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Nintendo

Pokémon – eine Figur macht Kurse

von Krim Delko / 14.07.2016

Das Softwareunternehmen Nintendo hat eine kleine Kulturrevolution hervorgerufen.

San Francisco ist eine Stadt, in der man mit Extremen rechnen muss. Sobald man glaubt, nicht mehr überrascht werden zu können, zeigt sich ein unerwartetes Phänomen. So hat das japanische Softwareunternehmen Nintendo mit der Lancierung des mobilen Internetspiels Pokémon Go hier und anderswo soeben eine kleine Kulturrevolution ausgelöst.

Reale Umsätze entscheidend

Tausende Pokémon-Spieler laufen wie besessen durch die Strassen von Downtown, den Golden Gate Park oder über die gleichnamige Brücke und suchen nach virtuellen Pokémons. Das Spiel hat sich innert Stunden wie ein Flächenbrand verbreitet. Millionen von Nutzern sollen die mobile App heruntergeladen haben; die Aktien von Nintendo sind in den vergangenen Tagen um bis zu 74% gestiegen. In Wall-Street-Kreisen gehen Analytiker davon aus, dass Nintendo als Inhaber der Pokémon-Rechte mit diesem Spektakel viel Geld verdienen wird.

Verantwortlich für die Technologie hinter Pokémon Go ist aber nicht Nintendo selbst, sondern ein kleines Startup namens Niantic Labs, das von einem Google-Ingenieur-Team lanciert wurde. Niantic bringt ortsspezifische Ereignisse, die per GPS geortet werden, mit Computerspielen in Verbindung. Bei Pokémon Go zum Beispiel wird einem Spieler per Handy mitgeteilt, dass sich ein Pokémon auf der Golden-Gate-Brücke befindet. Diese Spielfigur ist zwar virtuell, doch der Ort ist echt – und der Spielteilnehmer muss tatsächlich auch dorthin gehen, um sie schließlich per Handyklick zerstören zu können.

Dieser Zusammenhang zwischen der GPS-Technologie und den virtuellen Pokémons stösst in Technologiekreisen auf enormes Interesse. Schließlich handelt es sich hierbei um „augmented reality“ – oder um das Zusammenbringen virtueller Realität mit echten Ereignissen. Im Fall von Pokémon Go werden Spieler beispielsweise aufgefordert, sich in gewissen Cafés oder Museen zu treffen. Diese profitieren von dem entstehenden Besucherstrom und können den Umsatz steigern.

Der Einsatz der „augmented reality“ in der Werbung und im Marketing liegt folglich auf der Hand. Das Thema wird seit Jahren von Silicon-Valley-Unternehmen wie Google oder Facebook gepriesen. Nebst Computerspielen sehen sie Chancen in der Entwicklung von Software im Ausbildungsbereich sowie bei Film und Medien.

Nintendo selbst verdient laut Analytikern an Pokémon Go in Form von sogenannten In-App-Angeboten. Damit ist der Verkauf virtueller Produkte und Dienste gemeint, die von Spielern gekauft werden, um im Spiel voranzukommen. Der Kursanstieg der Nintendo-Aktien zeigt, wie enthusiastisch die Wall Street solche Umsatzmöglichkeiten bewertet. Doch es gibt auch Probleme. So ist es seit der Lancierung des Spiels zu zahlreichen digitalen Sicherheitsproblemen gekommen, wobei E-Mail-Konten von Spielern unrechtmäßig angezapft wurden. In der „realen Welt“ soll es gemäß Angaben der Polizei zu Unfällen, Schlägereien, Ausschreitungen und anderen Unwägbarkeiten gekommen sein.

Nicht die erste Eintagsfliege

Skeptiker weisen zudem darauf hin, dass Nintendo schon öfter solche Phänomene verursacht habe, die aber nicht nachhaltig gewesen seien. Das spiegelt sich auch im Kursverlauf der Aktien wider, die in den vergangenen zehn Jahren immer wieder starke Ausschläge erlebt haben, insgesamt jedoch kaum zuzulegen vermochten. Ob es sich auch in diesem Fall nur um eine kurzfristige Euphorie handelt, bleibt offen. Doch Pokémon Go zeigt, dass die „augmented reality“ echte Chancen hat, sich in der realen Welt durchzusetzen. Wer langfristig davon profitieren wird, ist laut Analytikern nicht klar. Nebst Google und Facebook sehen die Auguren auch große Möglichkeiten im Medienbereich und in Hollywood, wo mit der Technologie neuartige Erlebnisformen geschaffen werden können.