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Konjunktur

Osteuropäer sollen sich aus der Krise herauskaufen

von Leopold Stefan / 13.11.2015

Ökonomen warnen vor einem Wachstumseinbruch der Weltwirtschaft. Besonders hart trifft es Länder wie Russland, die unter den niedrigen Rohstoffpreisen leiden. Trotzdem gibt es in weiten Teilen Osteuropas konjunkturelle Lichtblicke. Österreichs enge Verflechtungen mit der Region machen sich bezahlt – auch wenn der Boom vor der Krise außer Reichweite bleibt.

Im Frühjahr sah die Welt noch besser aus. Im Oktober revidierte der IWF seine April-Prognose für das Weltwirtschaftswachstum für das laufende Jahr von 3,4 Prozent auf 3,1 Prozent. Die OECD setzte angesichts schwacher Handelszahlen Anfang der Woche noch eines drauf und senkte die eigene Prognose für 2015 von 3,0 auf 2,9 Prozent. Der Welthandel wuchs mit zwei Prozent auf dem niedrigsten Niveau seit Ausbruch der Finanzkrise – im vergangenen halben Jahrhundert gab es nur fünf vergleichbar schwache Jahre.

Schwellenländer wie Brasilien und Russland, deren Wirtschaft stark von Rohstoffexporten abhängt, schlittern in die Rezession. Bei Russland kommen die weiterhin aufrechten Sanktionen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt dazu. Nachdem die russische Zentralbank vor einem Jahr den Wechselkurs des Rubel freigegeben hatte, fiel die Währung im Takt mit dem Ölpreis stark ab. Die russische Wirtschaft soll heuer um rund vier Prozent schrumpfen. Bereits im Juni hatte sich abgezeichnet, dass die Kapitalflucht aus Russland kein temporäres Phänomen bleibt. Zuvor hätten Investoren abgezogenes Kapital in Zypern oder in der Unternehmenszentrale zwischengeparkt, um es später wieder nach Russland zurückzuführen, erklärt Gabor Hunya, Volkswirt am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsforschung WIIW. Auch im jüngsten Prognosebericht für Mittel-, Ost- und Südosteuropa des WIIW wurden die Wachstumsaussichten für Russland für das kommende Jahr auf ein Prozent (zuvor 1,9 Prozent) gesenkt.

Das russische Schicksal teilen die eng verflochtenen GUS-Staaten, Weißrussland und Kasachstan. Am stärksten ist jedoch die vom militärischen Konflikt gezeichnete Ukraine betroffen, deren Wirtschaft heuer über zehn Prozent zurückgehen soll.

EU-Mitglieder trotzen der Russlandkrise

Die am engsten mit Russland verflochtenen osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten haben die Schwäche des großen Nachbarn entgegen den Befürchtungen gut verkraftet. Im Mai 2014, noch vor dem Zerfall des Ölpreises im darauf folgenden Monat, warnte der slowakische Ministerpräsident Robert Fico vor einer Ausweitung der Wirtschaftssanktionen wegen der Ukraine-Krise. Der Slowakei stünde dadurch ein Rückgang des BIP-Wachstums im Jahr 2015 auf ein Prozent statt der bisher prognostizierten 3,1 Prozent ins Haus. Das WIIW erwartet für die Slowakei für das laufende Jahr sogar ein Wachstum von 3,2 Prozent. In Tschechien und Polen wird das höchste Wachstum in Zentraleuropa mit 3,9 und 3,5 Prozent im laufenden Jahr erwartet.

Zumindest heuer litten die Länder des Baltikums stärker unter der Schwäche Russlands: Estland, Lettland und Litauen büßen deshalb laut WIIW-Schätzung über zwei Prozent ihres BIPs 2015 ein. Litauen, das zehn Prozent seiner Exporte nach Russland schickt, werde heuer nur 1,6 Prozent wachsen. Doch für das gesamte Baltikum wird bereits für 2016 ein Wachstum zwischen drei und 3,4 Prozent erwartet.

Private Konsumlaune

Der bessere Ausblick für die osteuropäischen Mitgliedstaaten basiert nicht auf starken Exporten, sondern vor allem auf steigenden Ausgaben der privaten Hauhalte. Wachsende Reallöhne haben die Konsumfreude angetrieben. Einerseits hat die niedrige Inflation die Reallöhne gestützt, andererseits basieren sie auf gesetzlichen Maßnahmen, wie erhöhten Mindestlöhnen. Als langfristiger Wachstumsmotor können hohe Konsumausgaben aber nicht dienen. Bereits jetzt liegt deren Anteil in den meisten Ländern Osteuropas über dem EU-Schnitt. In den letzten fünf Jahren sind außerdem die Löhne in der Region stärker gewachsen als die Arbeitsproduktivität. Langfristig leidet darunter die Wettbewerbsfähigkeit. Neue Wachstumsimpulse müssen daher aus anderen Quellen kommen.

Das „Missing Link“ in Mittel-, Ost- und Südeuropa seien die privaten Investitionen der Firmen, erklärt Mario Holzner, Volkswirt am WIIW. Dahinter stecke eine teilweise sehr hohe private Verschuldung, die in der Region fast durchgehend höher als jene der öffentlichen Hand liegt. In Bulgarien, Estland und Kroatien übersteigen die privaten Schulden sogar die Gesamtwirtschaftsleistung. Angesichts zaghafter privater Investition soll die EU in die Bresche springen. Zwischen 2014 und 2020 stehen den östlichen Mitgliedsländern zwischen 1.500 bis über 2.100 Euro pro Kopf für Investitionen zur Verfügung. Diese Mittel sollen von den jeweiligen Staaten noch ergänzt werden.

Nicht mehr wie früher

Es bleibt zweifelhaft, ob Osteuropa wieder so starke Wachstumszahlen wie vor der Krise erreichen wird, als massive private Kapitalzuflüsse mit wachsender Produktivität einhergingen. Mittelfristig bremsen auch die langen Nachwirkungen der Wirtschaftskrise, die sich in Europa als „ double-dip recessionwiederholtes Abgleiten in eine wirtschaftliche Rezession “ geäußert hat, erklärt WIIW-Volkwirt Amat Adarov. Die hohe und lang andauernde Arbeitslosigkeit während der Krise wirke sich in andauernder niedriger Produktivität aus. Teils würden auch Migrationsbewegungen weiterhin höhere Arbeitslosenraten in Osteuropa maskieren.

Die prognostizierte Erholung der osteuropäischen EU-Länder, auch wenn sie unter dem Vorkrisenniveau bleibt, bedeutet gute Nachrichten auch für die hiesige Wirtschaft. Österreich war Mitte 2015 weiterhin der drittwichtigste Auslandsinvestor in den osteuropäischen EU-Mitgliedsländern, nach Deutschland und den Niederlanden. Die Bedeutung der Region bleibt allerdings unter dem Rekordniveau von 2007. Vor der Krise gingen zwei Drittel der Auslandsinvestitionen in die neuen Mitgliedsstaaten im Osten sowie in die Balkanländer. Heute ist es immerhin noch ein Drittel. Gemessen an der Handelsverflechtung mit den mittel-, ost- und südosteuropäischen Ländern liegt Österreich sogar an der EU-Spitze. Angesichts der hohen Quote an notleidenden Krediten in Osteuropa, die auch dem österreichischen Bankensektor zusetzen, ist ein moderateres Wachstum langfristig vielleicht sogar vorzuziehen.