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Inflation

Perverse Geldpolitik: Wenn sich Notenbanker teureres Öl wünschen

von Gerald Hosp / 11.04.2016

Der Erdölpreis fällt. Gleichzeitig gehen die weltweiten Wachstumsaussichten zurück. Für den Chefökonomen des IWF hängt dies mit den ultraniedrigen Zinsen zusammen.

Hoffen manche Zentralbanken darauf, dass Erdölproduzenten wie Saudi-Arabien, Russland, Venezuela oder Nigeria in der kommenden Woche eine Deckelung der Förderung vereinbaren, um den Erdölpreis zu stützen? In einer verkehrten Welt der ultraniedrigen oder gar negativen Zinsen kann die Antwort Ja lauten. Der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), Maurice Obstfeld, meint auf alle Fälle, es sei kompliziert.

Geldpolitik am Anschlag

Üblicherweise wird davon ausgegangen, dass fallende Ölpreise die Weltwirtschaft stimulieren. Den Konsumenten in den Verbraucherländern steht mehr Geld zur Verfügung. Ein Rückgang der Erdölnotiz kann dabei mit einer Steuersenkung verglichen werden. Dieser Effekt überwiegt in der Regel den Rückgang der Investitionstätigkeit und des Konsums in den Produzentenländern, deren Gewicht in der Weltwirtschaft relativ gering ist. Die Petro-Staaten verfügen zudem häufig über Geldpolster, mit denen Durststrecken überstanden werden können. Seit dem starken Fall des Erdölpreises, der 2014 einsetzte, lässt sich aber kein Aufschwung feststellen. Vielmehr werden die Aussichten für die Weltwirtschaft nach unten angepasst. Die Rechnung, dass in den Importländern mehr konsumiert und investiert wird, geht nicht überall auf.

Laut Obstfeld haben die Zentralbanken ihre geldpolitischen Möglichkeiten angesichts des langsamen Wirtschaftsverlaufs bereits ausgereizt. Niedrigere Erdölpreise stimulieren die Wirtschaft, weil sie zu geringeren allgemeinen Produktionskosten und zu einer reduzierten Teuerungsrate führen. Dies ermöglicht den Notenbanken, die Zinsen zu senken. Weil die Zinsen aber nicht weiter fallen können, führt eine geringere Inflation zu einem Anstieg der realen Zinsen, die als nominale Zinsen abzüglich der Inflation definiert sind. Dadurch würde die gesamtwirtschaftliche Nachfrage beeinträchtigt. Obstfeld bleibt vage: „So etwas in dieser Art könnte derzeit in manchen Volkswirtschaften ablaufen.“

Dazu gesellt sich noch ein weiterer negativer Punkt: Wenn die Konsumenten in den Industrieländern der Überzeugung sind, dass die Inflation wegen der niedrigen Erdölpreise nicht steigen wird, halten sie womöglich auch Ausgaben zurück. Dies zeigt sich beispielsweise in den Vereinigten Staaten, wo die Sparquote in der vergangenen Zeit zugenommen hat. In Europa bleibt die Investitionstätigkeit schwach. Ein perverser Effekt könnte sich in einem alternativen Szenario einstellen: Wenn der Erdölpreis steigt, sinkt der Realzins, was die Wirtschaft stimulieren sollte.

Stochern im Nebel

Der IWF-Chefökonom gibt selbst zu, dass es ein Stochern im Nebel ist. Es gibt auch andere Erklärungen. Zunächst ist es wichtig zu unterscheiden, ob die Erdölpreise wegen einer geringeren Nachfrage oder eines höheren Angebots gefallen sind. Ein großer Teil des Absturzes ist sicherlich auf die stärker sprudelnden Erdölquellen zurückzuführen. Aber: Die Ökonomen Christiane Baumeister und Lutz Kilian zeigen in einer Studie auf, dass der Zerfall des Erdölpreises zwischen Juni und Dezember im Jahr 2014 um 49 Dollar je Fass rund zur Hälfte auf eine schwächere Nachfrage zurückzuführen war.

Dazu kommt, dass die Vereinigten Staaten zwar immer noch ein Netto-Importland sind. Die steigende Erdölförderung war in den vergangenen Jahren jedoch ein Wirtschaftstreiber, was mit den Produktions- und Investitionskürzungen im US-Schieferölsektor nicht mehr der Fall ist. Zudem ist der Dollar in dieser Zeit stärker geworden. Dies führt auch zu weniger Nachfrage nach Erdöl, das weltweit in der amerikanischen Währung abgerechnet wird. Langfristig nimmt zusätzlich die Energieintensität, der Zusammenhang zwischen Erdölverbrauch und Wirtschaftsaktivität, ab. Ausserdem kürzten einige Länder die Treibstoffsubventionen, sodass der Preiszerfall nicht völlig durchschlägt.

Die Quasi-Steuersenkung durch niedrigere Ölpreise könnten die Leute in den Industrieländern auch teilweise dazu nutzen, ihren Berg an privaten Schulden abzubauen. Dies verströmt zwar in der Regel keine Wachstumsimpulse, dadurch würde aber die Gesundung der Wirtschaft voranschreiten. Mit diesen Faktoren lässt sich auch das Paradox erklären, dass ein geringerer Preis für das schwarze Gold für das Wirtschaftswachstum nicht von Vorteil ist. Manche Aspekte wie eine erhöhte Sparneigung und der verstärkte Schuldendienst sind auch Gegenargumente gegen das sogenannte Helikoptergeld, bei dem die Notenbanken Geld direkt oder über eine Steuersenkung an die Konsumenten verteilen würden. Der „Abwurf“ billigen Öls hat nicht zum erwünschten Ergebnis von mehr Wirtschaftswachstum und Inflation geführt. Notenbanken, die sich tatsächlich höhere Ölpreise wünschen, sollten besser nicht bekommen, was sie begehren.