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Pro Reservewährungen: Papiergold statt Dollar

Meinung / von Justin Yifu Lin / 13.10.2016

Die Welt braucht eine neue supranationale Reservewährung, nämlich sogenanntes Papiergold. Diese Meinung vertritt der frühere Chefökonom der Weltbank, Justin Yifu LinJustin Yifu Lin ist Volkswirtschaftsprofessor an der Universität von Peking. Er war von 2008 bis 2012 Chefökonom der Weltbank. .

Die globale Wirtschaftskrise von 2008/09 hat bedeutende Schwachpunkte des Währungssystems offengelegt. Obwohl das System den anfänglichen Schock überstanden zu haben scheint, bleibt es zerbrechlich. Die globalen Ungleichgewichte, die die grosse Rezession ausgelöst hatten und die durch die überschüssige Liquidität verursacht worden waren als Folge der Finanzderegulierung und der Geldpolitik der USA, waren so riesig und dauerten deshalb so lang, weil der US-Dollar gleichzeitig den Status als wichtigste Reservewährung innehatte.

Neue supranationale Währung

Die Welt bewegt sich nun in Richtung eines diversifizierten Systems von Reservewährungen, einschliesslich des Dollars, des Euro und neu des chinesischen Yuan, der vor kurzem in den Korb für Sonderziehungsrechte aufgenommen wurde. Es ist zu erwarten, dass sich die zentrale Rolle des Dollars parallel zum schrumpfenden Anteil der amerikanischen Wirtschaft im Weltmassstab graduell – oder unter Umständen auch schockartig – abschwächt. Daraus ergeben sich zwei Fragen.

Erstens: Wie wird sich diese Entwicklung zu einem Multi-Reservewährungs-System auf die globale monetäre und wirtschaftliche Stabilität auswirken; wird mehr oder weniger Stabilität resultieren?

Zweitens: Gibt es eine Alternative zum bestehenden System, etwa die Schaffung einer neuen internationalen Reservewährung, die der Weltwirtschaft besser dient? Eine solche neue internationale Reservewährung wäre freilich nur akzeptabel, wenn sie zu einer Win-win-Situation für alle Länder (entwickelte und aufholende) führen würde.

Einige Ökonomen betonen, ein Multi-Reservewährungs-System wirke infolge des disziplinierenden Wettbewerbs zwischen den wichtigsten Reservewährungen stabilisierend. Sollte etwa ein Land mit Reservewährung mit lockerer Geldpolitik seine Eigeninteressen über jene der globalen Gemeinschaft stellen, könnten andere Länder auf andere Reservewährungen ausweichen. Dieses Argument hat seine Gültigkeit, solange alle Länder mit wichtigen Reservewährungen gesunde Wirtschaften haben. Da dies nicht der Fall ist und sowohl die USA als auch die Euro-Zone Mühe bekunden, Strukturreformen umzusetzen, und auch China Strukturschwächen aufweist, kann man die genannte Voraussetzung nicht als erfüllt betrachten.

Sollten sich derartige Schwächen in einem Reservewährungsland akzentuieren, könnte dies Fluchtbewegungen in andere Reservewährungsländer auslösen, die sich destabilisierend für das ganze System auswirken. Es entstünde eine Lose-lose-Situation für alle.

Stabilität könnte wiederhergestellt und der Konflikt zwischen widerstreitenden nationalen und globalen Interessen gelöst werden, wenn alle Länder eine einzige supranationale Reservewährung schaffen würden. Ich schlage daher vor, das existierende System nationaler Reservewährungen durch eine globale Reservewährung, genannt Papiergold (P-Gold), zu ersetzen.

Richtig ausgestaltet, kann eine internationale Reservewährung die inhärenten Konflikte von international als Reservewährungen genutzten Nationalwährungen vermeiden und gleichzeitig gewisse Vorteile von Edelmetallen nutzen, ohne deren Nachteile (limitierter Nachschub) in Kauf nehmen zu müssen.

P-Gold hat die Flexibilität von Papiergeld, indem es das Liquiditätswachstum parallel zum globalen Wirtschaftswachstum unterstützen könnte. Es wäre aber wie Gold „ausserhalb“ des Systems nationaler Währungen. Diese Konstellation würde stabile Wechselkurse offerieren ohne deflationäre Tendenzen, die dem Goldstandard eigen sind. Darüber hinaus würde es den inhärenten Interessenkonflikt zwischen nationalen, der eigenen Landespolitik verpflichteten Währungen, die gleichzeitig als internationale Reservewährungen dem globalen öffentlichen Gut der Stabilität zu dienen haben, eliminieren. Die neue Währung würde also die Vorteile des Geldes als Zahlungsmittel mit der Stabilität des Goldes verbinden.

Voraussehbar wären der politische Prozess zur Einführung einer neuen internationalen Währung und deren Kontrolle komplex, die ökonomische Struktur eines solchen Systems jedoch ziemlich einfach. Sie erforderte eine internationale Zentralbank zur Ausgabe des P-Goldes, basierend auf den Bestimmungen eines internationalen Vertrages. Die Länder hätten sich darüber zu einigen, P-Gold für internationale Transaktionen von Gütern, Dienstleistungen und Wertpapieren zu benutzen. P-Gold würde als Wertaufbewahrungs- und Tauschmittel sowie als Zahlungseinheit für internationale Transaktionen dienen. Eher technische Fragen wie die Festlegung des Geldmengenwachstums, die Verwendung des Geldschöpfungsgewinns, die Ausstattung und Kapitalisierung der neu zu schaffenden Zentralbank wären lösbar. Die einzelnen Länder könnten auch ihre nationalen Währungen beibehalten, müssten aber ihre Wechselkurse zum P-Gold festlegen. Auch könnten nationale Zentralbanken ihre Funktionen als Bankenregulierer, Überwacher und „lender of last resort“ auf nationaler Ebene weiter fortführen.

Als Unterzeichner eines internationalen Vertrags würden die Länder übereinkommen, einen Wechselkurs für ihre nationale Währung gegenüber der neuen globalen Währung festzulegen. Mit einem festen Wechselkurs ergäben sich für die Länder natürlich Einschränkungen in ihrer Geldpolitik. Der Grad der Kapitalmarktöffnung eines Landes müsste sorgfältig gewählt werden, basierend auf dem Grad der Unabhängigkeit der Geldpolitik, aber auch nationalen Gegebenheiten wie der Handelsstruktur und dem Entwicklungsniveau.

Um ein neues System fester Wechselkurse zu unterstützen, müssten die Länder internationale Reserven halten, um temporäre Zahlungsbilanzdefizite zu finanzieren. Adäquate anfängliche Einlagen könnten für jedes Reservewährungsland bestimmt werden. Entscheidend wären dabei Grössen wie das Verhältnis von Reserven zu kurzfristigen externen Schulden, Importzahlen oder eine Kombination solcher Werte.

Ein Vorteil für alle

Sollte sich das derzeitige Multi-Reservewährungs-System als so volatil wie vorausgesagt erweisen, besteht eine Chance, dass sich die Länder auf einen Vertrag zur Einführung des P-Goldes und eines neuen internationalen Währungssystems einigen können. Dies vor allem aus zwei Gründen: Erstens ist der Geldschöpfungsgewinn für die Reservewährungsländer gering, der Vorteil der Vermeidung schädlicher spekulativer Kapitalströme aber enorm. Zweitens sind die Vorteile für all jene Länder offenkundig, deren Währung keine internationale Reservewährung ist.

Das P-Gold ist eine verbesserte Version jenes Vorschlags von John Maynard Keynes, mit dem er Ende des Zweiten Weltkriegs eine internationale Währung namens Bancor etablieren wollte. Der Vorschlag wurde nie umgesetzt, weil die Welt Vertrauen hatte in den Dollar. Die US-Wirtschaft war stark, verfügte über die grössten Goldreserven und dominierte die Weltwirtschaft mit einem Anteil von über 50% des globalen BIP. Heute liegt der Anteil bei 20%, und das internationale Währungssystem ist wacklig. P-Gold wäre dem langfristigen Wachstum und der Stabilität förderlich, indem es die Schwankungen und Transaktionskosten reduzierte. Der Entscheid für eine internationale Reservewährung wäre für alle Beteiligten ein Gewinn, er sollte daher jetzt ernsthaft erwogen werden.