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Pekings Kampf gegen die „Kapitalflucht“

von Matthias Müller / 09.02.2016

Über die einst über alle Zweifel erhabene chinesische Wirtschaft fegt ein Sturm hinweg, durch den auch die Währung unter Druck geraten ist. Die Windrichtung könnte sich jedoch bald wieder drehen, schreibt NZZ-Korrespondent Matthias Müller aus Peking.

Beim Begriff „Kapitalflucht“ taucht unweigerlich das Bild von Privatpersonen vor dem geistigen Auge auf, die hektisch versuchen, ihr Erspartes zu retten, um es außerhalb eines sich in Schieflage befindenden Landes in Sicherheit zu bringen. Diese Terminologie ist in den vergangenen Wochen häufig mit China in Verbindung gebracht worden. Und tatsächlich nehmen die Devisenreserven Chinas seit einigen Monaten kontinuierlich ab. Im vergangenen Jahr haben sich die Kapitalabflüsse laut Ökonomen der japanischen Großbank Mizuho auf 700 Milliarden Dollar summiert. Beliefen sich die Devisenreserven im Juni 2014 mit annähernd 4.000 Milliarden Dollar auf einem Rekordwert, schmolzen sie bis Ende Januar dieses Jahres auf 3.230 Milliarden Dollar zusammen. Nimmt man als Daumenregel, dass ein Land ohne Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten so viele Devisen halten sollte, um die kurzfristigen Verbindlichkeiten begleichen zu können, ist China aber immer noch in einer komfortablen Position. Das Land übertrifft die Vorgabe um das Vierfache.

Schlechte Kommunikation

Wie falsch die Metapher einer „Kapitalflucht“ aus China ist, belegen die Gründe, die hinter den Abflüssen stecken. Nachdem die Notenbank People’s Bank of China (PBoC) im August und Dezember vergangenen Jahres zweimal ihre Wechselkurspolitik neu justiert und diese Maßnahmen jedoch nicht begründet hatte, mehrten sich die Befürchtungen, China ziehe in den Währungskrieg, um die Exporte zu stimulieren.

Jene chinesischen Firmen, die vor allem in Dollars verschuldet sind, reagierten klug: Wegen des schwächeren Yuan – und der stärkeren amerikanischen Währung – beglichen sie einen Teil ihrer Dollar-Verbindlichkeiten, um den Schuldenberg nicht weiter wachsen zu lassen. Andere Investoren schichteten ihr Portfolio um. Wegen des stärkeren Dollars – auch als Folge der minimalen Zinswende und der an Fahrt aufnehmenden Wirtschaft in den Vereinigten Staaten – wurden in dieser Währung denominierte Vermögenswerte attraktiver. Schließlich nahmen auch die Zweifel am Zustand der chinesischen Wirtschaft zu. De facto blieb in den meisten Fällen das Geld jedoch auf dem chinesischen Festland. Vor diesem Hintergrund erscheint der Begriff „Kapitalflucht“ in einem anderem Licht.

Die Vorkommnisse zeigen einmal mehr, wie schlecht die Kommunikation der PBoC ist und wie intransparent sie agiert. Mit dem Schritt im August, die Wechselkursfixierung gegenüber dem Dollar neu zu fixieren und mehr auf die Marktkräfte zu vertrauen, erfüllte die PBoC Vorgaben des Internationalen Währungsfonds, damit der Yuan in den Währungskorb für Sonderziehungsrechte aufgenommen wurde. Hinter der im Dezember erfolgten Entkopplung vom Dollar und einer stärkeren Orientierung an einem handelsgewichteten Währungskorb verbarg sich der Wunsch, künftig unabhängiger vom erstarkten Dollar agieren zu können. Da die Marktteilnehmer die Eingriffe irritierten, reagierten sie. Sie gingen aus dem Yuan und fragten Dollars nach. Das führte zu einer Schwächung der chinesischen Währung, was wiederum den Antrieb erhöhte, die Verbindlichkeiten in amerikanischer Währung zu verringern. Ökonomen sprechen in solchen Fällen von einem „Vicious Circle“ – einem Teufelskreis.

Staat greift in die Trickkiste

Die Reaktionen der Machthaber in Peking ließen nicht lange auf sich warten. Von einer weiteren Liberalisierung der Kapitalbilanz nahmen sie Abstand. Vielmehr griffen sie in den Instrumentenkasten, um die Kapitalverkehrskontrollen zu verschärfen. Es dürfte zwar dabei bleiben, dass Chinesen jährlich 50.000 Dollar ins Ausland transferieren können. Allerdings wurden Investmentfonds vom chinesischen Festland ermahnt, sie sollten nicht weitere Angebote für „Qualified Domestic Institutional Investor“ (QDII) entwickeln, in deren Rahmen chinesische Investoren ihr Geld im Ausland anlegen können.

Zudem erhielten chinesische Banken in Hongkong die Vorgabe, sie sollten ihre Kreditvergabe in Yuan auf dem Offshore-Markt verringern. Und Inhabern der chinesischen Kreditkarte Union Pay – des Pendants zu Maestro – ist seit Januar im Ausland nur gestattet, jährlich Transaktionen von 100.000 Yuan (etwa 13.500 Euro) zu tätigen; bis Ende vergangenen Jahres existierte noch keine Obergrenze. Mit solchen Eingriffen verschafft sich Peking zwar vorübergehend Luft. Wie die Märkte jedoch reagieren, wenn die Maßnahmen wieder rückgängig gemacht werden, steht auf einem anderen Blatt. China muss seine Finanzmärkte künftig weiter schrittweise liberalisieren, um die Branche effizienter zu machen und Investitionen ins Land zu locken. Kapitalverkehrskontrollen sind langfristig kontraproduktiv.