Pharmaindustrie: Exorbitante Preise schaden dem Ruf der Branche

von Ronald Gerste / 10.09.2016

Das US-Pharmaunternehmen Mylan sorgt mit extremen Preiserhöhungen wieder einmal für Ärger unter den Patienten – und für einen Imageschaden, unter dem die ganze Branche zu leiden hat.

Der Termin war entweder unglücklich gewählt – oder gezielt provokativ. Pünktlich zum Schulbeginn nach den langen Sommerferien in den USA hat das Pharmaunternehmen Mylan den Preis für einen sogenannten Epi-Pen mehr als verdoppelt: Zwei dieser kleinen mit dem Wirkstoff Epinephrin (Adrenalin) gefüllten Spritzen zur Selbstanwendung kosten jetzt 600 $. Diese Autoinjektoren genannten Applikatoren finden sich in den Schultaschen jener Kinder, die unter schweren allergischen Krankheitsbildern wie u. a. Asthma leiden. Die Injektion mit dem Hormon, durch den Autoinjektor buchstäblich kinderleicht gemacht, kann binnen Sekunden die Attacke unterbinden und in extremen Fällen lebensrettend sein.

Die Preiserhöhung hat in den USA für Aufsehen und Ärger gesorgt. Viele Eltern können sich den Epi-Pen nun nicht mehr leisten. Mylan versuchte die öffentliche Empörung mit einem Scheinkompromiss in den Griff zu bekommen: Die Firma will eine generische Version des Epi-Pen auf den Markt bringen, die indes immer noch teurer als das alte Original ist. Das Besondere an der Marktdominanz des Unternehmens ist nicht der Wirkstoff: Adrenalin gibt es seit Jahrzehnten, und es ist seit langem patentfrei. Das Patent liegt vielmehr auf dem Applikator, der Spritze, die so leicht zu bedienen ist wie ein Kugelschreiber.

Nirgendwo auf der Welt ist es so teuer, krank zu sein, wie in den USA, und die Aufregung um den Epi-Pen weist auf eines der Symptome hin, an denen das Gesundheitssystem krankt. Extremer als Mylan war im vergangenen Jahr der Chef von Turing Pharmaceuticals vorgegangen, Martin Shkreli, der den Preis eines Medikamentes gegen Toxoplasmose (Daraprim) um 5500% erhöhte und diesen Schritt mit entwaffnender Ehrlichkeit mit der Aussage begründete: «Weil ich es kann.» Diese Vorgehensweise schadet der Reputation einer ganzen Industrie – jener, der wir zu grossen Teilen unsere heutige hohe Lebenserwartung verdanken und von deren Forschungsanstrengungen wir den Durchbruch gegen Krebs, Alzheimer und andere Leiden erwarten.