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Pharmafusion

„Pfizergan“ entsteht

von Christiane Hanna Henkel / 23.11.2015

Pfizer macht mit der Transaktion nicht nur einen großen Schritt in Richtung Aufspaltung, sondern verringert mit der gleichzeitigen Verlegung des Konzernsitzes nach Irland seine Steuerlast. NZZ-Korrespondentin Christiane Hanna Henkel berichtet aus New York.

Der Pharmakonzern Pfizer hat einen weiteren und entscheidenden Schritt in seiner mehr als 150 Jahre langen Geschichte gemacht: Das amerikanische Traditionsunternehmen übernimmt für rund 160 Milliarden Dollar den irischen Konkurrenten Allergan. Nach der Transaktion steht einer seit längerem anvisierten Aufspaltung von Pfizer nun nichts mehr im Weg. Man werde über eine allfällige Aufspaltung des neu entstehenden Konzerns in einen Bereich mit innovativen und einen mit reifen Produkten spätestens Ende 2018 entscheiden, teilte das Unternehmen am Montag mit.

Das Ende der „Blockbuster“

Pfizer steht seit längerem vor der Herausforderung, enorme Umsatzeinbussen durch Produkte auszugleichen, deren Patente auslaufen. Zu den ehemaligen „Blockbustern“, deren vormals milliardenschweren Umsätze durch den wegfallenden Patentschutz eingebrochen sind, gehören etwa das Cholesterin-Mittel Lipitor, das im deutschsprachigen Raum unter den Namen Sortis und Atorvalan vertrieben wird, oder auch das Potenzmittel Viagra.

Die eigene mit Milliarden ausgestattete Forschungsabteilung hat diese Lücke bei Pfizer nicht schliessen können. Wie andere Konzerne auch, hat Pfizer einiges über die Erhöhung von Preisen bestehender Medikamente ausgleichen können. Pfizer hat überdies schon vor über zwei Jahren einen Weg beschritten, der zu einem auf wenige Bereiche konzentrierten, aber dort sehr starken Konzern führen soll. Dazu hatte Pfizer den Bereich der Tiergesundheit in das neue, börsenkotierte Unternehmen Zoetis abgespalten und schliesslich intern die verbleibenden Aktivitäten in einen Bereich mit innovativen und einen mit reifen Produkten gegliedert. In den letzteren fallen Produkte ohne oder mit bald ablaufenden Patentschutz; diesen hatte Pfizer erst im Februar mit dem 17-Milliarden-Dollar-Kauf von Hospira gestärkt.

Spätere Aufspaltung aufgegleist

Mit der nun am Montag bekanntgegebenen Akquisition baut Pfizer vorwiegend Muskeln im Bereich der innovativen Produkte auf. Aus dem Zusammenschluss entsteht ein Gigant, dessen allfällige Teile auch nach einer Aufspaltung noch eine respektable Grösse hätten: Pfizer (Marktwert von 194 Milliarden Dollar) hat im vergangenen Jahr mit rund 78 300 Mitarbeitern bei einem Umsatz von 47,9 Milliarden Dollar einen Gewinn von 8,4 Milliarden Dollar erzielt. Und Allergan (Marktwert von 120 Milliarden Dollar) erwirtschaftete mit 21 600 Mitarbeiten einen Umsatz von 17,7 Milliarden Dollar, musste aber einen Verlust von 2,5 Milliarden Dollar verbuchen.

Der neue Konzern wird unter dem Namen Pfizer Plc firmieren und seinen Hauptsitz im irischen Dublin haben. Geführt wird er vom bisherigen Pfizer-CEO Ian Read, der auch dem Verwaltungsrat vorsitzen wird. Der in Akquisitionen und Fusionen geübte Allergan-Chef Brent Saunders übernimmt den Posten des COO. Der Chefsessel eines, aus einer allfälligen Aufspaltung hervorgehenden Unternehmens für reife Produkte, dürfte für ihn reserviert sein.

Kräftiger Aufpreis

Pfizer zahlt einen kräftigen Aufpreis für Allergan: Die New Yorker legen rund 30 Prozent mehr auf den Tisch als Allergan noch Ende Oktober und damit vor Auftauchen entsprechender Merger-Gerüchte wert war. Pfizer-Aktionäre werden an dem neuen Unternehmen 56 Prozent halten, jene von Allergan rund 44 Prozent. Den Kaufpreis dürfte der Verwaltungsrat von Pfizer und Konzernchef Read den Aktionären vor allem mit dem Hinweis auf die strategische Bedeutung – Stärkung vor der Aufspaltung – schmackhaft machen. In gewisser Weise stand Read sowieso unter starkem Zugzwang, weil er erst jüngst mit mit dem geplanten Kauf der britischen AstraZeneca an politischem Widerstand in Grossbritannien gescheitert war.

Mit der nun am Montag angekündigten Akquisition kann Read seinen Aktionären enorme Steuerersparnisse in Aussicht stellen: Der neue Pfizer-Hauptstandort Irland ist aus amerikanischer Perspektive ein Steuerparadies. Unternehmen müssen dort maximal 12,5 Prozent ihres Gewinns abführen, während diese Quote in den USA bei maximal 35 Prozent liegt; in der Schweiz liegt sie übrigens bei 8,5 Prozent. Konkret hatte Pfizer im letzten Jahr 26 Prozent des Gewinns abführen müssen und die damals noch unter Actavis firmierende Allergan nur 5 Prozent. Für Pfizer ist die Verlagerung des Sitzes nach Irland auch deswegen attraktiv, weil es nun seinen Bargeldbestand und um im Ausland reinvestierte Gewinne von rund 74 Milliarden Dollar nicht mehr bei einer allfälligen Rückführung in den USA versteuern muss.

Politischer Gegenwind

Pfizer schätzt, dass das neue aus dem Zusammenschluss entstehende Unternehmen im ersten vollen Geschäftsjahr nach dem erwarteten Abschluss der Transaktion in der zweiten Hälfte des Jahres 2016 eine effektive Steuerquote von 17 Prozent bis 18 Prozent haben wird. Dieser wohl entscheidende Motor hinter der Pfizerschen Akquisition könnte aber auch deren grösste Hürde werde: Das amerikanische Schatzamt nämlich will dem steten Abwandern von Firmen aus Steuergründen einen Riegel vorschieben und hat bereits zweimal die Gesetze verschärft. Von der erst letzte Woche veröffentlichten Verschärfung hat sich Pfizer aber nun offensichtlich nicht abhalten lassen. Das Vorgehen dürfte von der Regierung als Kampfansage gewertet werden. Das gilt umso mehr, als die US-Politik bereits von den für nächsten nächstes Jahr angesetzten Präsidentschaftswahlen geprägt wird. Sollte die Politik mit Pfizer – immerhin einer der ältesten und profiliertesten US-Konzerne – nicht ziehen lassen, so käme das Pfizer teuer zu stehen: Die Break-Up fee beträgt bis zu 3,4 Milliarden Dollar.

Bevor Pfizer nun tatsächlich mit einer allfälligen Aufspaltung ein ganz neues Firmenkapital aufschlagen kann, müssen die beiden Pharmakolosse erst einmal integriert werden. Beide Konzerne haben grosse Erfahrung bei der Bewältigung von Akquisitionen. Pfizer bricht denn auch mit dem Kauf von Allergan einen Rekord, des es selbst vor mehr als einer Dekade aufgestellt hatte. Im Jahr 1999 hatte es den Konkurrenten Warner-Lambert für rund 90 Milliarden Dollar gekauft und damit einen über 16 Jahre in der Pharmabranche gehaltenen Rekord aufgestellt.

Allergan selbst ist das Resultat einer vor mehr als einer Dekade in Gang gesetzten Kette von Zukäufen und Zusammenschlüssen. Das Unternehmen begann ursprünglich unter dem Namen Watson Pharmaceuticals. Im Jahr 2012 kaufte Watson den Schweizer Konkurrenten Actavis auf, unter dessen Namen es ab dann firmierte. Den grössten Schritt hat das Unternehmen erst vor einem Jahr gemacht: Im November 2014 kündigte Actavis den Kauf des Botox-Herstellers Allergan für 66 Milliarden Dollar, im Juni wurde der Zusammenschluss vollzogen. Das Unternehmen firmiert seitdem unter dem Namen Allergan. Erst im Juli verkaufte der Konzern dann einen Grossteil seiner Generika-Sparte für 41 Milliarden Dollar an den israelischen Generika-Spezialisten Teva Pharmaceutical Industries. – Die Aktionäre reagierten am Montag zunächst sehr zurückhaltend auf die Ankündigung des Pfizer-Allergan-Zusammenschluss: Die Pfizer Aktien verloren am Vormittag im New Yorker Handel 2,2 Prozent, jene von Allergan 2,4 Prozent.