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"sozialismus der 21. Jahrhunderts"

Pulverfass Venezuela

von Alexander Busch / 04.06.2016

Nach 17 Jahren „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ ist Venezuela eines der ungerechtesten Länder der Welt. Die Inflation beträgt 480 Prozent und soll noch drastisch weitersteigen. Wie lebt und wirtschaftet es sich da?

Der Bankier Germán García-Velutini beschreibt den Irrsinn des Bankgeschäfts in Venezuela dieser Tage mit einem einfachen Vergleich: Die moderne Zentrale seiner Banco Venezolano de Credito, des ältesten Geldhauses Venezuelas, sei nach einer Dekade Hochinflation noch so viel wert wie sein gepanzerter Toyota-Geländewagen, den er sich gerade gekauft habe. „Die Preise haben ihre Allokationsfunktion verloren“, sagt der 58 Jahre alte Bankeigentümer bei einem Gespräch im neunten Stock des Verwaltungszentrums seiner Bank in Caracas.

Velutinis Geschäftsmodell geht derzeit nicht auf: Die Zinsen sind staatlich gedeckelt auf 24 Prozent, die Inflation in Venezuela aber ist dreistellig. Das bedeutet, dass die Bank permanent Kapital verliert. Nur weil Unternehmen den Zahlungsverkehr über seine Bank abwickeln und er Depositen von Privaten hält, kann er sein Kreditgeschäft noch subventionieren. Noch. Denn Venezuelas Finanzsystem steht vor einer Hyperinflation. Ein Indiz dafür, dass die Geldentwertung bald unkontrollierbar werden könnte, sieht Velutini darin, dass Spediteure ihre Lastwagen im Hof stehen ließen, weil deren Wert so mehr zunehme, als sie mit ihren Fahrten verdienen könnten. Der Bankier lächelt, als er sagt: „Wir sind ruiniert.“ Damit meint er nicht seine Bank, sondern sein Land.

480 Prozent Inflation – noch

Wie arbeiten Unternehmen in einem Land, in dem die Importe zum Erliegen gekommen sind? In dem der Staat alles kontrolliert? In dem der Dollar offiziell zehn Bolívar wert ist, auf dem Schwarzmarkt aber 1.100 Bolívar – und dabei ironischerweise „Bolívar Fuerte“, also „starker Bolívar“ heißt? Wo die Inflation heute 480 Prozent beträgt, aber nächstes Jahr bereits auf mehr als 1.600 Prozent ansteigen wird, wie der Weltwährungsfonds schätzt?

Bankdirektor Eduardo Carrasquero hat nach 31 Jahren Karriere vor kurzem die drittgrößte Bank des Landes, den Banco Mercantil, verlassen. Zuletzt hatte der 52-Jährige umgerechnet noch rund 5.000 Dollar im Jahr verdient – so viel wie einige Jahre zuvor noch im Monat. Die galoppierende Inflation und das Wechselkursregime haben Carrasqueros Gehalt aufgefressen. Frustriert ist er dennoch nicht. Im Gegenteil, er wittert Geschäftschancen. Die Wirtschaft stehe vor umfassenden Privatisierungen, sagt der Banker. Er berät nun ausländische Investoren, die in Venezuela investieren wollen. Das Land werde eine historische Fusions- und Übernahmewelle erleben, prophezeit er. Er habe viel zu tun. So suchten viele Familienunternehmer nach Käufern, weil der Nachwuchs fehle. Die Kinder wollten wegen der hohen Kriminalität nicht mehr in Venezuela leben. In den USA sammelten Fonds Gelder ein von Investoren, die auf den Tag X setzten, wenn das Regime des Präsidenten Nicolás Maduro endet. Der Übergang werde kompliziert, sagt der Banker überzeugt. Aber dann gebe es eine gewaltige aufgestaute Nachfrage, da im Land seit zwei Jahrzehnten nichts mehr investiert worden sei.

Dass die Krise nicht mehr lange weitergeht, darüber besteht Konsens in Venezuela. Das Linksregime ist angezählt, seit der Ölpreis vor drei Jahren von 120 auf jetzt noch 40 Dollar für das Fass venezolanischen Öls gesunken ist. Das Land steckt in einer schweren Rezession. Es fehlt das Geld, um die marode Kommandowirtschaft des Staates am Laufen zu halten. Deshalb druckt die Regierung Bolívar und heizt die Inflation an.

Doch wann Präsident Maduro abtritt oder aus dem Amt gedrängt wird – darüber wagt kein Gesprächspartner in Caracas dieser Tage eine Prognose. Die Opposition verfügt seit den Wahlen im vergangenen Dezember über die Zweidrittelmehrheit im Kongress. Sie hat ein Abwahlreferendum gegen den Präsidenten eingeleitet und die dafür nötigen Unterschriften eingereicht. Doch jetzt blockiert der Wahlrat: Gelingt es der Regierung, das Referendum bis ins nächste Jahr zu verschieben, dann gibt es keine Neuwahlen, sondern Maduros Vize rückt nach – so bestimmt es die Verfassung. Maduro hat bereits erklärt, das Referendum sei nicht bindend.

Hunger und Plagen

Für den Fall, dass Maduro das Referendum ignoriert, erwartet Fausto Masó, einer der führenden politischen Kommentatoren des Landes, Unruhen. Dann fehle das Ventil für die wachsende Unzufriedenheit, sagt er in einem Straßencafé, morgens nach seiner täglichen Radiosendung. Er zeigt auf die andere Straßenseite, wo sich vor einem Supermarkt eine Menschenschlange von über hundert Metern gebildet hat. Je näher die Wartenden an den Markt heranrücken, desto hitziger wird die Stimmung. Es kommt zu Streitigkeiten, die sich nur nicht ausweiten, weil Polizisten in Kampfanzügen mit Maschinenpistolen an der Straßenecke stehen. Der Versorgungsmangel treibe derzeit die Politik vor sich her, sagt Masó. Hier träfen sich die Mittelschicht und die Armen.

In Venezuela, einem der ölreichsten Länder der Erde, droht die Lebensmittelknappheit in eine Hungerkatastrophe zu kippen. Um 80 Prozent ist der Fleischverbrauch seit 2009 zurückgegangen, der Konsum der wichtigsten sechzehn Gemüsesorten um 60 Prozent. Jetzt fehlt selbst Zucker. Coca-Cola hat seine Produktion gestoppt. Bier wird bereits seit Ende April nicht mehr gebraut, weil die Brauereien kein Malz importieren dürfen. Maismehl – Grundnahrungsmittel der Venezolaner – droht auszugehen.

Die Fehlernährung belastet die Zukunft Venezuelas bereits jetzt. Das bekommen die Ausbilder beim Instituto Venezolano Suizo Henri Pittier direkt mit. 90 Kilometer südwestlich von Caracas ist die Lehrlingsausbildungsschule angesiedelt. In El Consejo steht es, einem heruntergekommenen Industriegebiet inmitten von brachliegenden Zuckerrohrfeldern und ärmlichen Straßendörfern. Die dort angesiedelten Schweizer Unternehmen haben das Institut vor vier Jahren eröffnet, weil ihnen der qualifizierte Nachwuchs fehlte. Die Lage hat sich seither dramatisch verschlechtert. Der Lehrlingsausbilder berichtet, dass er etwa einen Drittel der 16-jährigen Bewerber schon vor dem Test aussieben müsse, weil sie gesundheitlich nicht in der Lage seien, an einem Kurs teilzunehmen. Nur einer von fünfzig Jugendlichen besteht die Aufnahmeprüfung im ersten Anlauf. Selbst die Besten, die schließlich einen der begehrten 45 Ausbildungsplätze bekommen, schneiden beim theoretischen Eignungstest, den es seit siebzehn Jahren gibt, nur noch mit 25 Prozent der erreichbaren Punkte ab – vor einer Dekade waren es noch 75 Prozent. Heute fehle bereits einer von fünf Grundschülern täglich im Unterricht – wegen Hunger. Neugeborene werden nicht mehr gegen Kinderkrankheiten geimpft. Masern, Windpocken, Kinderlähmung drohen endemisch zu werden. Auch die Stechmückenplagen Dengue, Zika und Chikungunya grassieren, werden aber statistisch nicht registriert. Die Säuglingssterblichkeit ist seit 2012 um das Hundertfache gestiegen.

Keine Reserven mehr

Jhoender Martinez und Mayner Cano nützt die bestandene Ausbildung zum Elektrotechniker wenig. Die 21-jährigen Männer stehen etwas verloren im Büro des Instituts herum. Ihr potenzieller Arbeitgeber, ein Lebensmittelproduzent, hat sie nach der zweijährigen Ausbildung nicht weiterbeschäftigt. „Uns wurde gesagt, wir seien nach der Ausbildung ein Teil der Elite – aber jetzt will uns keiner“, sagen sie enttäuscht.

Inzwischen hat die Mangelversorgung auch die Mittelschicht erreicht. Seine Angestellten ließen immer öfter das Mittagessen ausfallen, weil das Geld nicht reiche, erzählt der deutsch-venezolanische Unternehmer Andreas Neuberger (Name geändert). Er kann das selbst kaum fassen. Neuberger hat 350 Mitarbeiter und vermittelt Dienstleistungen an Unternehmen – genauer möchte er mit seiner Branche nicht identifizierbar sein, wegen staatlicher Repressalien. Die Menschen hätten keine Reserven mehr, sagt er. Wenn jemand in der Familie krank werde, helfe nur noch beten. Das erging auch ihm, dem Unternehmer aus der Oberschicht, vor kurzem so. Seine Frau bekam hämorrhagisches Denguefieber – und es gab nirgends die nötigen Medikamente. Auch nicht auf dem Schwarzmarkt. Um ein Haar wäre sie gestorben, sagt der 55-Jährige wütend.

Seine Familie lebt inzwischen in Deutschland. Wie lange er noch ausharren soll, weiß er nicht. „Soll ich meine Reserven in dieses Sch…-Land investieren, bis ich pleite bin?“, fragt er zornig. Unter seinen rund achtzig Firmenkunden gebe es nur zwei, drei, die noch Gewinne machten. Nur wer nicht von ausländischen Importen abhängig sei und im Export Dollar verdienen könne – dem gehe es gut, sagt er.

„Blut, Schweiß und Tränen“

So wie Jorge Redmond Schlageter. Der 67-Jährige mit Schweizer Wurzeln ist ein Unternehmer alten Schlages. Einer der wenigen, die noch Anzug und Krawatte tragen im Karibikland in der Krise. Er produziert Schokolade. Venezuela hat den besten Kakao der Welt. Redmond kann hohe Preise für seine Produkte verlangen. Als Venezuela tiefer in die Krise rutschte, stärkte Redmond früh den Export: Seine Firma Chocolates El Rey liefert ein Viertel der Produktion ins Ausland und hat Filialen in der Schweiz, Japan und den USA. Dem Unternehmen mit 50 Millionen Dollar Umsatz geht es so gut, dass Redmond einen Konkurrenten in Venezuela kaufen wird. Dennoch sei das Geschäft schwieriger geworden: Früher habe man vier Genehmigungen benötigt, um einen Container Schokolade zu exportieren. Heute seien neunzig Einzelschritte und die Genehmigungen von neunzehn Ministerien für jede Ausfuhr notwendig. Um seine 250 Angestellten zu halten, tauscht Edmond mit befreundeten Unternehmern Lebensmittel gegen Schokolade. Auch Redmond kennt Investoren und Unternehmer, die fertige Investitionspläne in der Schublade haben – und nur auf den politischen Wechsel warten. Bankier Velutini aber sagt: „Wir sind wie Alkoholiker, die glauben, dass sie in wenigen Monaten geheilt sein werden.“ Der Umwandlungsprozess zur Marktwirtschaft und zur Demokratie werde Jahre dauern. Venezuela stünden lange Jahre mit Blut, Schweiß und Tränen bevor.