Sergei Karpukhin / Reuters

Moskau verkauft Erdölkonzern

„Privatisierung“ von Bashneft

von Benjamin Triebe / 07.10.2016

Es ist eine „Privatisierung“ der russischen Art: Der staatlich kontrollierte Erdölriese Rosneft darf Bashneft kaufen. Es könnte sogar noch absurder kommen.

Das wachsende Haushaltsloch und geringe Vorlieben für Ordnungspolitik führen in Russland zu einer „Privatisierung“, die das Gegenteil des Wortsinnes bedeutet. Die Regierung hat in einem am Donnerstagnachmittag publizierten Dekret den Verwaltungsrat des staatlich kontrollierten Erdölriesen Rosneft ermächtigt, den kleineren Konkurrenten Bashneft zu kaufen. Bashneft ist ebenfalls mehrheitlich in Staatsbesitz und steht auf einer Liste von Firmen, die zur Privatisierung vorgemerkt sind. Das Vorhaben ist seit Monaten umstritten. Mitte August wurde ein Verkauf – an wen auch immer – noch auf unbeschränkte Zeit verschoben.

Schon zu Zeiten eines hohen Erdölpreises tat sich Moskau mit der Reduktion der staatlichen Dominanz in der Wirtschaft schwer – und mit dessen Zerfall wurden die Konditionen schlechter und mögliche Privatisierungen noch zweifelhafter. Doch auch das russische Staatsbudget leidet unter dem tiefen Erdölpreis und wird dieses Jahr voraussichtlich ein Minus von 3,7% des Bruttoinlandprodukts erreichen. Rosneft war stets an Bashneft interessiert, doch ob der Konzern an einer Privatisierung teilnehmen sollte, war auch in Kreml-Kreisen umstritten. Rosneft-Chef Igor Setschin gilt als enger Vertrauter von Wladimir Putin, doch selbst der Präsident hatte sich jüngst unbestimmt über eine Beteiligung Rosnefts geäussert.

Nun muss der russische Staat seine Kontrolle über die als strategisch wichtig geltende Erdölbranche nicht lockern und erhält dennoch Geld in die Kasse – womöglich mehr als ausländische oder private Konzerne wie Lukoil, die ebenfalls interessierte Nummer 2 der Branche, bezahlt hätten. Laut dem Dekret darf Rosneft bis zu 330 Mrd. Rbl. (5,3 Mrd. $) ausgeben, um den Anteil des Zentralstaates von 50,1% des Aktienkapitals an Bashneft zu erwerben. Die vom Staat beauftragten Buchprüfer von Ernst & Young veranschlagten den Wert des Pakets zuvor auf bis zu 315 Mrd. Rbl. Die Teilrepublik Baschkortostan hält weitere 25% der Aktien.

Bashneft gelangte erst Ende 2014 mehrheitlich in Staatsbesitz, nachdem der Mehrheitseigentümer, der Milliardär Wladimir Jewtuschenkow, ins Visier der Ermittler geraten war und seine Anteile an Moskau hatte abtreten müssen. Schon damals wurde spekuliert, ob hinter der undurchsichtigen Verstaatlichung Rosneft-Chef Setschin steckt, der sich später Bashneft einverleiben wolle und ein Hühnchen mit Jewtuschenkow zu rupfen habe. Manche Analytiker sprachen bereits von einem „zweiten Yukos“ – in Anlehnung an den vor rund einem Jahrzehnt zerschlagenen Erdölkonzern des Milliardärs Michail Chodorkowski, dessen wichtigste Produktionseinheiten damals Rosneft übernahm.

Rosneft produzierte im September knapp 3,9 Mio. Fass Erdöl und Kondensat pro Tag, rund 35% der russischen Rekordförderung von 11,1 Mio. Fass. Bashneft erreichte 426 000 Fass und war damit der landesweit sechstgrösste Produzent. Das Unternehmen hat den Ausstoss in den vergangenen Jahren konsequent gesteigert und arbeitet sehr profitabel. Rosneft wiederum hatte per Ende des zweiten Quartals einen hohen Cash-Bestand von über 1000 Mrd. Rbl. und könnte die Akquisition wohl meistern – trotz Schuldenrückzahlungen und eigenen Investitionsverpflichtungen.

Kurioserweise ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass Rosneft das Geld bald brauchen könnte, um sich selbst zu kaufen: Moskau möchte auch einen Minderheitsanteil an Rosneft privatisieren – und den könnte Rosneft laut jüngsten Spekulation selber erwerben und dann abwarten, bis die Marktbedingungen für einen Weiterverkauf auf eigene Rechnung besser sind. „Privatisierungen“ können in Russland eben viele Gesichter haben.