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Analyse

Pensionen sichern wie die Schweden

von Leopold Stefan / 31.01.2016

Ende Februar diskutiert die Regierung über den demographischen Druck auf die Pensionen. Dabei wäre ein Blick ins Ausland sehr lehrreich. Länder wie Schweden und die Schweiz haben auf sehr unterschiedliche Weise schon längst gegengelenkt, um die Altersvorsorge nachhaltig zu sichern. Eines zeigen aber beide Fälle: Der Handlungsbedarf in Österreich ist enorm.

Österreich hat eines der kompliziertesten Pensionssysteme der Welt. Das ermöglicht Politikern an kleinen Stellschrauben zu drehen und ein endloses Tauziehen über Lappalien zu veranstalten, ohne wirklich das große Problem in Angriff zu nehmen: der Generationenvertrag stößt an die Grenzen der alternden Bevölkerung.

Obwohl vergleichbare Volkswirtschaften wie die Schweiz und Schweden ebenso starken demographischen Druck ausgesetzt sind, ist die Altersvorsorge in beiden Ländern viel nachhaltiger organisiert. Das schwedische und das Schweizer Pensionsmodell unterscheiden sich stark voneinander, doch eines haben sie gemein: Die Kosten sind nur halb so hoch wie in Österreich.

Aufstieg und Fall des alten Schwedens

Die Geschichte kommt einem bekannt vor: Ende der Sechzigerjahre hatte Schweden das vierthöchste Pro-Kopf-Einkommen unter den Industriestaaten der OECD. Den andauernden Wachstumsboom nutze das skandinavische Land, um in den folgenden zwei Jahrzehnten einen großzügigen Wohlfahrtsstaat aufzubauen. Während die Realeinkommen nach Steuern stagnierten, dehnte sich der Staatssektor zur gleichen Zeit massiv aus und die Verschuldung nahm überhand. 1990 brach die Wirtschaft zusammen und schlitterte in eine tiefe Rezession.

Zwischen 1990 und 1993 sank das Schwedische BIP um fünf Prozent. Als Reaktion auf die Krise einigte sich eine parteiübergreifende Mehrheit auf eine Reihe liberaler Reformen, wie ein Überblick des schwedischen Think Tanks Reforminstitutet beschreibt. Ein Kernstück der Maßnahmen war ein zukunftssicheres Pensionssystem, das seit seiner Einführung vielen Ländern als Vorbild diente.

Automatismus statt leerer Versprechen

Die Schweden hätten Anfang der 1990er auf eine nachhaltige Altersvorsorge umgestellt, nicht weil sie vorausschauender waren als die Österreicher, sondern weil der Leidensdruck schon so hoch war, erklärte der damals beteiligte Pensionsexperte Edward Palmer von der Universität von Uppsala bei seinem letzten Besuch im November in Wien.

Eines vorweg: Das Herzstück des schwedischen Pensionssystems basiert weiterhin auf einem Umlageverfahren, bei dem die heute geleisteten Beiträge, die aktuell ausgezahlten Pensionen finanzieren. Gleichzeitig ahmt die staatliche Altersvorsorge ein beitragsorientiertes System nach, wie sie etwa private Pensionsfonds verwenden.

Statt Leistungsansprüche in Form einer bestimmten Pensionszahlung bis an das Lebensende zu erwerben, wie es in Österreich der Fall ist, erhält jeder schwedische Arbeitnehmer einen Anspruch auf ein fiktives Pensionskonto gutgeschrieben, das verzinst wird.

Am Ende des Erwerbslebens erhält jeder schwedische Pensionist eine konstante monatliche Auszahlung, die davon abhängt, wie profitabel die Verzinsung über die Erwerbsjahre ausgefallen war und wie sich die durchschnittliche Lebenserwartung entwickelt hatte.

Ist die Wirtschaft gewachsen, erhält jeder etwas mehr Pension. Lebt der durchschnittliche Schwede länger, gibt es monatlich etwas weniger Rente. Mit diesem Automatismus ist für die wirtschaftliche und demographische Alterung vorgesorgt. Unabhängig davon existieren Mindestpensionen und Beitragsdeckelungen für Ärmere.

Die Verzinsung der Pensionsansprüche ist nicht vom Kapitalmarkt abhängig. Das könnte gar nicht gehen, zumal der Staat die Sozialabgaben, die vom Lohn abgezogen werden, an die Pensionisten auszahlt. Die fiktiven Beiträge hingegen verzinst der Staat anhand der Entwicklung der Reallöhne, da diese die Basis für die Pensionsausgaben bilden.

Wenn die Wirtschaft stark wächst und die Löhne steigen, erhält der Staat mehr Einnahmen aus Sozialabgaben. Da die laufenden Pensionszahlungen über den Automatismus nachhaltig gesichert sind, teilt der Staat die zusätzlichen Mittel unter den künftigen Pensionen auf. Daraus ergibt sich die Verzinsung.

Länger Vorsorgen

Eine automatische Anpassung der Pensionszahlungen an die Lebenserwartung bewahrt überalternde Gesellschaften vor dem finanziellen Kollaps, stellt aber keine Garantie für großzügige Leistungen dar.

Ob die Höhe der Pensionen im Alter auch ausreichen, um davon in Würde zu leben, hängt davon ab, wie viel und wie lange für den Ruhestand gespart wurde. Daher sei eine Pensionsreform ohne Anpassung des faktischen Antrittsalters reine Zeitverschwendung, erklärt Nicholas Barr, Professor an der London School of Economics im Gespräch.

In Österreich lag das faktische Pensionsantrittsalter 2015 nach nationaler Berechnung bei 60,1 Jahren. Eine Tatsache, die Vertreter der Sozialdemokratie gerne als Beweis anführen, dass das Pensionssystem auf sicheren Beinen stehe. Im internationalen Vergleich ist das aber der drittschlechteste Wert nach Frankreich und Italien

Auch in Schweden hat man im Zuge der Reform das gesetzliche Antrittsalter für beide Geschlechter auf 65 Jahre angeglichen und die Anreize so gesetzt, dass das faktische Antrittsalter sowohl bei Frauen (64,2) als auch bei Männern (65,2) nahe am offiziellen Wert liegt.

In der Schweiz liegt das effektive Antrittsalter sogar knapp eineinahlb Jahre über dem Gesetzlichen. Im Gegensatz zu Österreich, wird länger Arbeiten beim westlichen Nachbar nicht sanktioniert, sondern sogar aktiv durch Steuervorzüge gefördert.

Eidgenossenschaftliches Sparen

Ein optimales Vorsorgesystem für alle Länder gibt es laut Barr nicht. Unterschiedliche politische Systeme passen zu verschiedenen Pensionsmodellen. Eine funktionierende Sozialpartnerschaft handelt die Verteilung von Bürden fair aus, unabhängige Institutionen garantieren Nachhaltigkeit und schützen vor staatlicher Willkür. Aber letztlich ist die Balance aus Umverteilung und Selbstverantwortung eine Frage des gesellschaftlichen Konsens.

Das Schweizerische Drei-Säulen-Modell, das per Volksabstimmung 1972 eingeführt wurde, setzt verstärkt auf kapitalgedeckte Anlageformen, bei der die laufenden Beiträge der Arbeitnehmer investiert und im Pensionsalter wieder ausgezahlt werden.

Trotzdem erhält ein Schweizer Medianlohnbezieher rund 60 Prozent seiner Rente über das staatlich gedeckte Umlageverfahren (AHV), der ersten Säule. Rund die Hälfte der Rentner unterliegen auch in der zweiten Säule, der kapitalgedeckten, betrieblichen Vorsorge und ein Viertel investiert zusätzlich auf privater Basis, der dritten Säule. Das Anlagevolumen dieser Kassen beträgt derzeit etwa 120 Prozent der Wirtschaftsleistung und soll bis zum Jahr 2035 auf 145 Prozent des BIP steigen. Somit profitiert ein wesentlicher Teil der Pensionisten vom Zinseszins-Effekt.

Besser vorsorgen

Barr empfiehlt in jedem Fall eine Mischung aus Umlage- und kapitalgedeckten Verfahren. Auch in Schweden ergänzt die kapitalgedeckte Vorsorge das beitragsorientierte System. Rund ein Sechstel der Sozialabgaben fließen in Pensionsfonds, die sich Arbeitnehmer frei aussuchen. Da sich die meisten nicht entscheiden wollen, gibt es einen automatisch vorgegebenen Fonds.

Die passende Wahl eines Pensionsfonds sei de facto nicht möglich, sagt Barr. Der Pensionsexperte wüsste selber nicht, welchen Anbieter er auswählen würde. Bei einem Abendessen mit einem Administrator und einem Gestalter des schwedischen Rentensystems hätten ihm beide versichert, dass auch sie in den automatisch vorgegebenen Fonds einzahlen.

Dass Anleger sich unter der breiten Palette privater Vorsorgeoptionen nicht auskennen, spreche aber nicht gegen ein kapitalgedecktes Verfahren. Vor allem staatliche Vorsorgefonds haben Kostenvorteile, die individuelle Anlegern nicht zugänglich sind.

Außerdem legen Staatsfonds strategisch langfristig an. Für individuelle Anleger, die zum Zeitpunkt eines Kurseinbruchs in Pension gehen, ist das Risiko viel höher, als für betriebliche, oder staatliche Pensionsfonds. Meldungen, wie die vom Rekordverlust des Norwegischen Staatsfonds im vergangenen Oktober, schmälern die solide langjährige reale Rendite von 3,6 Prozent kaum.

Abseits der Märkte investieren

Die genaue Kombination aus Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren bestimmt die Verteilung des Risikos bei der Altersvorsorge einer Gesellschaft. Die Nachhaltigkeit muss unabhängig davon gewährleistet sein, sonst lässt sich weder Umverteilen, noch in Selbstverantwortung vorsorgen.

Abseits von fiktiven Beitragskonten und Anlagefonds sollten Staaten in Wirtschaftswachstum investieren, um die Rente zu sichern. Die Rechnung sei einfach, erklärt Barr: Niedrige Fertilitätsraten senken den Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung. Damit die Wirtschaftsleistung nicht sinkt, müssen weniger mehr an Wertschöpfung erbringen.

Dazu brauche es Investitionen in Kapital, wie bessere Maschinen, oder in Humankapital. Letzteres ist für entwickelte Volkswirtschaften die Priorität. Einen Teil des angesparten Rentenguthabens sollte daher direkt in Ausbildungsmaßnahmen fließen, um die Gesamtproduktivität einer Volkswirtschaft auch bei sinkender Beschäftigung sicherzustellen, sagt Barr. Je größer die Zahl zukünftiger Pensionisten, desto mehr wird automatisch in Ausbildung investiert: Das wäre ein nachhaltiger Generationenvertrag Österreichs.