösen. Doch die Weltbank gibt sich optimistisch, dass dank umfassenden öffentlichen Bauvorhaben endlich auch dort eine größere Dynamik ausgelöst wird.

Zwei Fünftel des Kuchens

Bei zwei weiteren Aspekten der Analyse scheint das Potenzial des asiatisch-pazifischen Raums auf. Noch handelt es sich hier überwiegend um Länder, die in der Regel den Status von „lower income“ oder bestenfalls von „middle income“ haben; also Pro-Kopf-Einkommen von bloss bis zu 4.000 Dollar jährlich aufweisen. Aber sie steuern derzeit doch etwa zwei Fünftel zum globalen Wachstum bei, das ist mehr als doppelt so viel wie andere Entwicklungsnationen zusammen.

Der andere Hinweis bezieht sich auf die Produktivität sowie die wirtschaftliche Erfassung aller Bevölkerungsschichten. Um die vergleichsweise hohen Wachstumsraten längerfristig abzusichern und auszubauen, seien vielerorts Strukturreformen nötig. Damit sind beispielsweise Investitionen in die Bildungs- und Gesundheitssysteme gemeint, die Chancen verbessern und Nachhaltigkeit schaffen. Ferner Reformen, die einen breiteren Zugang zu Kapitalmärkten und Wachstumssektoren gewähren, darunter jene, die dank der Digitalisierung helfen, alte Strukturen zu überwinden.