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Pharmaindustrie: Konkurrenz belebt das Krebsmittelgeschäft

von Sergio Aiolfi / 17.10.2016

Im innovativen Bereich der Immun-Onkologie herrscht ein intensiver Wettbewerb. Roche beteiligt sich an dieser Konkurrenz mit Erfolg. Die Nase vorn haben jedoch die Amerikaner.

Die Idee ist bestechend einfach: Krebs wird mit dem körpereigenen Immunsystem bekämpft, wie wenn er ein Grippevirus wäre. Die sogenannte Immun-Onkologie hat in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte erzielt und stellt für Pharmakonzerne ausserdem ein lukratives Betätigungsfeld dar. Das in diesem speziellen Marktsegment zu erzielende Verkaufsvolumen wird auf bis zu 35 Mrd. $ pro Jahr geschätzt – ein Jackpot, den viele Firmen zu knacken versuchen. Mittlerweile engagiert sich alles, was in der Pharmawelt Rang und Namen hat, in der Immun-Onkologie.

Nur wenige Auserwählte

Allerdings ist es bisher erst drei Firmen gelungen, für ihre Immun-Onkologie-Präparate eine Marktzulassung zu erlangen. 2014 erhielt die US-Firma Bristol-Myers Squibb (BMS) von der Gesundheitsbehörde FDA die Lizenz für den Verkauf eines Mittels namens Opdivo, das zur Behandlung von Hautkrebs dient. Ein Jahr später wurde dasselbe Produkt auch für die Indikation Lungenkrebs zugelassen. Als Nächster war der US-Konzern Merck an der Reihe: 2014 erhielt er die Lizenz zum Verkauf des Präparats Keytruda, das wie Opdivo zur Bekämpfung von Hautkrebs einsetzbar ist. Auch in diesem Fall folgte ein Jahr später die Zulassung für die Behandlung von Lungenkrebs. Dritter im Bunde war – mit etwas Verspätung – Roche; im Mai 2016 erhielten die Basler die Bewilligung für die Vermarktung von Tecentriq, einem Wirkstoff zur Behandlung von Blasenkrebs.

Seit 2014 stehen BMS und Merck im harten Wettstreit um die Vorherrschaft am Immun-Onkologie-Markt. Obschon die Anwendungsbereiche ihrer Mittel ähnlich sind, ist es BMS gelungen, einen Vorsprung zu erarbeiten. Das Produkt Opdivo hat den Vorteil, dass es breit appliziert werden kann, während im Fall des Merck-Präparats Keytruda die Patienten vor einer Verschreibung mittels eines Diagnostiktests selektioniert werden müssen: Nur wer sich aufgrund einer bestimmten Zellkonstellation eignet, erhält Keytruda. Die Patienten-Population ist beim Merck-Produkt mithin kleiner als jene beim BMS-Produkt.

Die Unterschiede in der Verschreibungspraxis haben ihren Niederschlag in den Verkaufszahlen gefunden; im ersten Semester des laufenden Jahres kam Keytruda auf einen Erlös von 563 Mio. $, derweil Opdivo einen Umsatz von 1,54 Mrd. $ erzielte.

Im August allerdings wendete sich das Blatt unversehens, da BMS im Kampf um die Pole-Position im Bereich Lungenkrebs einen Rückschlag erlitt. Sowohl das BMS-Medikament wie jenes von Merck haben bei Lungenkrebs die Marktzulassung für eine sogenannte Zweitlinienbehandlung; die Präparate kommen nur zur Anwendung, wenn die derzeit beste Behandlungsoption (eine Chemotherapie) versagt. Ein Medikament erster Wahl erzielt selbstredend höhere Umsätze als eine Zweitlinientherapie. BMS beschloss nun, klinische Tests durchzuführen, die demonstrieren sollten, dass sich Opdivo für die Erstlinientherapie eignet. Das misslang. Im August wurden Daten publiziert, die zeigten, dass das Produkt weniger wirksam war als die bisherige Bestbehandlung mit einer Chemokeule.

Umgekehrt hat Merck an einer Onkologie-Konferenz (ESMO), die vergangene Woche in Kopenhagen stattfand, Daten vorgelegt, die darlegen, dass der Einsatz von Keytruda den Zustand von Lungenkrebs-Patienten in höherem Grade verbessert als die Chemotherapie. Das Merck-Präparat dürfte mithin eine Lizenz für die Erstlinienbehandlung erhalten.

Löwenanteil geht an den Sieger

Und wie steht es um Roche? Auch die Basler, die mit Tecentriq bisher in der kleinen Indikation Blasenkrebs aktiv waren, versuchen im umsatzträchtigeren Bereich Lungenkrebs Fuss zu fassen. An der ESMO hat Roche ebenfalls überzeugende klinische Daten vorgelegt, die beweisen, dass das Präparat bei der Behandlung von Lungenkrebs besser wirkt als eine gängige Chemotherapie. Und man erwartet eine baldige Marktzulassung. Allerdings wird es eine Lizenz für eine Zweitlinienbehandlung sein. Roche dürfte mit Tecentriq in der Lungenkrebs-Behandlung also mit Opdivo von BMS gleichziehen. Die beiden Firmen werden aber nicht verhindern können, dass Merck die Position des Klassenbesten einnimmt und sich so beim Erschliessen des entsprechenden Marktpotenzials eine bevorzugte Stellung sichert. Der im Bereich Lungenkrebs zu erzielende Umsatz wird auf 10 Mrd. bis 15 Mrd. $ veranschlagt.