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Pensionssystem

Pensionen: Die Politik der kleinen Schritte – auch in die falsche Richtung

von Leopold Stefan / 06.10.2016

Österreich wird immer älter. Die staatliche Pensionsvorsorge berücksichtigt den demografischen Wandel jedoch kaum. Ein internationaler Vergleich verdeutlicht die Schwächen der heimischen Altersvorsorge. Nachhaltige Reformen stehen trotz laufender Pensionsverhandlungen in der Regierung nicht auf der Agenda.

Die Pensionen sind sicher, betonen Sozialminister seit jeher. Zuletzt hatte Alois Stöger (SPÖ) in der ORF-Pressestunde das auch begründet: Bisher hat das System gehalten, obwohl seit sechzig Jahren Kritik daran geübt werde. Jedoch macht nicht die Kritik an sich, sondern der demografische Trend dem Umlageverfahren zu schaffen.

Der Beschwichtigung des Sozialministers erinnert an ein Inselvolk, das seine Wälder unkontrolliert schlägert und bis zum letzten Baum weitermacht, weil bisher immer genug Holz vorhanden war. Zwar geht es bei den Pensionen nicht um einen totalen Kollaps, aber um eine potenziell massive Kostenexpansion. Auch wenn der Staat bis zuletzt die pünktliche Auszahlung der Renten gewährleistet, muss er in Zukunft dafür tief in die Taschen der Steuerzahler greifen, wenn der mangelnde Reformeifer fortgesetzt wird.

Alte Herausforderungen

Eine Studie der Allianz Versicherung bringt klare Ergebnisse: Im Jahr 2030 wird jeder dritte Österreicher älter als sechzig Jahre alt sein, die Lebenserwartung steigt statistisch um drei Monate pro Jahr und jedes zweite Kind, das heute zur Welt kommt, wird hundert Jahre alt.

Das Verhältnis zwischen den über 65-Jährigen zu jenen im Erwerbsalter – der sogenannte Altersquotient – wird mit der Pensionierungswelle der langlebigen Babyboomer in Österreich massiv zulegen: Von derzeit 28,3 soll der Altersquotient bis zum Jahr 2050 auf 54,8 steigen. Zum Vergleich: Vor einem halben Jahrhundert lag der Wert bei etwa 20. Das heißt, dass Mitte der sechziger Jahre auf fünf potenziell Erwerbstätige ein Rentner kam. Mitte dieses Jahrhunderts stehen jedem Pensionisten nicht einmal mehr zwei Jüngere im erwerbsfähigen Alter gegenüber.

Österreich steht bei der demografischen Belastung des Pensionssystems daher auf Platz 33 von 54 untersuchten Ländern. In Europa ist Alterung überall eine Herausforderung. Innerhalb der EU stehen Länder wie Italien oder Spanien noch deutlich schlechter da. Am alten Kontinent schneiden die Schweden mit Platz 15 noch am besten ab.

Spielraum für Politik

An der Demografie ändern Pensionsreformen wenig. Allerdings spiegelt der Altersquotient nicht das tatsächliche Verhältnis zwischen den Einzahlenden und Pensionisten in einem Umlagesystem wider. Schließlich gehen Österreicher im Schnitt nicht mit 65, sondern mit knapp 60 in Pension.

Bis zum Jahr 2060 soll die Relation von derzeit 626 Pensionen auf 856 zu 1.000 Versicherungsfällen steigen, wie die Prognose der Pensionskommission berechnet. Das bedeutet, dass der Anstieg nicht so dramatisch ausfällt, wie der rein demografische Trend suggeriert. Dafür ist das Belastungsverhältnis heute schon wesentlich höher.

Außerdem ist nicht jeder Pensionsversicherte in Österreich erwerbstätig. Auch die Mehrheit der heuer knapp 400.000 Arbeitslosen ist pensionsversichert.

Mitte des Jahrhunderts könnte daher auf jeden tatsächlich arbeitenden Österreicher ein zu erhaltender Pensionist kommen.

Mehr Säulen für die Stabilität

Durch die Kombination aus Umlagesystem im Zusammenhang mit dem demografischen Trend landet Österreich auf Platz 28 im Nachhaltigkeitsranking der Allianz.

Die Empfehlung lautet daher, die zweite und die dritte Säule des Pensionssystems stärker auszubauen. Damit ist einerseits die betriebliche Vorsorge gemeint, bei der ein Teil des Lohnes angelegt und im Pensionsalter als Rente ausgezahlt wird. Die dritte Säule betrifft private Vorsorgeformen.

Nun überrascht es nicht, dass ein Versicherungsunternehmen zum Schluss kommt, dass mehr fürs Alter gespart wird, anstatt einfach dem zukünftigen Finanzminister die Verantwortung zu übertragen, das Geld für die Pensionen auszuzahlen. Allerdings kommen Institutionen wie EU, OECD oder Experten in der Pensionskommission alle zum selben Schluss.

Mit dem Ausbau der persönlichen Altersvorsorge erhielte der Staatsbürger mehr Verantwortung für seine Zukunft. Eine umfangreiche Umstellung des Systems – wie in der Schweiz – sei aber in Österreich de facto unmöglich, meint Pensionsexperte Ulrich Schuh.

Gewollter Luxus

Wichtiger ist daher, das bestehende Umlagesystem nachhaltiger zu gestalten. Priorität hat dabei die Angleichung der Antrittsalter von Männern und Frauen. Außerdem ist Österreich eines von drei EU-Ländern, die noch immer keine automatische Anpassung der Altersvorsorge an die Lebenserwartung der Menschen eingeführt haben.

Dass sich Österreich bei der Nachhaltigkeit des Pensionssystems im Mittelfeld bewegt, spricht nicht notwendigerweise für durchschnittliche Effizienz: Wenn der Staat entschlossen ist, viel ins Pensionssystem zu stecken, auch auf Kosten anderer Bereiche wie Bildung und Forschung, sind die Pensionen formal auch besser abgesichert. Das lässt sich teuer erkaufen.

Österreich beschreitet diesen Weg bisher konsequent: Gemessen am BIP geben in der EU nur Italien und Frankreich mehr für Renten aus. Die angekündigten Reformen für Ende Oktober lassen wenig zu hoffen über. Ein Pensionsautomatismus oder eine zügige Anhebung der Antrittsalter stehen nicht einmal zur Debatte.

Stattdessen hat Sozialminister Alois Stöger vergangene Woche bereits anklingen lassen, dass er Zuverdienste im Pensionsalter stärker sanktionieren will. Das wäre ein gewohnt kleiner Schritt – aber in die falsche Richtung.